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Abheben mit der Mitflugzentrale

Bonn/Leverkusen. Die Mitflugzentrale Wingly wächst weiter. Deren aktivster Pilot in der Region heißt Matthias Mühmel, kommt aus Leverkusen und bietet fast jedes Wochenende Flüge von Bonn-Hangelar aus an. Wingly-Gründer Lars Klein sieht bereits den „Sommer des Mitfliegens“.

Kurz nachdem die Cessna 172 auf dem kleinen Flugplatz in Bonn-Hangelar ausgerollt ist, verabschiedet sich Matthias Mühmel von seinen Fluggästen. Dem jungen Paar, das gerade von einem Rundflug über Köln zurückkommt, steht die Begeisterung darüber noch immer ins Gesicht geschrieben. Mühmel aber hat nur wenig Zeit zum Entspannen, in einer halben Stunde kommen bereits die nächsten Fluggäste.

2014 hat Matthias Mühmel einen schweren Motorradunfall wie durch ein Wunder überlebt. Das brachte den Feuerwehrmann aus Leverkusen dazu, darüber nachzudenken, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will. Für die Fliegerei hatte er sich schon immer interessiert, bereits als Kind war der Modellflug sein Hobby. Also beschloss der 28-Jährige, jeden Cent zusammenzukratzen, um an die 20.000 Euro für die Privatpilotenlizenz zu kommen. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt er heute. Im Januar 2016 war es endlich soweit; Mühmel bestand die Prüfung und durfte nunmehr alle Flugzeuge fliegen, die nicht mehr als einen Kolbenmotor haben.

Pilot und Fluggäste teilen sich die Kosten

Um die Lizenz zu behalten, muss deren Inhaber zwölf Flugstunden in den letzten zwei Jahren nachweisen. Vielen, die die Lizenz nur aus Status-Gründen erworben haben, reicht das auch. Matthias Mühmel aber war das zu wenig; er wollte entsprechende Erfahrungen als Pilot sammeln. Und er hatte keine Lust, alleine durch die Gegend zu fliegen: „Ich teile das gerne.“ Also schloss er sich der Mitflugzentrale Wingly an und bietet dort an fast jedem Wochenende Strecken- und Rundflüge an.

Wingly wurde 2015 von dem gebürtigen Koblenzer Lars Klein sowie zwei Franzosen gegründet und vermittelt im Internet Flüge zwischen Piloten und Passagieren. Das Prinzip ist einfach: Der Pilot erstellt einen Flug und bieten diesen auf der Internet-Seite von Wingly an. Der Passagier bucht den Flug und bezahlt mit PayPal, Kreditkarte oder Lastschrift. Damit teilt er sich die Kosten mit dem Piloten. Der verdient daran nichts, er muss den gleichen Betrag zahlen wie der Fluggast. Deswegen wurde Wingly lange Zeit kritisiert, bis die jeweiligen Luftfahrtbundesämter und schließlich auch die EU-Kommission klargestellt haben, dass diese Kostenteilung legal ist und der Pilot dafür keine kommerzielle Lizenz braucht.

Das brachte Wingly neben dem Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt in der Kategorie Start-Up rund 30.000 Kunden und den Status der größten Mitflugzentrale in Deutschland ein. Im Februar wurde die Allianz als neuer Partner gewonnen, die für Wingly einen neuen Versicherungsschutz entwickelt hat. Wenn etwas rund um das Flugzeug passiert und die Deckungssumme der bereits bestehenden Halter- und Passagier-Haftpflichtversicherung nicht ausreichen würde, wird der weitere Schaden von der Allianz getragen. Angst braucht dennoch niemand zu haben; bislang wurden mehr als 2.000 Flüge störungsfrei absolviert. Im Internet wurde kein einziger Flug schlechter als „gut“ bewertet. Der einzige Zwischenfall bis heute bestand darin, dass sich eine Frau über Köln im Flugzeug erbrochen hat.

