Panorama

127 Tote in der Reichspogromnacht in NRW

Düsseldorf. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 hat es im heutigen NRW 127 Todesopfer gegeben. Das hat ein Forschungsprojekt der Mahn- und Gedenkstätte ermittelt. Am Freitag jährt sich die Pogromnacht zum 80. Mal. Überschattet wird das Gedenken von einem in den letzten Jahren dramatisch gestiegenen Judenhass. Über dessen Hintergründe gibt es unterschiedliche Ansichten.

Gedenkstein einer 1938 in Mönchengladbach niedergebrannten Synagoge (Bild: NRW.direkt)

Der Begriff Novemberpogrome bezeichnet organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen der Nazi-Diktatur gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 über 1.400 Synagogen und andere Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört.

Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung zur Verfolgung der Juden, die später in die Shoa mündete. Früher wurden die Novemberpogrome wegen der Glasscherben vor den zerstörten jüdischen Geschäften auch als Reichskristallnacht bezeichnet. Der Begriff wird heute kaum noch verwendet, da er von vielen Menschen als verharmlosend empfunden wird.

Allein in Mönchengladbach wurden vier Synagogen von den Nazis niedergebrannt. Die Grundstücke wurden enteignet, der Stadt überlassen und von dieser später verkauft. Auf entsprechende Entschädigungen wartet die Jüdische Gemeinde, die sich in Mönchengladbach seit 1967 mit einer inzwischen zu kleinen Synagoge begnügen muss, bis heute.

Bislang publizierte Opferzahl „viel zu niedrig“

Ein am Montag in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf vorgestelltes Forschungsprojekt kam zu dem Ergebnis, dass mindestens 127 Menschen auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen während und kurz nach den Novemberpogromen den Tod gefunden haben. „Die Ergebnisse des Landesprojekts machen deutlich, dass die in der Forschung über Jahrzehnte publizierte Zahl von 91 Toten im gesamten Deutschen Reich viel zu niedrig ist. Diese Zahl stammt von den NS-Behörden selbst und wird bis heute immer noch in Ansprachen oder Darstellungen so kommuniziert“, sagte Bastian Fleermann, Projektleiter sowie Leiter der Mahn- und Gedenkstätte. „Lange hat man die Morde und Misshandlungen der Pogromnacht bagatellisiert, indem man vor allem auf die materiellen Schäden geschaut hat. Dass so viele Personen ermordet wurden oder starben, ist bis heute kaum bewusst.“

Seit Februar 2018 liefen die Forschungsarbeiten der Mahn- und Gedenkstätte der Stadt Düsseldorf zu dem Landesprojekt, an dem hunderte Archive und nordrhein-westfälische Gedenkstätten mitgewirkt haben. Einbezogen wurden Opfer, die in der Pogromnacht durch Gewalt oder später an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen starben. Die bisherige Recherche im Rahmen des Projektes benennt auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen Menschen, die in der Pogromnacht erschossen, erstochen oder ertränkt wurden. 44 Menschen starben an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen, die sie in der Pogromnacht erlitten haben. Es gab 42 Männer und Frauen, die angesichts der offenen Gewalt und der Erfahrung ihrer Schutzlosigkeit in und nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Selbstmord begingen.

Hinzu kamen als unmittelbare Folge der Ereignisse Opfer unter den jüdischen Männern, die während der Pogromnacht verhaftet und in den darauffolgenden Tagen als „Aktionsjuden“ in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden und dort oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben. Die bisherige Recherche benennt in diesem Zusammenhang 31 Männer aus NRW. Der abschließende Projektbericht nennt Namen und Biographien der Opfer, sofern diese noch zu eruieren waren.

„Die Furcht wächst, dass sich die damaligen Ereignisse wiederholen“

Am Freitag jähren sich die Novemberpogrome zum 80. Mal. Dazu wird es in nahezu allen größeren Städten Nordrhein-Westfalens entsprechende Gedenkveranstaltungen geben. Überschattet wird das Gedenken jedoch von einem in den letzten Jahren in Deutschland dramatisch gestiegenen Judenhass und zunehmenden Angriffen auf Juden. Zu den Ursachen dieser Entwicklung gibt es unterschiedliche Ansichten. Von Seiten der Politik und der Behörden wird zumeist auf Statistiken verwiesen, nach denen mehr als 90 Prozent der antisemitischen Straftaten von Rechtsradikalen verübt werden.

Juden selber sehen ihre heutige Situation zumeist differenzierter: „Seit der Wiedervereinigung und insbesondere seit der großen Welle von Einwanderung erleben wir mehr Hass. Und die Furcht wächst, dass sich die damaligen Ereignisse wiederholen“, sagte Rabbiner Yitzhak Hoenig beim letztjährigen Gedenken der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach.

„Bedrohung von rechts, links und von Muslimen“

„Es kann sein, dass die hauptsächliche Bedrohung für Juden von der Politik noch immer nur von rechts gesehen wird. Während wir als Juden diese Bedrohung mittlerweile von rechts, links und von Muslimen zu spüren bekommen“, sagte Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, Anfang September im NRW.direkt-Interview.

Dabei sprach Horowitz auch von einer Abwanderung vieler junger Juden in andere Länder: „Sie gehen nach Israel, nach London oder New York, also an Orte, wo große jüdische Gemeinschaften leben. Dort können sie das Gefühl haben, ihr jüdisch-sein etwas natürlicher zu leben. Und das ist sehr schade, denn wir wollen jüdisches Leben in Deutschland etablieren und auch halten. Wenn wir so was sehen, dann macht uns das schon große Sorgen.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Oded Horowitz

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