Düsseldorf Justiz Köln Reker-Attentat

Frank S. voll schuldfähig

Düsseldorf/Köln. Paranoid und narzisstisch gestört, aber voll schuldfähig. Damit brachte der Psychiater Norbert Leygraf die Eindrücke, die der Reker-Attentäter Frank S. bislang vor Gericht hinterlassen hatte, präzise auf den Punkt. Frank S. verfolgte Leygrafs Ausführungen schweigend und verzichtete zur Überraschung aller zum ersten Mal auf Widerspruch.

Der Angeklagte Frank S. kommt am 15.04.2016 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in den Verhandlungssaal und hält sich einen Aktendeckel vor das Gesicht. Der Prozess vor dem Oberlandesgericht um das Attentat auf Henriette Reker, einen Tag vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin, hat begonnen. Foto: Oliver Berg/dpa

Frank S. beim Prozessauftakt (Foto: Oliver Berg/dpa)

Selten wurde ein Gutachten des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) mit solcher Spannung erwartet wie das zu Frank S. Seit Mitte April muss sich der 44-jährige arbeitslose Lackierer vor dem OLG verantworten. Ihm wird vorgeworfen, am 17. Oktober 2015 bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht zu haben, die damalige Kandidatin für das Kölner Oberbürgermeisteramt, Henriette Reker, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen mit einem 30 Zentimeter langem Messer zu töten.

Am zweiten Verhandlungstag hatte er die Tat gestanden, aber die Tötungsabsicht bestritten. Mit seinem Angriff auf Reker habe er ein „Zeichen“ gegen die nach seiner Auffassung verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten, setzen wollen. Zudem habe er verhindern wollen, dass Henriette Reker zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt wird. Deren Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Gutachten mit Neugier erwartet

Begründet war die Neugier auf Leygrafs Gutachten in den impulsiven, manchmal an ein trotziges Kind erinnernden, aber stets von starkem Sendungsbewusstsein gekennzeichneten Auftritten, die sich Frank S. seit Prozessbeginn erlaubt hatte. Die aber auch immer damit verbunden waren, bei Prozessbeobachtern Verwirrung und Ratlosigkeit hervorzurufen. Freunde hat er sich damit nicht gemacht; selbst bei jenen, denen seine politischen Ansichten nicht völlig fern waren, riefen seine Auftritte sowie seine Rechtfertigungen nicht selten Fassungslosigkeit hervor. Eine plausible Antwort auf die Frage, warum er seine Meinung nicht gewaltfrei kundgetan hat, blieb er schuldig.

Stattdessen versuchte Frank S. immer wieder, sich als moderner Widerstandskämpfer zu inszenieren. Gleichzeitig aber waren ihm all jene Menschen, die sich demokratisch und gewaltfrei gegen die von ihm kritisierte Flüchtlingspolitik engagieren, nicht einmal Erwähnung wert. Mehrfach fiel er durch Klamauk auf, etwa als er den Fotografen einen Zettel vor deren Linse hielt, mit dem er einen „mutigen rechten Anwalt“ zu finden hoffte. Später gelang es ihm, einen seiner Anwälte von seiner Verteidigung entbinden zu lassen. Der andere blieb, kam aber bei ihm nur selten zu Wort. Meistens redete Frank S., auch und besonders dann, wenn er gar nicht dran war. Unzählige Male musste er von der Vorsitzenden Richterin Barbara Havliza zurechtgewiesen werden, weil er ihr ins Wort gefallen war.

Persönlichkeitsstörung, aber keine psychiatrische Krankheit

Als Norbert Leygraf am Mittwoch mit seinen Ausführungen begann, saßen mehrere Justizbeamte um Frank S. herum. Wer dessen Impulsivität kannte, verstand diese Vorsichtsmaßnahme. Der 63-jährige Psychiater schilderte Frank S. als einen Menschen, der in seinem Leben stets das Gefühl hatte, „zu kurz gekommen zu sein“. Nach der für ihn kränkenden Erfahrung, von seinen Eltern weggegeben worden zu sein, erlebte er die Außenwelt als feindselig und gegen ihn gerichtet. Im Ergebnis habe das zu einer Entwicklung als „Einzelkämpfer“ und zu einer „egozentrischen Überbewertung des eigenen Weltbilds“ geführt. Leygraf diagnostizierte eine paranoide sowie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Hinweise darauf, dass Frank S. nicht in der Lage war, die Bedeutung seiner Tat einzuordnen, konnte er jedoch ebenso wenig finden wie auf eine psychiatrische Erkrankung zum Tatzeitpunkt. Damit ist Frank S. voll schuldfähig.

Zur Überraschung aller verfolgte Frank S. die Ausführungen des Psychiaters schweigend, nachdem Leygraf seine Ausführungen beendet hatte, verzichtete er zum ersten Mal in dem Verfahren auf eine Wortmeldung. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt, vermutlich mit dem Plädoyer der Bundesanwaltschaft. Das Urteil soll am 1. Juli verkündet werden. Frank S. droht eine lebenslange Haftstrafe.

Print Friendly, PDF & Email