Dortmund Nachrichten

Aufregung um vermeintliche Bekennerschreiben

Dortmund. Die Schlüsse, die nach dem Anschlag auf den BVB-Bus aus vermeintlichen Bekennerschreiben gezogen werden, muten immer skurriler an. Nach Linksextremisten und Islamisten wurde zuletzt die Spur auf Rechtsextremisten gelegt. Tatsächlich aber ist bislang nicht bekannt, welchem Milieu die Täter zuzurechnen sind.

Nach Islamisten und Linksextremisten sollte die Spur zuletzt auf Rechtsextremisten gelegt werden (Symbolbild: NRW.direkt)

Zu Beginn der Ermittlungen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund (BVB) wurde auch ein auf der linksextremistischen Internet-Seite indymedia hochgeladenes Bekennerschreiben geprüft, in dem unter anderem folgende Formulierung enthalten war: „Der Bus ist hierbei ein Symbol für die Politik des BVB, die sich nicht genügend gegen Rassist_innen, Nazi_innen und Rechtspopulist_innen einsetzt.“ Diese Darstellung ist jedoch unlogisch, da sich der BVB für den sogenannten ‚Kampf gegen Rechts‘ immer ganz im Sinne der Linken engagiert hat. Hinzu kam, dass Angriffe auf Fußballspieler nicht zum Muster der Antifa gehören. Damit war schnell klar, dass dieses Schreiben nicht authentisch sein dürfte. Bei dem mit drei Sprengsätzen durchgeführten Anschlag auf den BVB-Bus wurden am Dienstagabend ein Spieler sowie ein Polizist verletzt.

Nachdem das angeblich linke Schreiben nicht weiter verfolgte wurde, stand tagelang ein vermeintlich islamistisches Bekennerschreiben im Vordergrund, dass in dreifacher Ausfertigung am Tatort gefunden und in dem unter anderem die Schließung des US-Luftwaffenstützpunktes in Ramstein (Rheinland-Pfalz) gefunden wurde. Hier erklärte der Terrorismus-Experte Peter Neumann bereits am Mittwoch in der Bild-Zeitung, warum dieses Schreiben nicht authentisch sein dürfte. Sinngemäß argumentierte er, dass das in dem Schreiben verwendete Vokabular für die Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) untypisch sei und dass IS-Terroristen „Ungläubige“ töten wollen, aber keine Forderungen stellen. Dennoch versteifte sich die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe schnell auf diesen Täterkreis und ließ das Schreiben unter islamwissenschaftlichen Aspekten prüfen. Es bedurfte mehrere Tage und kritische Darstellungen mehrerer großer Medien, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass auch dieses vermeintliche Bekennerschreiber nicht authentisch ist.

Ramstein kann auf jedes extremistische Milieu deuten

Dafür machte das Magazin FOCUS am Freitag ein neues Fass auf. Unter Berufung auf Sicherheitskreise wurde detailliert erläutert, warum die Spur ins sächsische Fußballfan- und Rechtsradikalen-Milieu führen könnte: Nach den Angriffen auf Fans des Bundesliga-Klubs RB Leipzig in Dortmund vor einigen Wochen hätten diese ein Motiv, außerdem sei die Forderung nach Schließung des US-Luftwaffenstützpunktes Ramstein ein Hinweis auf den Leipziger Pegida-Ableger Legida sowie den Publizisten und Herausgeber des COMPACT-Magazins, Jürgen Elsässer.

Tatsächlich aber ist die Ablehnung des vermeintlichen US-Imperialismus und die daraus resultierende Forderung nach Schließung des US-Stützpunktes in Ramstein eine der Schnittmengen von Links- und Rechtsextremisten; wer bei der Suche nach einem Täter so argumentiert, müsste auch die Friedensbewegung sowie den zum Islam konvertierten ehemaligen Linksterroristen Bernhard Falk zum möglichen Täterkreis zählen, denn auch Falk und die sogenannte Friedensbewegung haben in der Vergangenheit die Forderung nach der Schließung dieses Stützpunktes erhoben. Dennoch gibt es in beiden Fällen keine Hinweise auf eine mögliche Verstrickung in diesen Anschlag. Wirklich plausibel an der von FOCUS dargestellten „Arbeitshypothese“ war lediglich der Hinweis auf die Angriffe auf die RB Leipzig-Fans in Dortmund.

Vermeintlich rechtsextreme Mail an den Tagesspiegel

Die letzte Sau, die durchs Dorf gejagt wurde, war ein beim Berliner Tagesspiegel eingegangenes angebliches Bekennerschreiben, in dem der Anschlag in Dortmund unter Bezug auf Adolf Hitler als „letzte Warnung“ gegen „Multi Kulti“ bezeichnet wurde und mit einem „Trupp Köln“ gedroht wurde, der am 22. April dafür sorgen soll, dass „buntes Blut fließen“ werde. Dies wurde als Drohung eines Anschlags auf linksextreme Gegendemonstranten beim AfD-Bundesparteitag in Köln am nächsten Wochenende verstanden. Aber auch hier erinnert die Sprache nicht zwingend an Rechtsextremisten, sondern eher daran, wie sich Linke Rechtsradikale vorstellen. Damit war es nicht verwunderlich, dass das Bundeskriminalamt (BKA) schnell zu dem Schluss gekommen ist, dass dieses Schreiben von einem Trittbrettfahrer stammen dürfte.

Damit sind die Schlagzeilen der vergangenen Tage bestenfalls dahingehend aussagekräftig, wer gerne wen als Täter hätte. Tatsächlich aber ist – fast – alles vorstellbar, aber bislang nichts bekannt oder gar belegt. Die mehr als hundert an den Ermittlungen des BKA beteiligten Beamten werden weiter in alle Richtungen ermitteln müssen.

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