Köln Panorama

Ahmadiyya-Gemeinde bewahrt Anti-Terror-Demo vor Blamage

Köln. Zu Beginn der muslimischen Kundgebung gegen islamistischen Terrorismus war der Heumarkt fast nur von Journalisten und Vertretern des linken Spektrums bevölkert. Erst in letzter Minute bewahrte die Ahmadiyya-Gemeinde die Demonstration vor einer Blamage. Danach kritisierte die stellvertretende Integrationsratsvorsitzende Jaklin Chatschadorian (CDU), dass sich Muslime nicht „in der notwendigen Klarheit“ gegen den islamistischen Terror stellen würden.

Lamya Kaddor diskutiert mit Jacqueline Bakir-Brader (Bilder: NRW.direkt)

Zum offiziellen Beginn der unter anderem von der islamischen Religionslehrerin Lamya Kaddor unter dem Motto „Nicht mit uns!“ organisierten Kundgebung gegen islamistischen Terrorismus gegen 13 Uhr am Samstag sah noch alles nach einem Reinfall aus: Nur rund 300 Menschen befanden sich auf dem Kölner Heumarkt, darunter auffällig viele Medienvertreter. Und da fast jeder Journalist gegen islamistischen Terrorismus demonstrierende Muslime zeigen wollte, sich zu diesem Zeitpunkt aber nur mehrere Handvoll davon unter den Kundgebungsteilnehmern befanden, bildeten sich um die wenigen Muslime herum immer wieder Journalisten-Trauben. Auch waren fast keine bekannten Politiker zu der Kundgebung gekommen; lediglich der designierte Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) war zu erblicken.

Bei den Organisatoren machte sich daraufhin Nervosität bereit. Die Moderatorin Jacqueline Bakir-Brader, die sich selbst als „Friedenspublizistin“ vorgestellt hatte, rief: „Wir sind hier für den Frieden. Wo seid Ihr? Helft uns, dankeschön.“ Später rief sie: „Das müsste hier noch viel voller sein.“

Ahmadiyya-Gemeinde erscheint in letzter Minute

Die Kundgebung zieht am Dom vorbei (Bilder: NRW.direkt)

Dass die Kundgebung dennoch nicht in einer Blamage für Lamya Kaddor und ihre Mitorganisatoren endete, war nur mehreren hundert Mitgliedern der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde zu verdanken. Die erschienen in buchstäblich letzter Minute auf dem Heumarkt und entrollten Plakate mit Aufschriften wie „Liebe für alle, Hass für keinen“ oder „Die Liebe zum Land ist ein Teil des Glaubens“.

Damit erreichte die Kundgebung doch noch eine entsprechende Größe und verfügte plötzlich auch über eine sichtbare Anzahl muslimischer Teilnehmer. Hinzu kam, dass sich noch viele Menschen während des anschließenden „Ramadan-Friedensmarsches“ durch die Kölner Innenstadt anschlossen. In der Spitze nahmen rund 1.000 Menschen daran teil. Viele davon verabschiedeten sich jedoch nach dem Umzug wieder. Auch sammelten sich die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde noch während der Abschlusskundgebung für ihren Heimweg. Damit blieben nur wenige Vertreter des linken Spektrums bis zum Ende der Demonstration.

„Wir Muslime haben damit nichts zu tun“

Plakat auf der Kundgebung (Bilder: NRW.direkt)

Hintergrund der Kundgebung war, dass die Organisatoren um Lamya Kaddor Muslime aus ganz Deutschland aufgerufen hatten, nach den Anschlägen von Berlin, Manchester und London ein „Zeichen gegen Islamismus und Terror“ zu setzen. Auf der Demonstration wurde aber immer wieder beschworen, dass Muslime sich nicht von Terrorismus distanzieren müssen, da Terror und Islam nichts miteinander zu tun hätten. So betonte etwa ein Imam der Ahmadiyya-Gemeinde, dass „der heilige Prophet immer Frieden gepredigt“ habe. „Wir Muslime haben damit (mit dem Terror, Anm. d. Red.) überhaupt nichts zu tun. Unsere Religion ist friedlich“, bekräftigte auch Bakir-Brader. In anderen Reden war zu hören, dass die Terroristen den Islam „gekapert“ hätten.

