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Frank S. will neue Anwälte

Düsseldorf/Köln. Der Reker-Attentäter Frank S. trug am Freitag medienwirksam den Wunsch nach einem „rechten“ Anwalt vor. Dass er der Richterin mehrfach ins Wort fiel, brachte ihm jedoch nur scharfe Zurechtweisungen ein. Zeugenvernehmungen deuteten auf Missstände in seiner Pflegefamilie.

Frank S. beim Prozessauftakt (Foto: Oliver Berg/dpa)

Frank S. beim Prozessauftakt (Foto: Oliver Berg/dpa)

Der vierte Verhandlungstag im Prozess gegen den Reker-Attentäter Frank S. begann am Freitag mit einer medial inszenierten Überraschung: „Suche mutigen rechten Pflichtverteidiger, auch für Revision, nicht aus Köln“ stand auf einem Blatt Papier, dass der Angeklagte den Fotografen beim Betreten des Gerichtssaals entgegenhielt. Kurz darauf begründete er, warum er seinen Anwälten das Vertrauen entziehen will; diese hätten mit der Presse gesprochen und Ermittlungsakten an die Medien weitergegeben, obwohl er dies untersagt und sie nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden habe.

Anwalt Christof Miseré wies die Vorwürfe seines Mandanten zurück: Es seien Dinge aus den Akten an die Medien weitergegeben worden, bevor er das Mandat übernommen habe. Frank S. blieb jedoch bei seinem Wunsch nach einem „rechten“ Anwalt: „Bei einem Rechten ist halt der Vorteil, dass er schon mal nicht links ist.“ Schnell setzte er noch eins drauf: „Es kann auch ein Konservativer sein. Was früher konservativ war, ist ja heute rechts.“ Christof Miseré war früher bei den Kölner Grünen.

„Für solche Sachen braucht man doch einen Anwalt!“

Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza zeigte sich darüber, dass Frank S. den Wunsch nach neuen Anwälten zuerst den Fotografen vorgetragen hat, wenig amüsiert: „In meinem Saal geht so was nicht.“ Sein mündlich vorgetragener Wunsch nach einer Entbindung von seinen Verteidigern wurde von ihr zurückgewiesen. Als sie ihm später erklärte, dass er diesen Wunsch schriftlich begründen muss, trieb es Frank S. erneut auf die Spitze: „Für solche Sachen braucht man doch einen Anwalt!“ Havlizas Antwort darauf fiel kurz aus: „Jetzt reicht’s.“

Seit 15. April muss sich der 44-jährige Frank S. vor dem 6. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts verantworten. Ihm wird vorgeworfen, am 17. Oktober 2015 bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht zu haben, die damalige Kandidatin für das Kölner Oberbürgermeisteramt, Henriette Reker, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen mit einem 30 Zentimeter langem Messer zu töten. Am zweiten Verhandlungstag hatte er die Tat gestanden, aber die Tötungsabsicht bestritten. Außerdem habe er vier umstehende Personen mit einem Messer verletzt. Mit seinem Angriff auf Reker habe er ein „Zeichen“ gegen die nach seiner Auffassung verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten, setzen wollen. Zudem habe er verhindern wollen, dass Henriette Reker zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt wird. Deren Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Die daraufhin zur Oberbürgermeisterin gewählte Reker ist in dem Prozess Nebenklägerin.

Missstände in der Pflegefamilie?

Einen befremdlichen Eindruck hinterließ am Freitag die Vernehmung seiner heute 80-jährigen ehemaligen Pflegemutter. Vorsorglich erschien die in Spanien lebende Frau mit einer Anwältin. Dass es eine Schlägerei zwischen Frank S. und seinem Pflegevater gegeben habe, leugnete sie. Dass Frank S. die Wohnung danach nicht mehr von seinem Zimmer aus betreten konnte, auch. Tief blicken ließ ihre Antwort auf die Frage, warum sie einem Journalisten des Stern ein Bild von Frank S. überlassen hatte, das zeigt, wie er als Kind am Daumen lutscht: „Das hat der selber rausgesucht.“ Auf die Nachfrage der Richterin, ob sie in diesem Moment überlegt habe, was die Veröffentlichung dieses Bildes in ihrem ehemaligen Pflegesohn auslöst, sagte sie: „Habe ich nicht darüber nachgedacht.“

Ihre weitere Befragung ergab die wirtschaftliche Bedeutung der Aufnahme von Pflegekindern: 300 Mark Pflegegeld bekam das Ehepaar für jedes aufgenommene Kind. Dann nutzte sie die Gelegenheit, dem Gericht von einem Hakenkreuz zu erzählen, das Frank S. in seiner Jugend an eine Zimmerwand geschmiert haben soll: „Das war so groß, dass man das Zimmer neu streichen musste.“ Als ihr ehemaliger Pflegesohn die Gelegenheit bekam, sie selber zu befragen und dabei siezte, war ihr das anscheinend unangenehm: „Es wird mir zu viel.“

Einen völlig anderen Eindruck hinterließ die Befragung eines 44-Jährigen, der zur gleichen Zeit wie Frank S. in dieser Pflegefamilie untergebracht war. Er bestätigte die Angaben von Frank S. zu der Prügelei mit dem Pflegevater und die für ihn daraus resultierenden Konsequenzen. Auf Nachfrage offenbarte der zurückhaltend wirkende Zeuge, dass der Pflegevater aggressiv gewesen sei und die Kinder, auch ihn, geschlagen habe. Die Pflegemutter sei dabei nie anwesend gewesen, habe dies aber gewusst.

Inszenierung als Widerstandskämpfer gescheitert

Frank S. nutzte seinen Prozess bislang ausgiebig dazu, sich als moderner Widerstandskämpfer zu inszenieren. In den ersten drei Verhandlungstagen versuchte er immer wieder vergeblich, Barbara Havliza in politische Debatten zu verwickeln. Am vierten Tag der Hauptverhandlung fiel er jedoch zumeist dadurch auf, ihr ins Wort zu fallen. Havliza reagierte mehrfach hörbar gereizt: „Sie dürfen jetzt gar nichts außer zuhören.“

Seine Inszenierung als Widerstandskämpfer dürfte jedoch schon jetzt gescheitert sein; auf die ihm mehrfach gestellte Frage, warum er seine Kritik an der Flüchtlingspolitik nicht ohne Messer vorgetragen hat, hatte er bis heute keine plausible Antwort. Dass ihm die unzähligen Menschen, die sich in Deutschland demokratisch und gewaltfrei gegen diese Politik engagieren, nicht einmal Erwähnung wert sind, dürfte auch Barbara Havliza nicht entgangen sein. Möglicherweise gefällt sich Frank S. aber auch in der Rolle desjenigen, der alle gegen sich aufbringt. Trotz seiner Redegewandtheit und politischen Bildung dürfte dem Gutachten des Psychiaters Norbert Leygraf in diesem Prozess große Bedeutung zukommen. Das Urteil soll am 23. Juni gesprochen werden.

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Über den Autor

Peter Hemmelrath

Herausgeber von NRW.direkt seit Dezember 2015.