Düsseldorf Politik

„130.000 Juden kriegen wir schnell ausgeflogen“

Düsseldorf. Über 200 Menschen kamen am Donnerstag aus Anlass der jüngsten Übergriffe auf Juden zum „Kippa-Tag“ auf dem Heinrich-Heine-Platz. Fast alle namhaften Politiker der Landeshauptstadt glänzten jedoch durch Abwesenheit. Michael Szentei-Heise von der Jüdischen Gemeinde deutete die Möglichkeit der Evakuierung aller Juden aus Deutschland an.

Von links: Bastian Fleermann, Michael Szentei-Heise und Volker Neupert (Bild: NRW.direkt)

Mehr als 200 Menschen, darunter auch Polizeipräsident Norbert Wesseler, kamen am späten Donnerstagnachmittag zum „Kippa-Tag“ auf dem Düsseldorfer Heinrich-Heine-Platz. Volker Neupert von der Initiative „Respekt und Mut“ hatte die Veranstaltung organisiert. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von Bastian Fleermann, dem Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, sowie von Michael Szentei-Heise, dem Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD). Mit Ausnahme des Landtagsabgeordneten Rainer Matheisen (FDP) glänzten jedoch alle namhaften Politiker der Landeshauptstadt durch Abwesenheit.

Hintergrund der Solidaritäts-Kundgebung waren die jüngsten Übergriffe auf Juden in Nordrhein-Westfalen. Am Mittwoch vergangener Woche wurde ein 50-jähriger Professor aus den USA im Bonner Hofgarten angegriffen, weil er durch seine Kippa als Jude erkennbar war. Tatverdächtiger ist ein 20-jähriger Deutscher mit palästinensischer Abstammung. Nur zwei Tage später wurde ein 17-Jähriger, der ebenfalls durch seine Kippa als Jude zu erkennen war, in der Düsseldorfer Altstadt von einer rund zehnköpfigen Gruppe junger Männer beleidigt und angerempelt. Die noch nicht ermittelten Täter wurden von dem Opfer als südländisch oder nordafrikanisch beschrieben. Auffällig dabei war, dass alle Täter bärtig sein sollen.

Nicht der erste Übergriff dieser Art

Die jungen Frauen aus Ungarn werden von Demonstranten bedroht (Bild: NRW.direkt)

Die Pöbeleien gegenüber dem 17-Jährigen wurden in den Reden unter anderem als „der erste antisemitische Übergriff dieser Art in Düsseldorf“ bezeichnet. Einmal hieß es, Düsseldorf habe „seine Unschuld verloren“. Tatsächlich war es aber nicht der erste Übergriff dieser Art: Als im Sommer 2014 rund 1.000 überwiegend türkische und palästinensische Demonstranten bei einer anti-israelischen Demonstration den Rhein entlang zogen, rief eine in einem Straßencafé sitzende Touristin aus Ungarn plötzlich laut und wutentbrannt: „I love Israel!“

Daraufhin scherten rund 30 Männer aus der Demonstration aus und bedrohten die junge Frau sowie ihre Schwester. Beide flüchteten schnell in das Innere des Cafés. Ihren Verfolgern gelang es nicht, dort einzudringen. Daraufhin schlossen sich die Männer wieder dem Demonstrationszug an. Nachdem dieser weitergezogen war, traf auch die Polizei am Ort des Geschehens ein, womit die Frauen wieder in Sicherheit waren.

„Die Täter dürfen nicht sicher sein, damit durchzukommen“

Am Donnerstag auf dem Heinrich-Heine-Platz erhielt Volker Neupert spontanen und starken Beifall, als er eine harte Bestrafung der Täter vom vergangenen Freitag forderte. „Das gilt für islamistisch motivierte Täter genauso wie für Rechtsextreme oder sich anti-imperialistisch wähnende sogenannte Israel-Kritiker. Dies klar zu benennen hat nichts mit dem Schüren von Ressentiments zu tun; man muss die Dinge beschreiben, wie sie sind, schon aus Respekt vor denen, die solche Angriffe erleiden müssen.“

„Es ist nicht egal, wer und woher die Täter sind und welche Motivation sie haben. Antisemitische Übergriffe müssen umfassender, genauer und tätergruppenspezifisch detailliert erfasst werden, damit man Präventions- und Repressionsmaßnahmen darauf ausrichten kann“, fuhr Volker Neupert fort. „Die stille Qual jüdischer Kinder und Jugendlicher, die jahrelang gemobbt werden, die die Schule wechseln müssen, um dem zu entkommen, schnürt einem, schnürt mir die Seele zu.“ Damit spielte er darauf an, dass die JGD im letzten Jahr durch eine Flut von Schilderungen jüdischer Kinder und Jugendlicher über zunehmendes Mobbing durch muslimische Mitschüler an Düsseldorfer Schulen erschüttert wurde.

„Angst vor und Misstrauen gegen den anderen noch nie so groß“

Für die Jüdische Gemeinde ergriffen Oberrabbiner Raphael Evers und Michael Szentei-Heise das Wort. Raphael Evers sprach davon, dass er sich seine derzeitigen Sorgen „vor zehn Jahren in seinen Albträumen nicht hätte vorstellen können“. Ähnlich wie bereits beim Gedenktag Jom haScho’a, bei dem im April ebenfalls auf dem Heinrich-Heine-Platz an die Opfer der Shoa erinnert wurde, stellte er fest, dass „Angst vor und Misstrauen gegen den anderen noch nie so groß gewesen“ seien. Erneut warnte Evers davor, dass mit dem Rückzug auf die eigene Gruppe und der Reduzierung des jeweils anderen auf dessen Gruppe die Entmenschlichung beginne. Seine Ansprache beendete der Rabbiner dennoch zuversichtlich: „Das Judentum ist Gott sei dank stärker als je zuvor. Am Israel Chai (Das Volk Israel lebt)!“

„Die, die mich kennen, wissen, dass ich eigentlich ein sehr optimistischer Mensch bin“, begann Michael Szentei-Heise seine Rede. Die „Angriffe auf als Juden erkennbare Menschen im Straßenbild“ hätten ihm jedoch diesen Optimismus geraubt. „Wir erleben eine Zunahme des Antisemitismus, die auch ich nicht für möglich gehalten hätte.“ Dann sprach der Verwaltungsdirektor der JGD davon, dass in Deutschland rund 130.000 Juden lebten. „Diese 130.000 kriegen wir in einer Woche ausgeflogen“, beendete er seine Rede. „Aber mir wird Angst und Bange bei dem Gedanken, dass Sie dann mit denen leben müssen, die das herbeigeführt haben.“

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