Mönchengladbach Politik

Birgit Kelle sorgt für kontroverse Debatte

Mönchengladbach. Bei einer CDU-Diskussion über Familienpolitik kritisierte die Buchautorin Birgit Kelle die fehlende Unterstützung des Staates für Mütter, die ihre Kinder selber großziehen. Zustimmung kam aber nur vom Bundestagsabgeordneten Günter Krings sowie aus dem Publikum. Ihre weiblichen Parteikollegen reagierten auf Kelles Kritik reserviert bis verständnislos.

Rund 40 Besucher kamen am frühen Donnerstagabend zu einer von der CDU organisierten Podiumsdiskussion mit Birgit Kelle über Familienpolitik in das Haus Zoar am Kapuzinerplatz in Mönchengladbach. Motto der Debatte war „Mehr als nur Respekt – Vorfahrt für Familien“. Bei der Begrüßung sprach der Mönchengladbacher Bundestagsabgeordnete Günter Krings davon, dass er „keine Wohlfühldiskussion“ wolle, „bei der wir uns nur gegenseitig bestätigen“. Die Diskussion solle auch „die wunden Punkte in der CDU offenlegen“.

Das musste der Buchautorin Birgit Kelle nicht zweimal gesagt werden: In ihrem rund 45-minütigen Vortrag forderte sie sofort, die CDU „sollte das Thema Familienpolitik wieder zurückerobern“. Dabei würde sich aber die Frage stellen, „mit welchem Thema“. Birgit Kelle gab die Antwort sofort selbst, indem sie davon sprach, dass die vielzitierte Wahlfreiheit für Mütter in der Realität nur „die Wahl, berufstätig zu sein“ bedeute. „Die Freiheit, Kinder selbst großzuziehen, ist gar nicht gemeint, wenn wir in Deutschland über Wahlfreiheit sprechen“, brachte Kelle ihr Anliegen schnell auf den Punkt. „Emanzipation kann heute nur stattfinden, wenn ich das Haus verlasse und das tue, was der Mann macht. Aber ist das noch weiblich, wenn ich das Leben eines Mannes führe?“

„Wer noch selbst erzieht, ist in diesem System der Doofe“

Birgit Kelle kritisierte weiter, dass der Rechtsanspruch auf einem Krippenplatz nach einem Jahr längst zu „einem Druckmittel der Arbeitgeber geworden“ sei. „Warum diskutieren wir nie über einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz zuhause?“, fragte sie. „Wenn der Staat bereit ist, 2.300 Euro dafür auszugeben, dass mein Kind woanders betreut wird, warum ist er dann nicht bereit, das dafür auszugeben, damit es zuhause betreut wird?“ Bei dem bestehenden Rentensystem sei es ein „Risikomodell“, seine Kinder selbst großzuziehen: „Derjenige, der das tut, ist in diesem System immer der Doofe.“ Und: „Wer noch selbst erzieht, muss sich in diesem Land dafür rechtfertigen, dass er das tut.“

Der Staat fördere „nicht das Original, sondern Familienersatzstrukturen“, so Kelle weiter. Die Familienpolitik der SPD entspräche dem „alten sozialistischen Denkmodell“ und erinnere an die Forderung „Kinder in die Krippe, Frauen in die Produktion“. Dies aber sei „Kommunismus pur“, sagte die bekannte Buchautorin. Aber auch in der CDU gebe es dazu „noch Gesprächsbedarf“. Die Familienpolitik müsse sich wieder an Aspekten wie Freiheit und Gerechtigkeit orientieren, lautete ihr Fazit.

Vom Publikum wurden ihre Ausführungen mit starkem Beifall honoriert. Zu Beginn der anschließenden von Vanessa Odermatt moderierten Diskussion gab es jedoch keine Zustimmung für Kelles Aussagen: So sprach Annette Bonin, Vorsitzende der Mönchengladbacher Frauen Union, sofort davon, dass ihr das Hinterfragen von Ersatzstrukturen „Bauchweh“ bereite. Sarah Moecker aus der Jungen Union in Mönchengladbach reagierte verständnislos: „Dieses Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, habe ich nicht.“ Als Studentin erlebe sie die gegenwärtige Situation als Ausdruck der Freiheit von Frauen. „Wer erwartet denn von den Frauen, arbeiten zu gehen?“, fragte Moecker. Birgit Kelle antwortete sofort: „Den Druck, ein anderes Leben zu führen, kann Ihnen jede Mutter in Deutschland bestätigen. Der Druck ist teilweise subtil, teilweise verbal.“