Gleichzeitig wurde die AfD mehrfach angegriffen und teilweise offen in die Nähe des nationalen Sozialismus gerückt. So sagte etwa Mitorganisator Tarek Mohamad: „Nein zum Terrorismus. Nein zum National-Sozialismus. Und nein zur Homophobie.“ Kurz zuvor hatte er davon gesprochen, dass es Parteien gebe, die vom Terror „profitieren“ und gleichzeitig „andere Asylheime mit schlafenden Menschen anzünden“.

Fatih Cevikkollu spricht von „täglichen Brandanschlägen“

Fatih Cevikkollu (Bilder: NRW.direkt)

Auf die Spitze trieb das der Kölner Kabarettist Fatih Cevikkollu, der unter lautem Jubel sagte: „Als Muslim distanziere ich mich von den Pennern, die den Islam als Rechtfertigung für Gewalt und Terror ansehen. Als Deutscher distanziere ich mich von den täglichen Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, vom NSU, der AfD und den Verbrechen des 3. Reiches.“ Auch zitierte Cevikkollu die Antwort des ehemaligen Box-Weltmeisters Muhammad Ali auf die Frage eines Journalisten, wie es sich anfühle, dieselbe Religion zu haben wie die Attentäter des 11. September 2001: „Wie fühlt es sich für Sie an, dieselbe Religion zu haben wie Hitler?“

Sadiqu Al-Mousllie vom Bundesvorstand des Zentralrats der Muslime (ZdM) verteidigte die Nicht-Teilnahme des der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstehenden Moschee-Dachverbandes DITIB. Die DITIB hatte ihre Teilnahme abgesagt, da es fastenden Muslimen im Ramadan nicht zuzumuten sei, mittags zu demonstrieren. „Die Tatsache, dass sie nicht dabei sein können oder wollen, macht sie nicht zu schlechten Staatsbürgern“, sagte Al-Mousllie.

„Da war kein neues Zeichen zu sehen“

Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde machten das Gros der muslimischen Kundgebungsteilnehmer aus (Bilder: NRW.direkt)

„Die Muslime in Deutschland stellen sich nicht in der notwendigen Klarheit gegen islamistischen Terrorismus“, lautete das Fazit der stellvertretenden Vorsitzenden des Kölner Integrationsrates, Jaklin Chatschadorian (CDU). „Unabhängig von der Bewertung der Anzahl der Teilnehmer“ sei es keinem der Redner gelungen, „sich eindeutig und klar gegen die Gewalt im Namen des Islam zu positionieren, geschweige denn diese ehrlich und mit der notwendigen Anteilnahme am Leid der Opfer zu ächten“.

Auch sei der islamische Terrorismus „nicht als eine Facette des Islamismus und damit auch des Islam, sondern zum gekaperten und damit unschuldigen Opfer erklärt“ worden, sagte Chatschadorian unserer Redaktion. „Da war kein neues Zeichen und keine Selbstkritik zu sehen. Noch weniger zeigte sich die Erkenntnis, dass sich im Islam, sei es aus theologischer Perspektive, sei es mit Blick auf den gelebten Islam, etwas ändern müsste.“ Ebenso hätten „der Fingerzeig auf Homophobie und National-Sozialismus sowie die Stellungnahmen der Organisation in den sozialen Medien“ offenbart, „dass es nur um den Ruf der eigenen Religion, mitnichten aber um die Opfer aus der Gesellschaft der ‚Ungläubigen‘ ging“. (ph)

Bild ganz oben: Die Abschlusskundgebung auf dem Heumarkt

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