Kolumnen Politik

Freiheit der Kunst oder ideologische Besessenheit?

Die Intendantin der Ruhrtriennale rechtfertigt die für 18. August angekündigte Podiumsdiskussion mit der Freiheit von Kunst und Meinung. Wer aber zu solchen Diskussionen Vertreter einer Bewegung einlädt, die andere Künstler wegen ihrer Nationalität ausgrenzt, wendet sich in Wahrheit gegen diese Freiheiten. Eine Kolumne von Michael Naor.

Michael Naor (Bild: NRW.direkt)

Trotz der hohen Temperaturen eines Jahrhundertsommers und des damit verbundenen Bedarfs nach Abkühlung und Erholung, kommt man in Nordrhein-Westfalen nicht zur Ruhe. So ist der Konflikt mit der Intendantin der Ruhrtriennale vor dem Hintergrund ihrer Sympathie für die BDS-Bewegung immer noch nicht beigelegt. Ganz im Gegenteil; jetzt legt Stefanie Carp noch einen drauf. Zwar beschreibt sie die ganze Aufregung als „Nebenschauplatz“, also als völlig unwichtig. Dennoch ist es ihr anscheinend wichtig, weiter Öl ins Feuer zu gießen.

Da die schottische Band „Young Fathers“ nicht wie geplant am 18. August ihr Konzert geben wird, dachte sich die Intendantin für diesen Tag etwas Originelles aus: Eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Freedom of speech/Freiheit der Künste“. Dabei sollen sich „Künstler*innen, Kurator*innen und Politiker*innen mit dem Spannungsverhältnis von Meinungsfreiheit und Freiheit von Kunst mit persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung im Kontext der deutschen Geschichte auseinandersetzen“, so die offizielle Ankündigung. In verschiedenen Interviews kündigte Stefanie Carp zudem an, sie wolle bei der Podiumsdiskussion ihre Position erläutern.

BDS-Bewegung grenzt israelische Künstler aus

Die Botschaft des Titels „Freiheit der Künste“ ist klar: Kunst und Kultur sollen frei von politischem Einfluss bleiben. Wunderbar! Das würde jeder Mensch in der demokratischen Welt sofort unterzeichnen. Aber was hat Kunstfreiheit mit einer Bewegung zu tun, deren Hauptanliegen es ist, ein Land wie Israel zu delegitimieren und die dafür israelische Künstler ausgrenzt? Und die dafür auch massiven Druck auf Künstler ausübt, die in Israel oder zusammen mit israelischen Künstlern auftreten wollen? Und ist nicht die Entscheidung, Künstler einzuladen, die für die Unterstützung der BDS-Bewegung bekannt sind, bereits ein klares politisches Statement gegen die Freiheit der Kunst?

Bereits die Erklärung, die Stefanie Carp am 21. Juni auf der offiziellen Website der Ruhrtriennale abgegeben hat, ist von Anfang bis Ende politisch. Anders als der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der die BDS-Bewegung für „eine antisemitische Strömung“ hält, besteht Carp darauf, dass diese nicht antisemitisch sei und vertritt diese Haltung unbeirrt weiter.

Im Kulturausschuss des Landtags distanzierte sich Stefanie Carp nicht davon. Stattdessen verteidigte sie die BDS-Bewegung und bezeichnete sie als Kämpfer für das Existenzrecht Palästinas, was einige Abgeordnete beschämend und peinlich fanden. Als daraufhin Rücktrittsrufe laut wurden, bemühte sich die Intendantin um Schadensbegrenzung. Und nun kommt diese Podiumsdiskussion, die dieser Affäre offenbar ein Deckmäntelchen der Legitimität geben soll.

Die Teilnehmerliste ist eindeutig

Wenn man sich die Teilnehmerliste der geplanten Podiumsdiskussion anschaut, wird schnell klar, dass die BDS-Bewegung dort in einem positiven Licht erscheinen soll. So sind unter anderem der belgische Theaterregisseur Alain Platel sowie der New Yorker Komponist Elliott Sharp angekündigt. Platel gibt sich im Internet als Unterstützer der BDS-Bewegung zu erkennen und auch Sharp ist bereits seit Jahren für seine negative Haltung zu Israel bekannt. Und Stefanie Carp wird die Podiumsdiskussion, wie von ihr ja bereits angedeutet, als eigene Bühne nutzen.

Gegenstimmen, etwa aus den jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen, wird es aber nicht geben. Ein Versehen? Nein, da dürfte eine klare Absicht dahinterstehen. Solche Stimmen sind offensichtlich nicht erwünscht. Denn damit, dass die Podiumsdiskussion auf einen Samstag, also auf den jüdischen Schabbat gelegt wurde, war gewährleistet, dass die offizielle Vertreter der Jüdischen Gemeinschaft gar nicht daran teilnehmen können. Also müssen diese auch nicht eingeladen werden.

Künstler sollten gegen Ausgrenzung eintreten

In ihrer Erklärung vom 21. Juni schrieb Stefanie Carp: „Ich möchte aber nicht, dass sich Künstlerinnen und Künstler für ihre Haltungen zensiert, belehrt oder ausgeschlossen fühlen. Es steht jeder Künstlerin und jedem Künstler frei, eine Position zu beziehen, solange diese Position nicht antisemitisch, rassistisch oder ausgrenzend ist.“ Selbstverständlich hat jeder Künstler, wie jeder andere Mensch auch, das Recht auf eine politische Meinung. Aber Künstler für ein solch bedeutendes Festival wie die Ruhrtriennale aufgrund ganz bestimmter politischer Einstellungen einzuladen, wie in dem Fall der „Young Fathers“, ist ähnlich verwerflich wie das eigentliche Bestreben der BDS-Bewegung, israelische Künstler sowie deren Unterstützer zu boykottieren und auszugrenzen.

Die Unterstützung einer Bewegung, die andere Künstler aufgrund ihrer Nationalität diskriminiert und ihnen die internationale Bühne verweigert, wendet sich gegen die Freiheit der Kunst. Daher ist es nicht nur ein Affront gegen die hier lebenden Juden, sondern gefährdet auch das Aussehen des Festivals und des Kulturlebens in Deutschland. Denn gerade Künstler haben als „Influencer“ eine besondere Verantwortung innerhalb der Gesellschaft und sollten gegen Initiativen eintreten, die andere ausgrenzen.

Die Kolumnen von NRW.direkt geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um die Meinung unserer Redaktion handeln.

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Über den Autor

Michael Naor

Michael Naor ist in Tel Aviv, Israel, geboren und lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. Er ist Psychologe und Psychotherapeut und war viele Jahre in einer Fachklinik beschäftigt. Naor engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. So ist er Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf und Mitglied im Exekutivkomitee von B’nai B’rith Europe (BBE). Außerdem war er Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Vize-Präsident der Zionistischen Organisation Deutschland (ZOD) sowie zehn Jahre lang Chefredakteur von ILI-News, dem Newsletter von „ILI - I Like Israel".