Düsseldorf Panorama

Arye Shalicar zu Gast in Düsseldorf

Düsseldorf. Rund 150 Menschen kamen am Donnerstag zu einer Lesung des deutsch-israelischen Buchautors Arye Shalicar in die Jüdische Gemeinde. Hauptthemen des Abends waren die deutsche Haltung zu Israel und den Palästinensern sowie der muslimische Antisemitismus. „Er hat sich nicht gescheut, ehrliche Antworten auf kritische Fragen zu geben“, lobte Herbert Rubinstein später.

Am frühen Donnerstagabend war der deutsch-israelische Politologe, Buchautor und Offizier Arye Sharuz Shalicar zu einer Lesung in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD) zu Gast. Mit rund 150 Menschen, darunter auch Herbert Rubinstein aus der JGD und Lilly Jockels, Präsidentin der Zionistischen Organisation in Deutschland (ZOD), war der Leo-Baeck-Saal bis zum letzten Platz gefüllt. „Ich brauche unseren Referenten gar nicht vorstellen. Ich glaube, Sie kennen ihn alle“, wurde Arye Shalicar von dem Düsseldorfer Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, André von Schúeck, begrüßt, der auch als Moderator durch den weiteren Abend führte. Auch Petra Hemming, Vorsitzende des Ganey-Tikva-Verein (GTV) aus Bergisch Gladbach, nahm mit ihrem Lebensgefährten an der Veranstaltung teil. Arye Shalicar gehört zu den bekanntesten Mitgliedern des GTV.

Arye Shalicar begann seine Lesung mit drei kurzen Auszügen aus seinem neuen Buch „Der neu-deutsche Antisemit: Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse“. Der erste Auszug bezog sich darauf, wie Shalicar als 13-Jähriger in Berlin-Wedding zum ersten Mal mit muslimischem Antisemitismus konfrontiert wurde. „Alle Juden sollen getötet werden“, habe ein Mitschüler zu ihm gesagt. „Juden sind die Feinde von uns Muslimen.“ Shalicar schilderte, wie es ihn schockiert und verletzt hatte, einen Freund verloren zu haben, nur weil er selbst Jude ist.

„Der Begriff Israel-Kritiker ist im Duden aufgeführt“

Sein zweiter Buchauszug war auf das Verhältnis der deutschen Medien zu und deren „einseitige Berichterstattung“ über Israel bezogen. „Bestimmte Medien haben eine Mitschuld am Wiedererstarken des Antisemitismus“, sagte er. Und zählte diese dann auch schnell auf, indem er arte, dpa, ARD und ZDF, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau, den Spiegel sowie die taz namentlich nannte. Dann wies er darauf hin, dass der Begriff „Israel-Kritiker“ inzwischen im Duden aufgeführt werde. „Wobei der Duden weder Syrien-Kritik noch Iran-Kritik kennt.“

Sein dritter kurzer Auszug war auf jüdischen Selbsthass bezogen, womit er Juden meinte, die sich gegen Israel stellen. Als Beispiele dafür nannte er unter anderem die Publizistin Evelyn Hecht-Galinski sowie Avi Primor, einen ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland.

Anschließend beantworte Arye Shalicar Fragen von André von Schúeck, danach die aus dem Publik. Eines der Hauptthemen dabei war die deutsche „Doppelmoral“ im Umgang mit Israel und den Palästinensern, die er auch als „Obsession“ bezeichnete. „1945 ist der Antisemit in Deutschland gestorben. Und geboren wurde der Israel-Kritker. Es ist derselbe Mensch“, sagte er unter anderem. Starken Beifall bekam er für die Aussage: „Der Palästinenser interessiert die Deutschen nur, weil er im Konflikt mit den Juden ist.“

„Die Normalisierung hat auf deutscher Seite nicht funktioniert“

Aber auch die vielzitierte „Normalisierung“ nach der Shoa beschäftigte Arye Shalicar. „Die Normalisierung hat auf deutscher Seite nicht funktioniert“, sagte er und verwies auf die positive Haltung vieler heutiger Israelis zu Deutschland: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der in Israel eine Deutschland-Flagge niedergerissen hat. Aber jetzt drehen wir mal den Spieß um und fragen, wie das in Deutschland ist.“ Sein Fazit lautete: „Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Liebe von Deutschland zurückkommt.“

Der muslimische Antisemitismus nahm ebenfalls breiten Raum in seiner Diskussion mit dem Publikum ein. „Zwischenfälle mit jungen Muslimen hat es bereits in den 90er-Jahren gegeben“, sagte Ayre Shalicar. „Das hat aber niemanden gejuckt.“ Mit der AfD und den Reichsbürgern aber habe sich all das „hochgeschaukelt“. Danach kam er schnell auf den Umgang Israels mit bestimmten Gruppen in der arabischen Nachbarschaft zu sprechen: „Da kannst du die Hand ausstrecken, wie du willst“, sagte er. „Sie wollen nicht, dass du existierst. Sie wollen nicht, dass du lebst. Sie wollen nicht, dass du atmest.“

Hass-Mails arabischstämmiger Deutscher

Als er schilderte, wie er mit Hass-Mails von in Deutschland lebenden Arabern umgeht, löste dies im Publikum Erheiterung aus. Solche Mails begännen meistens mit Zeilen wie „Wenn du Mann bist, lass‘ uns treffen.“ Daraufhin antworte er: „Weißt du, ich kenne Typen wie dich. Du kommst nicht alleine, du bist ein feiges Schwein.“ Dann lade er die Mail-Schreiber zu einem Besuch in Israel ein und erzähle ihnen, dass er dabei auch das El-Al-Flugticket nach Tel Aviv bezahle. Das werde aber nie angenommen, stattdessen begännen dann die Beleidigungen seiner Person. Anfänglich würde es sich auf die Ebene einlassen und den Mail-Schreiber ebenfalls beleidigen, erzählte Shalicar.

Aber nach einem längeren Austausch von Beleidigungen und Beschimpfungen würde er den Mail-Schreiber unvermittelt fragen: „Und was machst du sonst noch so in deinem Leben?“. Diese Frage führe dann zumeist dazu, dass sich plötzlich ein freundlicher und persönlicher Austausch entwickle. „Das sind natürlich immer nur kleine Schritte, mit denen man immer nur einen Menschen erreichen kann“, sagte er unter dem Beifall des Publikums. „Aber es zeigt, dass man zumindest einzelne Menschen erreichen kann.“

„Björn Höcke ist kein Freund der Juden“

Als ein Veranstaltungsteilnehmer fragte, ob die AfD nicht notwendig sei, um die muslimische Zuwanderung zu begrenzen, löste das im Publikum starke und kontroverse Reaktionen aus. Arye Shalicar aber äußerte sich kritisch-ablehnend zur AfD. Dabei verwies er auf Björn Höcke sowie Alexander Gauland und deren Äußerungen zum Umgang mit der deutschen NS-Vergangenheit. „Ich glaube nicht, dass Björn Höcke ein Freund der Juden ist. Und ich glaube auch nicht, dass Alexander Gauland ein Freund der Juden ist.“ Gleichzeitig sprach er davon, dass er hoffe, dass sich „die übrigen Parteien durch die AfD unter Druck gesetzt fühlen“.

„Er war mutig, ehrlich und direkt“, lobte Herbert Rubinstein Arye Shalicar nach Veranstaltungsende. „Und er hat sich nicht gescheut, ehrliche Antworten auf kritische Fragen zu geben.“

Bild: Arye Shalicar (links) und André von Schúeck. Bildrechte: NRW.direkt

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