Preiswertere Flüge von kleinen Flugplätzen

Im Rheinland bietet Wingly Flüge ab Aachen, Bonn, Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach an. Der aktivste Pilot in der Region aber ist eindeutig Matthias Mühmel, der für die Flüge ab Köln und Bonn verantwortlich ist. Inzwischen ist er so etwas wie der Star-Pilot von Wingly. Aber auch er muss hinnehmen, dass Wingly ebenso wie andere Mitflugzentralen wenig geeignet ist für Fluggäste, die an einem bestimmten Tag von A nach B wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass für genau diesen Tag und diese Strecke ein Flug angeboten wird, ist einfach zu gering. Preislich konkurrenzfähig zu den großen Airlines ist Wingly nur auf der Strecke nach Sylt, erläutert Mühmel. Einer der Gründe dafür ist, dass auf großen Flughäfen wie Düsseldorf oder Köln/Bonn hohe Landegebühren fällig werden, die den Flugpreis stark anheben.

Also weichen die Piloten auf kleinere Flugplätze aus; von Düsseldorf ins benachbarte Mönchengladbach und von Köln/Bonn nach Hangelar. Dort werden nur acht Euro Landegebühr berechnet, was den Flugpreis niedrig hält. Von dort angeboten werden Strecken-, Rund- und Tages- oder Wochenendausflüge. Etwa für 679 Euro pro Fluggast nach Venedig oder für 404 Euro an den Bodensee. Wer es günstiger möchte, kann für 96 Euro zu einem leckeren griechischen Essen nach Koblenz mitfliegen. Das Endziel des Fluges, das griechische Restaurant, befindet sich direkt am dortigen Flugplatz.

Breites Angebot an Rundflügen

Stärker nachgefragt aber werden die Rundflüge, die es in allerlei Varianten gibt: Über die Eifel, mit dem Blick von oben auf den Nürburgring, das Bergische Land oder über Mosel und Rhein. Oder der 75-minütige Rundflug für 119 Euro mit Anflügen auf die großen Flughäfen in Düsseldorf und Köln/Bonn. Allerdings ohne eine tatsächliche Landung, die viel zu teuer wäre. Stattdessen überfliegt Matthias Mühmel die Landebahnen nur in geringer Höhe. Gelandet wird erst wieder dort, wo es kaum etwas kostet. Im Gegensatz zu den Aus- und Streckenflügen, die oftmals mit einer Piper 28 absolviert werden, kommt bei den Rundflügen die Cessna 172 „Skyhawk“ zum Einsatz. Der einmotorige Viersitzer ist der meistgebaute Flugzeugtyp der Welt und als Schulterdecker, bei dem keine Tragfläche den Blick nach unten versperrt, ideal für Rundflüge. Gestellt werden die Flugzeuge von der Flugschule, bei der Mühmel seine Ausbildung absolviert hat.

Am günstigsten und damit auch am häufigsten gebucht ist der halbstündige Rundflug über Köln für 59 Euro, Blick auf den Dom von oben inklusive. Matthias Mühmel macht diesen Flug nicht so gerne, weil er für ihn jetzt nur noch Routine ist. Trotzdem ist es nicht der Kölner Dom, den die meisten Fluggäste von oben sehen wollen. Noch interessanter ist etwas ganz anderes: „Die meisten wollen nur ihr Haus von oben sehen“, sagt der Pilot und lacht. Aber für den Feuerwehrmann aus Leverkusen hat es sich schon jetzt gelohnt, seine Flüge bei Wingly anzubieten: Gerade mal 13 Monate nach dem Erwerb seiner Lizenz kann er bereits 144 Flugstunden aufweisen. Für einen Privatpiloten dürften so viele Stunden in so kurzer Zeit rekordverdächtig sein. Und auch Wingly ist optimistisch, wird in Kürze den zehnten Mitarbeiter einstellen und weiter wachsen. „Wir werden den Sommer des Mitfliegens erleben“, glaubt Lars Klein.

Bild: Die von Matthias Mühmel gesteuerte Cessna 172 rollt zum Start. Bildrechte: NRW.direkt

Eine fast wortgleiche Fassung dieses Artikels ist bereits am 4. März in der gedruckten Ausgabe des Bonner General-Anzeigers sowie am 6. März in der Online-Ausgabe des General-Anzeigers erschienen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich auf der Internet-Seite von Wingly.

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