Düsseldorf Panorama

Frauen Union besucht Jüdische Gemeinde

Düsseldorf. Die Frauen Union war am Dienstag in der Jüdischen Gemeinde zu Gast. Dabei wurde auch darüber gesprochen, wie die Gottesdienste besucht sind und ob die Gemeinde ähnliche Austritte zu beklagen habe wie christliche Kirchen. Der Unterscheidung von Rabbinerin Elisa Klapheck in Glauben und Religion vermochte die FU-Kreisvorsitzende Sylvia Pantel jedoch nicht zu folgen.

Die Frauen Union (FU) der Landeshauptstadt war am frühen Dienstagabend im Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD) zu Gast. Dort wurden die 52 Veranstaltungsteilnehmer, darunter auch die Ratsfrau Annelies Böcker, von Michael Szentei-Heise, dem Verwaltungsdirektor der JGD, begrüßt. Szentei-Heise begann seine Führung durch das Gemeindezentrum vor jenem Eingang, der in der Synagoge zur Empore für Frauen führt, und erläuterte, dass es sich bei der Eingangstür um eine später wiederentdeckte und restaurierte Tür der 1938 niedergebrannten Großen Synagoge in der Kasernenstraße handelt. Danach wurden die zumeist weiblichen Veranstaltungsteilnehmer aber in den Teil der Synagoge gebeten, der sonst 250 Männern Platz bietet.

Dabei erinnerte Michael Szentei-Heise auch daran, dass die Synagoge am 7. September 1958 fast auf den Tag genau 20 Jahre nach der Reichspogromnacht eingeweiht wurde. Damals habe man sich für eine orthodoxe Gemeinde entschieden, in der auch liberale Juden beten können, da es nach 1945 in Düsseldorf zu wenig Juden gab, als dass das vor der Shoa praktizierte Konzept einer Einheitsgemeinde, die unterschiedliche Strömungen beherbergt, Sinn ergeben hätte.

Damit kam das Gespräch zwischen dem Verwaltungsdirektor der Gemeinde und den Vertreterinnen der Frauen Union auch schnell auf die unterschiedlichen Strömungen im Judentum, die Szentei-Heise in liberal, konservativ und orthodox unterteilte. „Das Problematische sind die ganz Orthodoxen“, sagte er. Auffällig dabei war, dass er die Chabad-Lubawitsch-Bewegung, die inzwischen auch in Düsseldorf innerhalb des Judentums missioniert, dabei als Sekte bezeichnete und damit im Gegensatz zu den Orthodoxen nicht zum Spektrum des Judentums zählte. Michael Szentei-Heise begründete das mit dem für das Judentum untypischen Personenkult der Bewegung um den 1994 verstorbenen Rabbiner Menachem Mendel Schneerson.

Ähnliche Probleme wie im Christentum?

Als die FU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel wissen wollte, wie die Gottesdienste besucht seien, sagte er: „An hohen Feiertagen sind sie gut besucht. Freitagabends, zu Beginn des Schabbat, haben wir hier ungefähr 90 Leute, Samstagmorgens ungefähr 60 Leute. Für eine Gemeinde mit 7.000 Mitgliedern ist das verdammt wenig.“ Das machte andere Besucher neugierig, die daraufhin wissen wollten, ob die Jüdische Gemeinde, ähnlich wie die christlichen Kirchen, ebenfalls mit Austritten zu kämpfen habe. „Ja, wir haben auch Austritte, aber mit rund zwei Prozent deutlich weniger als bei den christlichen Kirchen“, antwortete Michael Szentei-Heise. Als eine Frau wissen wollte, ob sich die Gemeinde durch den Zustrom von Flüchtlingen vergrößert habe, antwortete der als humorvoll bekannte Verwaltungsdirektor der JGD: „Nein, die meisten der Flüchtlinge sind Muslime. Die haben anderes zu tun, als sich bei einer Jüdischen Gemeinde zu melden.“

Nach ungefähr einer Stunde ging es aus der Synagoge in den Leo-Baeck-Saal des Gemeindezentrums, wo die in Düsseldorf geborene Elisa Klapheck einen Vortrag zum Thema „Frauen im modernen Judentum“ hielt. Klapheck, die dabei eine Kippa, eine Kopfbedeckung jüdischer Männer, trug, ist eine von insgesamt sieben Rabbinerinnen in Deutschland. Derzeit ist sie Rabbinerin einer liberalen Gemeinde in Frankfurt.

