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Ein Abend mit Guido Reil

Solingen/Essen. Der von der SPD zur AfD gegangene Essener Ratsherr Guido Reil war am Donnerstag in Solingen zu Gast. Warum die Genossen im Essener Norden zum ersten Mal um ihr Direktmandat fürchten müssen, wurde schnell verständlich.

Guido Reil (Bild: NRW.direkt)

Guido Reil (Bild: NRW.direkt)

Donnerstagabend in einer kleinen Gaststätte am Rande von Solingen. Im Nebenraum treffen sich rund 30 AfD-Mitglieder zu ihrem Stammtisch. Die ersten sitzen bereits beim Bier, mittendrin Guido Reil. Wer nicht wüsste, dass es sich bei Reil um jenen Essener Ratsherrn handelt, der mit medialem Paukenschlag von der SPD zur AfD gewechselt ist und jetzt durch TV-Talkshows tourt, der würde ihn kaum bemerken. Zu unauffällig sind sein Verhalten und seine Kleidung, seine Töne sind leise, Allüren sind ihm fremd. Erst als der Solinger AfD-Sprecher Freddy Kühne auf die Uhr blickt und Guido Reil bittet, mit ihm am Kopfende des Tisches Platz zu nehmen, wird sichtbar, dass an diesem Abend Polit-Prominenz zu Gast ist.

Kaum hat Kühne seine Parteifreunde begrüßt und ihm das Wort übergeben, spricht der Essener Ratsherr davon, dass ihm das „Herr Reil“ unangenehm ist. Aus seiner Familie und von seinen Kumpels kenne er nur das Duzen. „Und ihr könnt mich auch gerne unterbrechen, seit Markus Lanz bin ich das gewohnt.“ Damit hat Guido Reil den ersten Lacher des Abends auf seiner Seite. Ohne Manuskript und auch ohne Punkt und Komma legt er im Ruhrpott-Dialekt los. Niemand ahnt in diesem Moment, dass er dieses Tempo noch fast zwei Stunden durchhalten wird. Und schnell zeigt sich: Hier redet kein Berufspolitiker, keiner, der bei jeder Silbe überlegt, was er sagen darf und was besser nicht. Hier redet jemand aus dem Volk – und zwar so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Guido Reil lässt auch keinen Zweifel daran, dass er das erst darf, seit er von der SPD zur AfD gegangen ist: „Ich hab‘ immer Spaß, wenn ich mir was von der Seele reden kann. Und seit ich offen reden kann, geht es mir auch viel besser.“

„SPD-Funktionäre ekeln sich vor ihrer eigenen Basis“

Trotzdem redet Guido Reil viel über seine ehemalige Partei, auch darüber, „geheult“ zu haben, als er dort ausgetreten ist. Oder darüber, dass in der SPD heute alles nur noch „von oben nach unten“ bestimmt wird. Die Basis habe nichts mehr zu sagen. Aber meistens erklärt er, warum er für traditionelle Sozialdemokraten keinen Platz in der SPD mehr sieht: „Gewachsene Sozialdemokraten, die richtig malochen, haben keinen Spaß daran, die ganze Welt zu retten. Die wollen Fleisch auf dem Teller und dass ihre Kinder es besser haben.“ Deswegen hätten die Menschen im Ruhrgebiet immer gute Gründe gehabt, die SPD zu wählen. „Nur dass diese Gründe jetzt weggefallen sind. Jetzt braucht niemand mehr diese Partei.“ Reil, der bis heute als Steiger auf einer Zeche arbeitet, schimpft über Politikfunktionäre, „die noch nie malocht haben. Das ist eine intellektuelle Elite in der SPD, die ekelt sich vor ihrer eigenen Basis. Und solche Leute regieren unser Land! So erkläre ich mir die ganzen Fehlentwicklungen.“

