Düsseldorf Panorama

Fliegen in Zeiten der Insolvenz

Düsseldorf. Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, sagte einst der Dichter Matthias Claudius. Wer dieser Tage mit Air Berlin unterwegs ist, kann das bestätigen. Aber wen Durcheinander und drohende Flugausfälle nicht schrecken, der kann jetzt zum Schnäppchenpreis fliegen.

Am vergangenen Sonntag in der Sicherheitskontrolle des Flughafen Stuttgart: Ein Mitarbeiter entdeckt einen Air-Berlin-Anhänger an einem Handgepäckstück. Er hält den Anhänger hoch und ruft laut auf schwäbisch: „Hebet Sie den gut auf, als Erinnerungsstück.“ Die umstehen Fluggäste lachen. Lediglich eine junge Frau ist nervös und bittet, vorgelassen zu werden; das Boarding ihres Fluges beginne schon in zehn Minuten.

Am Flugsteig 312, wo um 14 Uhr 50 das Boarding für den Air-Berlin-Flug 6837 nach Düsseldorf stattfindet soll, herrscht jedoch entspannte Ruhe. Vielflieger auf dieser Strecke wissen ohnehin, dass das Flugzeug, das planmäßig um 15 Uhr 20 starten soll, fast immer verspätet aus Düsseldorf ankommt und deswegen ebenso verspätet wieder dorthin startet. Grund ist der enge Umlaufplan des Flugzeuges, bei dem sich jede Verspätung auf alle nachfolgenden Flüge auswirkt. Damit ist auch niemand verwundert, als sich um 15 Uhr am Gate immer noch nichts tut.

Eine Viertelstunde später aber erleben die Fluggäste eine ungeahnte Überraschung: Das Flugzeug sei längst da, aber es fehle ein Kapitän, verkündet eine Mitarbeiterin des Bodendienstleisters. Der Pilot sei noch in Berlin und komme auch gleich mit dem nächsten Flug nach Stuttgart, der aber sei in Berlin-Tegel noch nicht gestartet. Neue Boarding-Zeit sei deswegen 16 Uhr 30, mit einem Abflug nach Düsseldorf sei für 17 Uhr zu rechnen.

Einige Fluggäste waren bereits umgebucht

Jetzt macht sich bei den Fluggästen Unruhe breit; mehrere Passagiere wollen wissen, wie es um ihre Umsteigeverbindungen bestellt sei. Eine Frau erzählt, sie habe ursprünglich einen Flug von Stuttgart über Berlin nach Kopenhagen gebucht. Air Berlin habe sie aber auf einen Flug über Düsseldorf nach Kopenhagen umgebucht. Jetzt möchte sie wissen, ob sie an diesem Tag nicht doch noch über Berlin nach Dänemark fliegen könne. Die Schlange vor dem Schalter wird länger. Nur die junge Frau, die eben noch voller Sorge war, das Boarding rechtzeitig zu erreichen, spielt gedankenverloren mit ihrem Handy.

Gegen 15 Uhr 30 aber geht die Bodenmitarbeiterin wieder und lässt die Fluggäste alleine. Die hoffen darauf, dass eine Stunde später der Kapitän gelandet ist und das Boarding beginnen kann. Um die Wartezeit zu überbrücken, greifen viele zu den kostenlosen Zeitungen, bei denen einige mit auf die Air-Berlin-Insolvenz bezogenen Schlagzeilen aufmachen. Jetzt können die Passagiere lesen, wie es um die Fluggesellschaft bestellt ist, mit der sie gleich abheben wollen – also nicht gerade die Lektüre, die man im Warteraum eines Flughafens haben will. Aber niemand schimpft, die Fluggäste ertragen die Situation stoisch. Um 16 Uhr 30 aber müssen die Passagiere immer noch warten; dafür ist jetzt wieder ein Mitarbeiter da und gibt Auskünfte. Erst kurz vor 17 Uhr kommt die erlösende Nachricht: Der Kapitän sei jetzt in Stuttgart gelandet und damit könne auch das Einsteigen für AB 6837 beginnen.

Rund zehn Minuten später können die Fluggäste endlich die 76-sitzige Bombardier Q400 besteigen. Im Flugzeug sitzt bereits eine Gruppe von Air-Berlin-Stewardessen, was den Copiloten veranlasst, seine Ansage mit den Worten „Liebe Fluggäste und Kollegen“ zu beginnen. Offenbar sind am Standort Düsseldorf – immerhin das wichtigste Drehkreuz von Air Berlin – nicht mehr genug Flugbegleiter verfügbar. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. In der Vergangenheit hatten Airlines, deren Zukunft ungeklärt war, stets mit überdurchschnittlich vielen Krankmeldungen zu kämpfen. Jetzt aber entschuldigt sich der Copilot bei seinen Fluggästen für die Verspätung, die er damit erklärt, dass die Besatzung neu zusammengestellt und teilweise erst nach Stuttgart gebracht werden musste. Dann verspricht er, so schnell wie möglich nach Düsseldorf zu fliegen.