„Das ist Wirtschafts-, aber keine Familienpolitik“

Vorsichtige Zustimmung bekam Birgit Kelle lediglich von Günter Krings, der die Frage aufwarf, „ob es nicht dumm ist, dass die Rush Hour in der Familiengründung gleichzeitig die im Beruf ist“. Als Krings davon sprach, dass die Politik die Fremdbetreuung von Kindern mit der Erhöhung der Frauenerwerbsquote begründet hat, reagierte Kelle sofort: „Aber das ist keine Familienpolitik, das ist Wirtschaftspolitik!“ Krings Antwort darauf fiel knapp aus: „Genau.“ Dann schilderte der in Mönchengladbach direkt gewählte Abgeordnete, welche harschen Reaktionen anderer Parteien CDU-Politiker im Bundestag erleben würden, wenn sie die Fremdbetreuung von Kindern nur vorsichtig in Frage stellen.

Kurz darauf unternahm Annette Bonin einen neuen Anlauf und kritisierte, dass Kelles Forderungen „auf das Modell bezahlter Mütter hinauslaufen“. Birgit Kelle wies das sofort zurück: „Ich möchte keine bezahlten Mütter, auch nicht bezahlte Väter.“ Eltern hätten die Pflicht, ihre Kinder aufzuziehen, stellte die Buchautorin klar. „Wir sind kein Job, wir sind die Eltern.“ Es sei jedoch nicht nachvollziehbar, dass der Staat den einen Eltern diese Pflicht abnehme und den anderen nicht. Der Staat solle sein Budget gleichmäßig verteilen, aber nicht nach dem jeweiligen Lebensmodell.

„Sie kämpfen einen einsamen Kampf“

Nachdem die Veranstaltungsteilnehmer die Möglichkeit zu Fragen bekamen, zeigten sich unverhohlene Sympathien für die Ansichten von Birgit Kelle. Als eine Besucherin an die Forderung des SPD-Politikers Olaf Scholz erinnerte, der Staat „müsse die Lufthoheit über die Kinderbetten erobern“, griff Kelle das sofort auf: Scholz‘ Aussage zeige „sehr klar die klassischen sozialistischen Forderungen“, von denen die Familienpolitik der SPD geleitet sei.

Als ein anderer Veranstaltungsteilnehmer davon sprach, dass die Kinderbetreuung auch dem Zweck diene, dass Migrantenkinder die deutsche Sprache lernen sollen, antwortete Kelle, die selbst vier Kinder aufgezogen hat: „Nur weil einige Kinder nicht deutsch können, müssen meine nicht in den Kindergarten.“ Integrationsprobleme könnten „nicht über die Kitas aufgefangen werden“, sondern müssten über die Eltern dieser Kinder gelöst werden.

Kurz vor Ende der Veranstaltung lief die Buchautorin noch einmal zur Höchstform auf: „Aus der Sicht des Staates leiste ich als Mutter, die ihre Kinder selber großzieht, familiäre Schwarzarbeit. Niemand möchte, dass ich meine Kinder selber aufziehe, weder der Staat noch die Wirtschaft und auch nicht die Feministinnen.“ Daraufhin merkte ein Besucher an, dass in der medialen Berichterstattung aber keine ähnlich denkenden Mütter mehr vorkommen würden: „Sie kämpfen einen einsamen Kampf“, sagte der Mann. Kelle antwortete prompt: „Natürlich ist die Medienpräsenz dieser Frauen nicht da. Wir sitzen ja deswegen nicht in den Redaktionsstuben, weil wir gerade Kinder großziehen.“ Vom Publikum wurde Birgit Kelle nach rund zwei Stunden mit starkem Applaus verabschiedet.

Bild von links: Annette Bonin, Günter Krings, Birgit Kelle, Sarah Moecker und Vanessa Odermatt. Bildrechte: NRW.direkt

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