Mit Fehlentwicklungen meint er die „kaputtgefahrene Infrastruktur“ und den „Zuzug von Menschen, die nicht arbeiten.“ Guido Reil macht schnell klar, dass er damit nicht die ersten Generationen der türkischen Gastarbeiter meint: „Die haben auch malocht.“ Ebenso schnell macht er aber auch deutlich, wen er meint: „In Gelsenkirchen sind ganze Stadtteile gekippt, nur durch den Zuzug von Zigeunern. Auch die Türken wollten das nicht mehr und sind weggezogen. Das sind Sachen, die man jeden Tag sieht. Und da packen sich die Menschen, die arbeiten gehen und alles erwirtschaften, einfach nur noch an den Kopf. Ich habe mich die ganzen Jahre gefragt, wo der Aufschrei der Sozialdemokraten bleibt. Aber die SPD hat jeden Kontakt zu ihrer Basis verloren.“

Guido Reil spricht von „Zigeunern“, nicht von „Sinti und Roma“. Dass ihn die AWO, bei der er Mitglied bleiben will, wegen solcher Dinge als „Rassist“ bezeichnet und jetzt ausschließen will, habe ihn fassungslos gemacht. „Ein Rassist ist jemand, der wegen irgendwelcher unveränderlichen Merkmale meint, er sei besser als der Andere.“ Für ihn zähle jedoch, „wer malocht und wer Ärger macht“. Ihm sei „der Kragen geplatzt“, als er mit der Kriminalität libanesischer Clans im Ruhrgebiet konfrontiert wurde: „Die machen richtig Ärger. Und arbeiten gehen tun die nicht.“

„Haben die einen am Brett?“

„Und jetzt wird eine Million solcher Männer auf uns losgelassen.“ Damit ist Guido Reil im September 2015 angelangt. Er spricht darüber, wie fassungslos er war, als plötzlich all die Gelder vorhanden waren, die in den Jahren zuvor nicht zur Verfügung standen. Und welche gereizten Reationen er im Stadtrat erfahren hat, nur weil er wissen wollte, was die Maßnahmen kosten. „Du willst doch nicht über Geld reden, wenn es um Menschen geht“, sei ihm zur Antwort gegeben worden. Guido Reil bleibt länger beim Thema Flüchtlinge, kritisiert mehrfach, dass „die pauschal Kohle kriegen“.

In einem Moment redet er mit schon fast politisch korrektem Vokabular davon, dass „das nicht funktionieren kann, das sind Menschen aus einem anderen Kulturkreis, die nicht unsere Sprache sprechen und erst einmal ausgebildet werden müssen“. Im nächsten Augenblick treibt er es wieder provokant auf die Spitze: „Frau Merkel sagt immer, dass die später unsere Rente zahlen. Das könnte funktionieren, aber nur, wenn wir ein Rentensystem schaffen, in das auch Drogendealer, Räuber und Zuhälter einzahlen.“ Jetzt rüste die Polizei auf, um vorbereitet zu sein, „wenn die mal alle böse werden. Und wir müssen die bespaßen, damit die nicht alle böse werden.“ Für ihn sei das Hauptproblem, dass die Asylbewerber systematisch die Erfahrung machten, dass für sie nichts Konsequenzen habe. Und immer wieder kommt seine Fassungslosigkeit darüber zum Vorschein: „Hat das noch was mit gesundem Menschenverstand zu tun? Haben die einen am Brett? Da könnte ich wahnsinnig werden!“

„So kann es hier einfach nicht weitergehen!“

Ständig wird Guido Reil von spontanem Beifall unterbrochen. Den stärksten Applaus des Abends bekommt er jedoch, als er erklärt, wie er sich am Vorabend bei Sandra Maischberger zum Islam in Deutschland erklären wollte: „Was passiert, wenn ich mir ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Jesus war schwul‘ überziehe und durch die Essener Fußgängerzone gehe? Viel Reaktionen wird es nicht geben. Vielleicht kriege ich von einem Gutmenschen Lob dafür, dass ich mich für die Rechte von Homosexuellen einsetze.“

