Politik

Deutschland EU-Spitzenreiter beim Judenhass?

Düsseldorf. Beim Judenhass hält Deutschland in Europa offenbar eine traurige Spitzenreiterposition inne. Eine EU-Studie ergab unter anderem, dass fast jeder zweite Jude bestimmte Gegenden vermeidet. „Wir erwarten von der Politik, dass sie dafür sorgt, dass sich Juden wieder überall in Deutschland ohne Angst frei bewegen können“, sagt Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Nordrhein.

Oded Horowitz (Bild: NRW.direkt)

Eine am Montag im Internet veröffentlichte Studie mit dem Titel „Experiences and perceptions of antisemitism – Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU“ (Erfahrung und Wahrnehmung von Antisemitismus – Zweite Erhebung über Diskriminierung und Hassverbrechen gegen Juden in der EU) ergab, dass antisemitische Belästigungen in Deutschland offenbar am höchsten sind.

So gaben 41 Prozent der in Deutschland Befragten an, im vergangenen Jahr eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben, 52 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Beide Werte liegen weit über dem EU-Schnitt von 28 beziehungsweise 39 Prozent. An der Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte hatten 16.395 Menschen aus zwölf EU-Ländern teilgenommen, die insgesamt 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Europäischen Union abdecken. Der Bericht zu der ersten Studie wurde 2013 veröffentlicht.

Der Umfrage zufolge haben 38 Prozent der europäischen Juden in den letzten fünf Jahren ans Auswandern gedacht, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlen. Auch hier ist Deutschland zusammen mit Frankreich mit jeweils 44 Prozent trauriger Spitzenreiter.

Deutliche Abweichungen vom EU-Schnitt

Auch bei der Frage nach den Tätern wichen die Antworten aus Deutschland teilweise deutlich von denen aus anderen Ländern ab. So gaben 41 Prozent der in Deutschland befragten Juden dabei eine Person mit muslimisch-extremistischen Ansichten an, während Rechte mit 20 sowie Linke mit 16 Prozent deutlich seltener genannt wurden.

Im europäischen Durchschnitt gaben jedoch nur 30 Prozent eine Person mit muslimisch-extremistischen Ansichten an, 21 Prozent gaben eine Person mit linken Ansichten an sowie 13 Prozent eine Person mit rechten Ansichten. Personen mit christlich-extremistischen Ansichten wurden in Deutschland wie auch im EU-Schnitt lediglich von fünf Prozent der befragten Juden als Täter genannt.

Eine genaue Betrachtung des Fragenkatalogs ergab jedoch auch, dass bei der Frage nach den Tätern elf mögliche Antworten genannt wurden, darunter auch solche wie „Ein Polizist“ oder „Jemand, den ich nicht beschreiben kann“. Die Aufforderung zu Mehrfachantworten führte bei den Ergebnissen zu einem hohen Maß an Überschneidungen.

„No-Go-Areas“ für Juden?

75 Prozent der befragten Juden in Deutschland sagten, dass sie manchmal, häufig oder immer auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit verzichten. 46 Prozent der Juden in Deutschland vermeiden es der Studie zufolge, bestimmte Gegenden in ihrer Umgebung aufzusuchen. Die Bild-Zeitung, die den Bericht als „Studie der Schande“ bezeichnete, titelte daraufhin: „No-Go-Areas für Juden in Deutschland“.

„Das geht gar nicht! ‚No-Go-Areas‘ für Juden sind ein absolutes No-Go! Da ist jetzt die Politik gefordert“, sagte Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Nordrhein, unserer Redaktion. „Wir erwarten von der Politik, dass sie dafür sorgt, dass sich Juden wieder überall in Deutschland ohne Angst frei bewegen können. Und nicht nur Juden, sondern alle Menschen müssen sich in Deutschland wieder ohne Angst frei bewegen können.“

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