Eklat bei Lesung mit Thilo Sarrazin

Düsseldorf. Vor seiner Lesung wurde Thilo Sarrazin mit einer Torte beworfen. Mit verstärktem Polizeiaufgebot und 30-minütiger Verspätung konnte die Lesung aber stattfinden. Die Diskussion danach war nur kurz.

Thilo Sarrazin (l.) und Ulli Tückmantel (Bild: NRW.direkt)

Thilo Sarrazin (l.) und Ulli Tückmantel (Bild: NRW.direkt)

Es scheint mal wieder „Tortenzeit“ zu sein. Nach Beatrix von Storch und Sahra Wagenknecht wurde Thilo Sarrazin am Samstagabend vor seiner Lesung in den Räumen der Mayerschen Buchhandlung in Düsseldorf von einem etwa 25-jährigen Mann mit einer Torte beworfen. Der Versuch misslang. Der Sicherheitsdienst konnte den Mann schnell überwältigen. Er hatte nur den Ärmel des Anzugs erwischt. Die Lesung aus Sarrazins neuem Buch „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“ fand mit verstärktem Polizeiaufgebot und 30-minütiger Verspätung statt.

„Deutschland wird zur Zeit unter seinem Wert regiert“

Ungefähr achtzig Zuhörer aller Altersgruppen versammelten sich am Dienstag gegen 20 Uhr in der Buchhandlung, um Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen 500 Seiten langen Buches zu erleben. Es gab Beifall, als Thilo Sarrazin den Raum betrat. Er wirkte ruhig und gelassen. Neben ihm saß der Moderator des Abends, Ulli Tückmantel, Chefredakteur  der Westdeutschen Zeitung. Sarrazin stellte seine Sicht zu einer gut funktionierenden Gesellschaft dar. Dabei sprach er vom „Sozialkapital“. Das heißt, wo Menschen miteinander vertrauensvoll umgehen, geschieht weniger Betrug, so Sarrazin. Die Begrenzung einer ungestörten persönlichen Entwicklung führe leichter zur Diktatur. Eine große Rolle in einer offenen Gesellschaft spiele die Bildung. Zum Schluss der Lesung sprach Sarrazin den Satz aus, zu dem das Publikum zustimmend applaudierte: „Deutschland wird zur Zeit unter seinem Wert regiert.“

Sarrazin bleibt sachlich

Nach dreißig Minuten beendete Thilo Sarrazin den Vortrag über sein Buch. Die Diskussion könnte beginnen. Doch statt der angekündigten Aussprache griff Tückmantel immer wieder die berufliche Vergangenheit des Autors an. Sarrazin blieb gelassen, sachlich stellte er falsche Darstellungen richtig. Beim Publikum aber stellte sich Unmut ein, offenbar wollte es für 15 Euro Eintritt nicht den Ausführungen eines Moderators folgen, der offensichtlich nicht zu Sarrazins Freunden gehört.

Nach mehreren von ihm vorgelesene Zitate fragte ihn Sarrazin, ob er das Buch überhaupt gelesen habe. Im Publikum entstand der Eindruck, dass Tückmantel einige Stellen aus dem Gesamtzusammenhang gerissen hatte. „Das Buch sei eben zu lang, um es ganz zu lesen“, lautete Sarrazins humorvolle Reaktion. Bei einem anderen Zitat fordert Sarrazin den Moderator auf, die Stelle genau zu zitieren, die diese Äußerung rechtfertigten. Denn so stehe es nicht in seinem Buch. Die Zuhörer aber machten mit lauten Zwischenrufen ihrem Ärger Luft und forderten die vorher angekündigte Diskussion. Offenbar hatten die meisten Zuhörer das Buch gelesen, ihre Fragen offenbarten die entsprechende Sachkenntnis. 

Obwohl viele Besucher noch Gesprächsbedarf zeigten, musste die Diskussion aus Zeitgründen schon nach zwanzig Minuten abgebrochen werden. Danach gab es eine lange Schlange am Signiertisch. „Wunschdenken“ ist ein bereicherndes Buch, das den demokratischen Austausch provoziert. Für viele Teilnehmer, die Antworten auf ihre drängenden Fragen suchten, war es ein guter Abend. Trotz Torte und Polizeischutz.

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Über den Autor

Brigitta Dahlmann

Redakteurin für Kultur bei NRW.direkt seit Dezember 2015.