Düsseldorf Panorama

Düsseldorf begeht Jom haScho’a

Düsseldorf. Rund 250 Menschen kamen am Donnerstag aus Anlass des Gedenktags Jom haScho’a zum Heinrich-Heine-Platz. Dort wurden die Namen von 2.584 in der Nazi-Diktatur ermordeten Düsseldorfer Juden verlesen. Auch der gegenwärtige Judenhass wurde dabei angesprochen.

Rafael Evers (Bilder: NRW.direkt)

Unter den rund 250 Menschen, die am Donnerstagnachmittag aus Anlass des Jom haScho’a-Gedenktages zum Heinrich-Heine-Platz in Düsseldorf kamen, waren auch zahlreiche Politiker und andere Prominente, etwa Landesintegrationsminister Joachim Stamp (FDP), das FDP-Urgestein Burkhard Hirsch oder WDR-Intendant Tom Buhrow. SPD- und Grünen-Politiker waren ebenfalls zahlreich vertreten. Die CDU wurde durch ihren Fraktionsvorsitzenden im Düsseldorfer Stadtrat, Rüdiger Gutt, vertreten. Organisiert wurde die Veranstaltung unter dem Motto „Lechol isch jesch schem“ („Jeder Mensch hat einen Namen“) von der Religionsschule der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD) und der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte.

Jom haScho’a ist ein nationaler Gedenktag in Israel, an dem an die Opfer der Shoa, aber auch an den jüdischen Widerstand und an die jüdischen Untergrundkämpfer erinnert werden soll. „Bereits zum elften Mal gedenken wir den deportierten und ermordeten Düsseldorfer Juden. Wir wollen ihnen damit ein Gesicht geben und an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern. Diese dürfen nicht vergessen werden – gerade nicht in den Zeiten, in denen Antisemitismus und offene Judenfeindlichkeit wieder deutlich zu Tage treten“, erklärte Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der JGD. „Es ist wichtig, damit auch für die Situation der Juden in aller Welt zu sensibilisieren und immer wieder darauf hinzuweisen, dass Verfolgung und Schikane von Menschen jüdischen Glaubens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nie aufgehört hat. Insofern ist Jom haScho’a als jährlicher Gedenktag ein Ereignis, das viel Aufmerksamkeit braucht. Denn leider wiederholt sich Geschichte immer wieder, wie wir bis heute sehen.“

„Manche dieser Kinder haben Angst“

Auch als Tamara Guggenheim, die Leiterin der Religionsschule der JGD, die Menschen auf dem Heinrich-Heine-Platz begrüßte, war die Gegenwart schnell ein Thema: „Auch hier in Düsseldorf müssen sich Schüler mit stetig steigendem Antisemitismus auseinandersetzen“, sagte Guggenheim. „Manche dieser Kinder haben Angst.“

Damit spielte die Lehrerin darauf an, dass die JGD erst im letzten Frühjahr durch eine Flut von Schilderungen jüdischer Schüler über Mobbing durch muslimische Mitschüler erschüttert wurde. Darauf zu reagieren bezeichnete Tamara Guggenheim als „Aufgabe der Gesamtgesellschaft“. Ihre Rede beendete sie mit einem Zitat von Albert Einstein: „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind – sondern von denen, die das Böse zulassen.“

„Wir alle werden einen neuen Judenhass nicht tolerieren“, griff Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke das in ihrer Rede auf. Mit der Formulierung von den „Antisemiten in den Parlamenten“ machte die SPD-Politikerin jedoch nur einen Atemzug später deutlich, andere Urheber dafür zu sehen. Ähnlich äußerte sich Bürgermeister Wolfgang Scheffler (Grüne), der in Vertretung des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Thomas Geisel (SPD) „Rassismus“ und „Rechtspopulismus“ beklagte.

„Angst und Misstrauen noch nie so groß“

„Die Shoa steht für das Allerschlimmste, das Menschen einander antun können“, sagte Oberrabbiner Rafael Evers. „Angst vor und Misstrauen gegen den anderen sind noch nie so groß gewesen“, sagte Evers, womit auch er schnell in der Gegenwart angelangt war. Mit dem Rückzug auf die eigene Gruppe und der Reduzierung des jeweils anderen auf dessen Gruppe beginne die Entmenschlichung, warnte der Rabbiner.

Nach einem Gebet begann die Verlesung von 2.584 Namen Düsseldorfer Juden, die während der Nazi-Diktatur ermordet wurden. 1933 lebten in Düsseldorf rund 5.500 Juden. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber kehrten nur rund 60 jüdische Überlebende nach Düsseldorf zurück. Rund die Hälfte der Gemeindemitglieder war bis 1938 emigriert, die andere Hälfte wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

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