Düsseldorf Justiz Köln Reker-Attentat

„Das ist ja schrecklich“

Düsseldorf/Köln. Am Freitag war die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Prozess gegen ihren Attentäter Frank S. als Zeugin geladen. Zuerst lehnte sie seine Entschuldigung ab. Danach verspielte er selber die Chance darauf.

Frank S. beim Prozessauftakt Foto: Oliver Berg/dpa

Frank S. beim Prozessauftakt (Foto: Oliver Berg/dpa)

Nachdem Henriette Reker mehr als eine Stunde vernommen wurde, bekommen die Verteidiger von Frank S. die Gelegenheit, auch Fragen an die Kölner Oberbürgermeisterin zu richten. Anstelle eine Frage aber sagt dessen Anwalt: „Mein Mandant möchte, wenn Sie es zulassen, einige entschuldigende Worte an Sie richten.“ Es wird still im Hochsicherheits-Gerichtssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts (OLG). Nach einer kurzen Pause sagt Reker in Richtung der Vorsitzenden Richterin Barbara Havliza: „Das ist noch nicht die richtige Situation.“ Kurz darauf verlässt Reker den Saal.

Seit 15. April muss sich der 44-jährige Frank S. vor dem 6. Strafsenat des OLG verantworten. Ihm wird vorgeworfen, am 17. Oktober 2015 bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht zu haben, die damalige Kandidatin für das Kölner Oberbürgermeisteramt, Henriette Reker, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen mit einem 30 Zentimeter langem Messer zu töten. Am zweiten Verhandlungstag hatte er die Tat gestanden, aber die Tötungsabsicht bestritten. Außerdem habe er vier umstehende Personen mit einem Messer verletzt. Mit seinem Angriff auf Reker habe er ein „Zeichen“ gegen die nach seiner Auffassung verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten, setzen wollen. Zudem habe er verhindern wollen, dass Henriette Reker zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt wird. Deren Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Die daraufhin zur Oberbürgermeisterin gewählte Reker ist in dem Prozess Nebenklägerin und war am Freitag als Zeugin geladen.

Reker verteidigt ihre Politik

Barbara Havliza (Foto: Oliver Berg/dpa)

Barbara Havliza (Foto: Oliver Berg/dpa)

Dabei schilderte Henriette Reker, wie sie den Angriff auf sich erlebt hatte und dass sie sich kurz danach sorgte, gelähmt zu bleiben: „Man hat dann komische Gedanken.“ Etwa den, nicht mit dem Rollstuhl durch die Badezimmertür zu kommen. Sie räumte ein, seit dem Attentat auf sie Albträume zu haben. Ein Fachmann habe ihr jedoch versichert, robust genug zu sein, um ihr Amt als Kölner Oberbürgermeisterin ausüben zu können. Frank S. verfolgte ihre Aussage schweigend, Reker hielt konsequent den Blick zur Richterin. Die Kölner Oberbürgermeisterin nutzte ihre Vernehmung aber auch dazu, ihre Politik zu verteidigen und betonte, sie habe immer wieder deutlich gemacht, „wie wichtig mir eine humane Flüchtlingspolitik ist und welche Chancen darin für uns liegen“.

Nachdem Henriette Reker den Gerichtssaal wieder verlassen hatte, fragt die Barbara Havliza Frank S., ob er jetzt etwas sagen will. Damit gibt sie ihm die Möglichkeit, seine entschuldigenden Worte in Rekers Abwesenheit vorzutragen. Er nutzt die Chance jedoch nicht und sagt, seine Anwälte hätten ihm geraten, sich erst zu äußern, wenn alle Zeugen ausgesagt hätten. Als Bilder mit den Wunden seiner Opfer gezeigt werden, müssen viele Zuschauer schlucken. Die klaffenden Wunden lassen erahnen, mit welcher Wucht er zustoßen hatte. Frank S. sagt, das sei „ja schrecklich“. Einzelne Zuschauer lachen gequält; sein Versuch, Mitgefühl zu zeigen, ist gescheitert.

Keine Antwort zu sozialen Kontakten

Kurz darauf rechtfertigt er sich erneut, er habe „nur Gewalt angewandt, um weitere Gewalt zu verhindern“. Auf Havlizas Fragen, warum er seine Meinung zur Flüchtlingspolitik nicht auf andere Weise kundgetan hat, gibt Frank S. aber auch an diesem Verhandlungstag keine plausible Antwort. Er spricht immer wieder über die Antifa, nicht merkend, dass es seine Auftritte vor Gericht sind, mit denen er den Linksextremisten unfreiwillig unverdiente Sympathien verschafft. Auf Fragen zu seinen sozialen Kontakten verweigert er die Antwort. Er sagt, er wolle diese Menschen „schützen“. Im Gerichtssaal entsteht jedoch der Eindruck, dass er keine sozialen Kontakte hatte.

Ein „einsamer Wolf“, der sagt, er habe die Tat „für sein Land begangen“ und dabei nicht wahrhaben will, dass er den Befürwortern der von ihm kritisierten Politik damit mehr geholfen hat als deren Gegnern. Menschen, die sich auf demokratischem Weg und ohne Messer gegen diese Politik engagieren, finden bei ihm nicht einmal Erwähnung. Stattdessen versucht er immer wieder, sich zu inszenieren; als ihn die Richterin am Nachmittag erneut die Gelegenheit gibt, sich zu den Aussagen der Zeugen zu äußern, erwidert er mit pampigem Tonfall, er habe doch bereits gesagt, dass er sich erst äußern werde, wenn alle Zeugen ausgesagt hätten. Barbara Havliza lächelt freundlich und sagt: „Na ja. Wenn uns das dann noch interessiert.“

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Über den Autor

Peter Hemmelrath

Herausgeber von NRW.direkt seit Dezember 2015.