Ein Juwel im Revier

Gelsenkirchen. Das Ruhrgebiet hat sich gemausert. In der so oft unterschätzten Region ist viel Neues geschaffen worden. Aber mit Fingerspitzengefühl und Umsicht haben die Städte auch überall erstaunliche Werte erhalten. So das Musiktheater im Revier, kurz MIR genannt. Mitten im Herzen der Stadt Gelsenkirchen steht es damals wie heute für Beständigkeit und Vision als einer der bedeutendsten Theaterbauten der Nachkriegszeit.

Das Foyer des MIR (Bild: NRW.direkt)

Das Foyer des MIR (Bild: NRW.direkt)

Samstag, 14 Uhr. Foyer des MIR. Wir, eine Gruppe von neugierig Interessierten, warten gespannt auf Anita Ruhnau, die Frau von Prof. Werner Ruhnau, dem Architekten und Bauleiter, unter dessen Federführung das MIR entstanden ist und 1959 eröffnet wurde. Eine Spielstätte für Oper, Ballett, Musical, Konzerte und Schauspiel. Dann erscheint sie mit ihrem Sohn Georg, wie sein Vater Architekt. Freundlich begrüßen uns die Beiden.

Sie erzählen authentisch und engagiert, wie in den fünfziger Jahren alles anfing, wie bekannte Persönlichkeiten mit ihrem Mann um den Entwurf des Theaterbaus gerungen haben. Integration war das Zauberwort, bildende Kunst und Architektur als Einheit. Berühmte Namen fallen. Jean Tinguely, Maler und Bildhauer aus der Schweiz (1925-1991), der sich mit zwei mechanischen Reliefs an den mit grauen Velours bespannten Wänden im Kleinen Haus verewigt hat. Daneben Yves Klein (1928-1962), ebenfalls Maler und Bildhauer aus Frankreich, der das betörend kräftige Blau technisch perfektionierte und auf seinen zwei großen Schwammreliefs eindrucksvoll in den Foyers zum Strahlen brachte. Norbert Kricke (1922-1984) aus Deutschland mit seinen metallischen Rohren und Robert Adam aus England mit seinem weißen Betonrelief sorgten an den Fassaden dafür, das Theater zu einem Gesamtkunstwerk zu gestalten.

Prinzipien der Architektur

Wie kein anderer Architekt seiner Zeit hat Werner Ruhnau durch die Integration aller Künste den Begriff Baukunst mit Leben gefüllt. Martina Ruhnau wird nicht müde, uns gebannten Zuhörern das geistige Erbe ihres Mannes näher zu bringen. Transparenz galt neben Integration als weiteres Grundprinzip bei der architektonischen Planung, so Georg Ruhnau. Die einmalig imposante, großflächige Glasfront des Theatergebäudes sollte und soll Grenzen aufheben, Grenzen zwischen draußen, wo sich ein freier Platz zur Stadt hin öffnete und drinnen, wo gespielt wird. Die Theaterbesucher spüren in den lichtdurchfluteten von Glas umgebenen Foyers dieses Prinzip der Entgrenzung. Es begegnet dem Besucher immer wieder im Gebäude. Aus den geplanten zwei Stunden sind bei dieser Baukunstführung drei Stunden geworden. Das hat richtig Spaß gemacht. Alle in der Gruppe fühlen sich am Ende bereichert. Der „Wanderer zwischen den Welten der freien Künstler“, wie Werner Ruhnau auch genannt wird, ist im März 2015 verstorben. Seine architektonischen und künstlerischen Visionen wirken damals wie heute modern. Seine Frau Anita und sein Sohn Georg sorgen mit ihren Führungen durch das Baukunstwerk für eine würdige Fortsetzung seiner Ideen.

Weitere Baukunstführungen durch das Musiktheater im Revier finden am 16. Januar, am 13. Februar sowie am 12. März 2016 jeweils um 14 Uhr ist. Treffpunkt ist das MIR am Kennedyplatz in Gelsenkirchen, Telefon: 02 09 – 40 97 – 0.

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Über den Autor

Brigitta Dahlmann

Redakteurin für Kultur bei NRW.direkt seit Dezember 2015.