Düsseldorf Justiz

Freispruch im Wehrhahn-Prozess

Düsseldorf. 18 Jahre nach dem Bombenanschlag am S-Bahnhof Wehrhahn hat das Landgericht den angeklagten Ralf S. freigesprochen. Die Beweise hätten für eine Verurteilung nicht gereicht, hieß es am Dienstag zur Begründung. Der Präsident des Zentralrats der Juden spricht von einem schmerzhaften Urteil und fordert weitere Ermittlungen.

S-Bahnhof Wehrhahn (Bild: NRW.direkt)

Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf hat den 52-jährigen Ralf S. am Dienstag vom Vorwurf des versuchten Mordes in zwölf Fällen durch Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion freigesprochen. „Die Kammer konnte aufgrund der Beweisaufnahme nicht die für eine Verurteilung erforderliche Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte der Täter war“, hieß es zur Begründung. Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslange Haft gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger können dagegen Revision einlegen.

Bei einem mit einer mit TNT gefüllten Rohrbombe durchgeführten Anschlag wurden am 27. Juli 2000 in der Nähe des S-Bahnhofs Düsseldorf-Wehrhahn zehn Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Eine im fünften Monat schwangere Frau verlor ihr ungeborenes Kind. Bei den Opfern handelte es sich um Einwanderer aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Aserbaidschan. Sechs von ihnen waren Juden, vier waren Russlanddeutsche.

Ermittlungen 2014 wieder aufgenommen

Bereits kurz nach dem Anschlag wurde der der rechtsextremen Szene zugerechnete Ralf S. kurzzeitig festgenommen. Nachdem Nachbarn der Polizei berichtet hatten, dass er nachts mit einem Hund durch die Straßen patrouilliere, dabei einen Kampfanzug trage und sich „Sheriff von Flingern“ nenne, geriet er ins Visier der Ermittler. Die Beweise gegen ihn reichten jedoch nicht aus.

Bei einer zwischenzeitlichen Inhaftierung soll er Jahre später vor einem Mithäftling damit geprahlt haben, er sei für den Bomben-Anschlag in Düsseldorf verantwortlich. Der Mithäftling gab die Information an die Polizei weiter. Die nahm das zum Anlass, die Ermittlungen 2014 wieder aufzunehmen. Anfang 2017 wurde er erneut festgenommen; dieses Mal waren sich die Behörden sicher, den Täter endlich gefunden zu haben.

Kammer glaubt Zeugen nicht

Das Gericht aber kam nach 32 Verhandlungstagen zu dem Ergebnis, „dass die Indizienbeweise auch in der Summe nicht ausreichen, um die Täterschaft des Angeklagten zweifelsfrei nachzuweisen“. Die „erheblich ausländerfeindliche Einstellung des Angeklagten“, die unter anderem durch aufgezeichnete Telefonate feststehe, sei lediglich ein Indiz für seine Täterschaft. Den Zeugen, die mit Ralf S. gemeinsam in Haft gesessen und jeweils behauptet hatten, er habe ihnen die Tat gestanden, glaubte die Kammer nicht.

Wesentlich für den Freispruch sei jedoch gewesen, dass die Beweisaufnahme das ursprünglich angenommene Tatmotiv nicht bestätigt habe. So konnte nicht festgestellt werden, dass es im Jahre 1999 eine Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und einer anderen Gruppe von Sprachschülern gegeben hat, die bei ihm zum Tatentschluss geführt haben soll, erläuterte das Gericht. Der 52-Jährige wurde bereits im Mai aus der Untersuchungshaft entlassen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, reagierte auf den Freispruch mit Bestürzung. „Das Urteil des Landgerichts Düsseldorf im Wehrhahn-Prozess hat mich bestürzt. Auch wenn ich den Freispruch des Angeklagten nicht nachvollziehen kann, so respektiere ich die Entscheidung des Gerichts“, sagte Schuster. „18 Jahre nach dem Anschlag auf jüdische Sprachschüler in Düsseldorf-Wehrhahn werden die Täter noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern zutiefst enttäuschend. Jetzt muss umso intensiver weiterermittelt werden, um den oder die Täter zu überführen.“ (ph)

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