Justiz Messerstecherei in Unterkunft Mönchengladbach Viersen und Willich

Bizarre Geschichten beim Messerstecher-Prozess

Mönchengladbach. Beim Prozess gegen Yousef S. wurden dessen Geschichten am Dienstag immer grotesker und widersprüchlicher. Erneut ging es um sein Alter und seinen Namen. „Es sei falsch, den richtigen Namen anzugeben, dann werde ich sofort abgeschoben“, hätten ihm andere geraten. Jetzt wolle er aber wieder in seine Heimat zurück. Dem Algerier wird vorgeworfen, in einer Viersener Unterkunft auf einen schlafenden Mitbewohner eingestochen zu haben.

Landgericht Mönchengladbach (Bild: NRW.direkt)

Vor dem Landgericht Mönchengladbach wurde am Dienstag der Prozess gegen Yousef S. fortgesetzt. Dem algerischen Asylbewerber wird vorgeworfen, am 28. Juli 2018 in einer Flüchtlingsunterkunft in Viersen mit einem Messer auf einen schlafenden Mitbewohner eingestochen zu haben. Nur durch die Gegenwehr seines Opfers und dem Eingreifen herbeigeeilter Personen sei dessen Tod verhindert worden. Aufgrund der möglichen Heimtücke lautet die Anklage damit auch auf versuchten Mord.

Zeugenvernehmungen am Dienstag ergaben, dass S. die Nacht davor im Polizeigewahrsam verbracht hatte. Grund war offenbar, dass er in den frühen Morgenstunden einen ägyptischen Mitbewohner überfallen hatte. Dabei soll er laut eines anderen Ägypters gleichzeitig Pfefferspray gesprüht, ein Messer in einer Hand gehabt und ein Handy an sich genommen haben. Kurz vor der späteren Messerstecherei sei er dann aus dem Gewahrsam in die Unterkunft zurückgekommen.

Wer hatte sich auf die blutige Tat vorbereitet?

Unklar ist jedoch, wer danach die Initiative zur blutigen Tat ergriffen hatte: Ein Polizist berichtete, eine Betreuerin hätte bei den ersten Ermittlungen gesagt, er habe angekündigt, sich jetzt „vorbereiten“ zu wollen. Die Betreuerin selber wusste aber nichts mehr davon und schilderte , andere Mitbewohner, die alkoholisiert gewesen seien, hätten angekündigt, ihn umzubringen.

Weiterhin ungeklärt ist außerdem, wie der im Dezember 2015 nach Deutschland gekommene S. wirklich heißt und welches Alter er tatsächlich hat. Beim Prozessauftakt hatte er erklärt, er habe sich nach der Ablehnung seines ersten Asylantrages einen neuen Namen gegeben, damit der zweite Erfolg habe. Außerdem habe er sich bei seinem Asylantrag älter gemacht, um mehr Geld zu bekommen. Tatsächlich sei er jedoch erst 20 Jahre alt – womit er vom Gericht als Heranwachsender behandelt werden müsste.

Ausweis in Algerien zurückgelassen

Zum Verhandlungsbeginn am Dienstag berichtete die Dolmetscherin, die in Algerien lebende Mutter von Yousef S. habe noch nicht genug Vertrauen, um eine Kopie des dort zurückgelassenen Ausweises ihres Sohnes nach Deutschland zu schicken. Stattdessen habe sie den Wunsch geäußert, mit ihrem Sohn zu telefonieren. Der Vorsitzende Richter Lothar Beckers stellte jedoch sofort klar, dass er ein solches Gespräch nicht erlauben wird, bevor die Unterlagen aus Algerien eingegangen sind.

Ein Polizist berichtete, nach einem Brief von Yousef S. aus der Haft, in dem plötzlich die Rede davon war, er sei noch unter 21, dessen Personalien bei mehreren Behörden überprüft zu haben. Andere Namen als Yousef S. seien jedoch nirgendwo erfasst gewesen. Lediglich nach einem Ladendiebstahl sei für ihn ein sogenannter Aliasname eingegeben worden, der aus der phonetischen Namensauskunft resultierte.

Neuer Verhandlungstag, neue Geschichten?

Zur Überraschung der Prozessbeobachter tischte Yousef S. dem Gericht zur Mittagszeit plötzlich eine völlig andere Geschichte auf: Seinen eigentlichen Namen, mit dem er beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) in Dortmund seinen ersten Asylantrag gestellt hatte, habe er in Deutschland nur 20 Tage benutzt. Nachdem er nach dem Antrag nach Karlsruhe verlegt wurde, habe er festgestellt, dass es ihm dort nicht gefalle. „Mein Ziel war, in eine bessere Stadt zu kommen“, sagte er. Daraufhin sei er wieder nach Dortmund zurück und habe dort einen zweiten Antrag unter dem Namen Yousef S. gestellt.

Nachdem Oberstaatsanwältin Carola Guddat wissen wollte, warum er nach seiner Rückkehr nach Dortmund einen neuen Namen gebraucht habe, antwortete er: „Ich war das erste Mal in Deutschland. Da habe ich Personen getroffen, die mir gesagt haben, es sei falsch, den richtigen Namen anzugeben, dann werde ich sofort abgeschoben.“ Fingerabdrücke seien ihm erst abgenommen worden, als er von Dortmund nach Neuss verlegt wurde.

Noch bizarrer wurde es, als er erklärte, sein Brief aus der Haft, in dem er plötzlich wieder jünger als 21 war, sei auf den Rat einer Sozialarbeiterin zustande gekommen. „Wenn ich das richtig mache, komme ich in eine Jugendhaftanstalt“, habe ihm die Sozialarbeiterin erklärt. Außerdem habe er einen Brief an das algerische Konsulat verfasst, in dem er um dessen Hilfe gebeten hatte.

„Nur gesagt, damit ich dort nicht wieder in den Knast komme“

Das aber irritierte Lothar Beckers: „Wir haben keinen Brief von Ihnen ans Konsulat“, sagte er. Yousef S. erwiderte, er habe den Brief einem Beamten übergeben, damit er „wieder in sein Heimatland zurück“ könne. Daraufhin erinnerte der Kammervorsitzende den jungen Mann daran, dass er noch vor dem Haftrichter gesagt habe, das Konsulat solle nicht über seine Inhaftierung benachrichtigt werden. Aber auch dafür hatte Yousef S. eine Erklärung: Das habe er nur gesagt, damit er „dort nicht wieder in den Knast komme“, übersetzte die Dolmetscherin.

Aber jetzt möchte er „einfach wieder in die Heimat zurück“. Die nächste Antwort auf eine ihm gestellte Frage lautete: „Ich wollte einfach die Wahrheit sagen.“ Es dürfte der Professionalität der Verfahrensbeteiligten zu verdanken gewesen sein, dass niemand von ihnen bei dieser Antwort eine Miene verzog. Der Prozess wird am 8. Februar fortgesetzt.

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