„Aber was passiert, wenn auf dem T-Shirt ‚Mohammed war schwul‘ steht? Dann kann ich froh sein, wenn ich auf den Gutmenschen treffe. Aber der brüllt mich dann an: ‚Sie Nazi!‘ Und wenn ich Pech habe, werde ich halbtot geschlagen. Und die, die mich halbtot geschlagen haben, werden nicht in den Knast geschickt, weil ich sie ja ‚provoziert‘ habe. So kann es hier einfach nicht weitergehen!“ Sandra Maischberger kam jedoch nicht mehr in den Genuss dieser Erklärung: Dort sollte er mit Claudia Roth sitzen, die kam aber nicht, weswegen er plötzlich zu den Zuschauern gesetzt und nur zwei oder drei Fragen beantworten sollte. Darauf hatte er „keinen Bock mehr“. Den Medienwirbel um seine Person versteht er trotzdem nicht: „Ich bin echt. Das kennen die nicht. So einfach ist das. Was ist bloß mit unserer Gesellschaft los, wenn ein Typ wie ich so eine Resonanz auslöst?“

„Noch lebendiger geht gar nicht mehr!“

Guido Reil bleibt in Fahrt, als er plötzlich davon spricht, dass auch Fragen gestellt werden können, damit sein Vortrag „noch lebendiger“ wird, lachen einige Zuhörer. Eine Frau ruft: „Noch lebendiger geht gar nicht mehr!“ Reil macht weiter, als Nächstes spricht er über den US-Wahlkampf, darüber, dass er Donald Trump „wirklich schräg“ fand, „aber die andere war eine Hexe“. Und damit hätten die US-Amerikaner nur noch „die Wahl zwischen Pest und Cholera“ gehabt. Aber die US-Wahl hätte auch gezeigt, dass „die Bevölkerung gegen die Eliten rebelliert“. Das werde jetzt im Westen zur Normalität, nur in Deutschland würde darauf „mit der Nazi-Keule reagiert“.

Auch deswegen sei er jetzt bei der AfD. Die habe zwar nicht für alles eine Lösung, „aber sie legt die Finger in die Wunden und benennt die Probleme“. Und „die ganzen bösen Sachen, die über die AfD behauptet werden“, hätte er in deren Programm nie gefunden. Trotzdem bleibe er das, was er immer war: „Ich habe mich immer als sozialer Demokrat verstanden. Und das darf ich in der AfD bleiben.“ Und mit der wolle er sich jetzt sein Land zurückholen: „Ich will kein Marxloh in meinem Stadtteil. Ich will für meinen Stadtteil kämpfen. Und dann wird hier eben eine andere Gangart gefahren, anders kannst du die Probleme nicht lösen.“

„Du sprichst die Sprache des Volkes!“

Wieder Beifall, danach schlägt Guido Reil aber unerwartete Töne an: Vor der Antifa oder den Libanesen habe er keine Angst, aber davor, die Menschen zu enttäuschen. Seine Auftritte hätten große Erwartungen geweckt, die Menschen würden jetzt glauben, er telefoniere täglich mit Frauke Petry. Auch würden ihn jetzt viele Menschen um HIlfe bitten. Er sei aber gar nicht in der Position, allen zu helfen. Er sei nur Fördermitglied in der AfD, habe Familie und gehe arbeiten. „Ich bin nichts als ein gerader Typ mit einer großen Klappe. Und ich bin Ratsmitglied in Essen. Sonst gar nichts.“ Bei seinen Zuhörern kam das jedoch nicht mehr an, stattdessen wurden Rufe laut wie: „Du sprichst die Sprache des Volkes. Das wollen wir hören!“

Dann beendet Guido Reil plötzlich den Abend auf seine Art: „Ich muss jetzt leider zur Arbeit. Hat Spaß gemacht mit euch. Wir schaffen das!“ Sprach’s und war schneller wieder weg, als seine begeisterten Zuhörer gucken konnten. Ein neunminütiger Beifall wäre einem Menschen wie Guido Reil wohl unangenehm gewesen. Aber gerade deswegen steht seinen politischen Konkurrenten im Essener Norden ein heißer Wahlkampf bevor. Am meisten dürfte die SPD zu befürchten haben.

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