Düsseldorf Politik

„Antisemitismus-Statistiken schnell überprüfen“

Düsseldorf. Der israelische Buchautor Arye Shalicar bezeichnete die offiziellen Statistiken zu antisemitischen Straftaten in einem Interview als „absoluten Schwachsinn“. Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel (CDU) fordert nun deren Überprüfung. Felix Klein, Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung, und Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, hatten sich bereits dafür ausgesprochen.

Sylvia Pantel

„Diese Statistiken sind absoluter Schwachsinn“, sagte der bekannte israelische Buchautor und Politologe Arye Sharuz Shalicar, als er in einem Interview des Blogs Ruhrbarone am Freitag darauf angesprochen wurde, Statistiken würden belegen, dass die größte Gefahr für in Deutschland lebende Juden von Rechtsradikalen ausgehen würde.

„Der Anschein, das in erster Linie Rechtsradikale Juden bedrohen, stimmt nicht. In einem großen Teil Deutschlands geht die Gefahr von Arabern, Muslimen und den Clans aus. Der Hass vieler Muslime gegenüber Juden ist bedauerlich. Juden haben nichts gegen Muslime und es ist traurig, dass der Hass das Zusammenleben so schwierig macht“, sagte Arye Shalicar und warnte: „Wenn der Staat Schwäche zeigt, wird das ausgenutzt. Sowohl von den Clans als auch von den Nazis und Islamisten.“

In der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) werden mehr als neunzig Prozent der antisemitischen Straftaten seit Jahren dem Phänomenbereich „PKS Rechts“ zugeordnet. Linke und Grüne interpretieren diese Statistik oftmals so, als bedeute dies, dass auch mehr als neunzig Prozent der Angriffe auf Juden von Rechtsradikalen oder -extremisten verübt werden. Tatsächlich sind damit jedoch nur die erfassten Straftaten gemeint, zu denen auch sogenannte Propagandadelikte wie antisemitische Schmierereien gehören.

Statistiken werden seit Jahren angezweifelt

Außerhalb linker und grüner Milieus werden die Statistiken seit Jahren angezweifelt. „Der gewalttätige Antisemitismus kommt heute nicht von rechts, auch wenn die irreführenden Statistiken etwas anderes sagen“, meint etwa der Historiker Michael Wolffsohn. Ebenso wie viele Vertreter Jüdischer Gemeinden verwies Wolffsohn in jüngerer Vergangenheit mehrfach darauf, dass der muslimische Antisemitismus in den letzten Jahren für Juden immer bedrohlicher geworden sei.

Damit mehren sich auch die Stimmen derer, die eine Überprüfung dieser Statistiken fordern. Felix Klein, Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung, sprach im April davon, dass eine solche Überprüfung „höchste Priorität“ habe. Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, forderte im NRW.direkt-Interview im September ebenfalls eine Überprüfung der Statistiken. „Das ist die Grundlage, etwas daraus zu lernen und entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln“, sagte Horowitz.

„Hier muss etwas passieren, und zwar schnell“

„Mir ist unbegreiflich, warum es immer noch keine Überprüfung gibt, wie diese Statistiken zustande kommen. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung hat das schon vor geraumer Zeit angeregt. Und auch Oded Horowitz hat sich dem angeschlossen, völlig zurecht, wie ich finde. Hier muss etwas passieren, und zwar schnell“, sagte die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel am Samstag unserer Redaktion.

„Denn der Zustand, den wir 73 Jahre nach dem Ende der Shoa haben, ist völlig unerträglich“, so die CDU-Politikerin weiter. „Aus den Gemeinden hören wir, dass sich Juden in erster Linie durch muslimischen Antisemitismus bedroht fühlen. Aber die Statistiken behaupten etwas anderes. Womit Juden ja auch indirekt bezichtigt werden, ihre Situation falsch wiederzugeben. So können wir mit den Menschen nicht umgehen, wenn wir es damit, dass es auch weiterhin jüdisches Leben in Deutschland geben soll, wirklich ernst meinen. Erst vor drei Monaten hatten wir auch in Düsseldorf einen Vorfall, bei dem ein 17-Jähriger nur deshalb von einer Gruppe bärtiger Männer angegangen wurde, weil er wegen seiner Kippa als Jude erkennbar war. An solche Vorfälle dürfen wir uns nicht gewöhnen. Schon gar nicht dürfen wir sie mit Verweisen auf Statistiken relativieren, die ohnehin kaum noch jemand glaubt, wie das Interview mit Arye Shalicar mal wieder gezeigt hat.“

Koscher-Zertifikat für islamische Verbände?

„Mir ist allerdings auch nicht verständlich, warum so manche Jüdische Gemeinde damit auf muslimischen Antisemitismus reagiert, sich immer enger an islamische Verbände zu binden und ihnen damit faktisch ein Koscher-Zertifikat ausstellen“, sagte Sylvia Pantel abschließend. „Natürlich ist interreligiöse Zusammenarbeit wichtig, auch in Düsseldorf. Wenn christliche, jüdische und muslimische Gemeinden miteinander reden und zusammenarbeiten, dann ist das richtig und wichtig. Aber jede Gemeinde sollte mit einer realistischen Erwartungshaltung an das Thema herangehen. Als Volker Neupert, dessen Engagement ich sehr schätze, nach dem Angriff auf den 17-jährigen Juden eine Solidaritätsveranstaltung auf dem Heinrich-Heine-Platz organisiert hatte, kam vom Kreis der Düsseldorfer Muslime niemand.“

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Oded Horowitz

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