Ausgesetztes Vielfliegerprogramm wird angepriesen

Von dem Kapitän, der erst aus Berlin geholt werden musste, ist jedoch nichts zu hören. Das provoziert bei dem einen oder anderen Fluggast böse Gedanken: Wie viele Piloten sitzen tatsächlich im Cockpit? Vielleicht hätte man beim Einsteigen doch lieber einen kurzen Blick durch die Cockpittür werfen sollen, um sich zu vergewissern, dass dort auch wirklich zwei Piloten sitzen.

Dann richtet eine Stewardess das Wort an die Passagiere und preist das Air-Berlin-Vielfliegerprogramm „topbonus“ an. Dass das der arabischen Fluggesellschaft Etihad Airways gehörende Vielfliegerprogramm erst am Tag zuvor ausgesetzt wurde, erwähnt sie nicht. Mit rund zwei Stunden Verspätung startet die Q400 endlich nach Düsseldorf.

Aber zumindest der Copilot hat Wort gehalten; gegen 18 Uhr 15 ist die zweimotorige Turboprop bereits im Anflug auf Düsseldorf. Die Fluggäste auf der rechten Kabinenseite können bei guter Sicht die Ruhrtalbrücke bei Mülheim erkennen, was aber an diesem Tag niemanden wirklich interessiert. Viel wichtiger ist, dass eine Stewardess die Gates für die Umsteiger nach Hamburg, Sylt und New York bekanntgibt und die betroffenen Passagiere bittet, sich nach der Landung rasch zu ihrem Weiterflug zu begeben. New York? Laut Flugplan hätte der Nachmittagsflug von Düsseldorf nach New York bereits um 17 Uhr 45 starten sollen. Offenbar wartet der Airbus A.330 aber noch auf die Umsteiger aus Stuttgart.

„Never ever Air Berlin“

Das traditionelle Air-Berlin-Schokoherz beim Aussteigen tröstet die Passagiere, die noch weiter müssen, nur wenig. Eine US-Amerikanerin, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern offenbar nach New York will und jetzt schnell zum Flugsteig C37 muss, ruft laut: „Never again this airline, never ever.“ Ein Teil der als „Paxe“ mitgeflogenen Flugbegleiterinnen, die jetzt ebenfalls zu ihren Flügen müssen, zeigt sich erst einmal orientierungslos: Einige der Stewardessen steigen gemeinsam mit den Passagieren in den Vorfeldbus, andere in den dafür vorgesehenen Crewbus.

Endlich am Terminal angekommen, sprintet ein Ehepaar sofort los, um den Flug nach Sylt, der um 18 Uhr 30 starten soll, noch zu erreichen. Die amerikanische Familie beeilt sich, schnell zum Gate C37 zu kommen. Dass die US-Familie es noch rechtzeitig geschafft hat, darf jedoch bezweifelt werden: Auf der Internet-Seite des Flughafen Düsseldorf wird später vermerkt, dass der Air-Berlin-Airbus zum Kennedy-Flughafen um 18 Uhr 05 „off-block“ gegangen ist – womit das Wegrollen des Flugzeuges vom Gate gemeint ist.

Wäre der Flug AB 6837 aus Stuttgart pünktlich gewesen, hätte die US-Familie 75 Minuten und damit genug Zeit gehabt, den Airbus nach New York noch zu erreichen. Hätte. Das Ehepaar, das nach Sylt wollte, hatte hingegen Glück: Deren Airbus startete erst um 18 Uhr 48.

Ein Angebot für Spielernaturen?

Drei Tage später bekamen die Düsseldorfer Fluggäste von AB 6837 eine E-Mail von Air Berlin mit der Überschrift „Willkommen zurück“. Darin wurde ihnen für die nächste Buchung bei der insolventen Fluglinie ein Rabatt bis zu 20 Euro angeboten. Und die dürfte ohnehin nicht allzu teuer sein: Bereits am Montag hatte Air Berlin mitgeteilt, dass Flüge innerhalb Deutschlands und Europas jetzt ab 79 Euro für den Hin- und Rückflug buchbar sind. Besonders lukrativ sind Flugtickets in die USA, bei denen der Hin- und Rückflug derzeit nur 333 Euro kostet.

Bei dieser Gelegenheit wies die Airline erneut darauf hin, dass der gesamte veröffentlichte Flugplan von Air Berlin sowie ihrer Touristik-Tochter NIKI unverändert gebucht werden kann und die Air-Berlin-Mitarbeiter „den gewohnt herzlichen Service“ bieten. Dennoch ist bei diesen Schnäppchenpreisen Vorsicht geboten: Da die meisten Strecken und Flugzeuge von Air Berlin durch Konkurrenten übernommen werden dürften, behalten die Tickets auch dann ihre Gültigkeit, wenn die Airline ihren Flugbetrieb endgültig einstellen muss.

Vorher aber könnte es noch turbulenter werden: Seit dieser Woche warnen Insider davor, dass es bei Air Berlin trotz des Überbrückungskredits der Bundesregierung schon bald zu Flugausfällen kommen könnte. Begründet wurde das in der Süddeutschen Zeitung unter anderem damit, dass viele Lieferanten und Flughäfen bei Air Berlin inzwischen Vorkasse verlangen. Was an diesen Gerüchten dran ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Aber wen das nicht abschreckt, der kann jetzt so günstig wie selten abheben.

Bild: NRW.direkt

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