„Glauben ist das am wenigsten Wichtigste“

Mit der Forderung nach Erneuerung des Judentums, bei der Glauben „das am wenigsten Wichtigste“ sei und es stattdessen um Werte gehe, sorgte sie jedoch schnell für eine Überraschung bei den Besuchern. „Heute ist für mich die Frauenfrage nicht mehr die wichtigste“, fuhr Elisa Klapheck fort. „Heute ist für mich das politische Judentum das Wichtigste.“ Als Beispiele für „Reizthemen“, die diskutiert werden müssten, nannte sie die sogenannte Homo-Ehe sowie die Mischehe zwischen Angehörigen verschiedener Religionen. Als sie davon sprach, dass sich ein europäisches Judentum entwickeln müsse, merkte sie an: „Als Kinder waren wir immer auf Israel fixiert.“ Michael Szentei-Heise nickte, sagte aber nichts. Angesichts des in den letzten Jahren in Europa dramatisch gestiegenen Antisemitismus gilt Israel unter Juden als einzig sicherer Zufluchtsort.

Als die Besucherinnen die Gelegenheit zu Fragen bekamen, meldete sich sofort Sylvia Pantel zu Wort: „Das wäre im Christentum nicht möglich, dass jemand sagt: ‚Ich habe einen Pfarrer, der nicht glaubt‘. Das verstehe ich nicht.“ Elisa Klapheck antwortete: „Ich verstehe Sie auch nicht, ich verstehe die Emotionalität in Kirchen nicht.“ Einen Glauben „in dem Sinne, dass ich das glaube, was in der Tora steht, habe ich nicht“. Dann bezeichnete die Rabbinerin ihre Religiosität als „ein Ringen und einen Streit mit Gott“, bei dem die „Essenz der Religion“ für sie darin bestehe, „mit Gott im Dialog zu sein“. „Das findet Gott gut“, meinte sie. Pantel aber war nicht überzeugt: „Ich finde, das passt nicht“, sagte die katholische Politikerin. „Sie werden das von so vielen Rabbinern hören“, antwortete Klapheck.

Kritik an der Beschneidung bleibt aus

Auch andere Besucherinnen nutzen die Gelegenheit, ihre Fragen zum Judentum zu stellen, womit sich die rund zweieinhalbstündige Veranstaltung zunehmend zur munteren Diskussion entwickelte. Viele Fragen waren auf die Brit Mila bezogen, die Beschneidung jüdischer Jungen, die bis zu dessen achtem Lebenstag vollzogen werden muss. Kritik an diesem Gebot, das auch von den meisten säkularen Juden als wichtiges Element jüdischer Identität wahrgenommen wird, blieb jedoch aus. Klapheck bezeichnete die vor Jahren dazu geführten Diskussionen als „unglückselige Debatte“ für das liberale Judentum, da auch dessen Vertreter damit in eine Verteidigungshaltung gedrängt worden seien.

Als eine Frau wissen wollte, ob ein Kind Jude werden kann, wenn der Vater, aber nicht die Mutter jüdisch ist, erläuterte Elisa Klapheck, dass dies etwa möglich sei, wenn der Junge beschnitten wird und sich, wenn er das Alter der Bar Mitzwa, der religiösen Mündigkeit, erreicht hat, für das Judentum entscheidet. Im Judentum ist die Geburt durch eine jüdische Mutter die Voraussetzung für eine Anerkennung als Jude. Missionierung wird vom Judentum abgelehnt. Eine Konvertierung zum Judentum ist grundsätzlich möglich, hat aber als langwieriger und mit Prüfungen verbundener Prozess auf viele Menschen abschreckenden Charakter. Wer daran interessiert sei, solle sich erst einmal genau überlegen, warum er das will, riet Klapheck.

„Ich habe heute viel gelernt“, bedankte sich Sylvia Pantel zum Ende der Veranstaltung bei Elisa Klapheck. „Und ich find’s schön, dass man um den besseren Weg ringen kann, auch wenn mir der Unterschied zwischen Religion und Glauben noch nicht so klar ist.“

Bild von links: Sylvia Pantel, Elisa Klapheck und Michael Szentei-Heise. Bildrechte: NRW.direkt

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