Düsseldorf Justiz Köln Reker-Attentat

„Für mich war die Sache damit erledigt“

Düsseldorf/Köln. Vor Gericht präsentierte sich der Reker-Attentäter Frank S. am Freitag als moderner Widerstandskämpfer. Wie er sich verhält, wenn Henriette Reker nächste Woche als Zeugin aussagt, wird mit Spannung erwartet. Seine Selbstdarstellung aber ist schon jetzt gescheitert.

Natürlich sei es „brutal“, „grausam“ und auch „nicht ehrenhaft“ gewesen, „auf eine wehrlose Frau einzustechen“. Ein „Duell unter Männern“ wäre ihm lieber gewesen. Und leicht sei es ihm auch nicht gefallen; sein erstes Bier habe er als Frühstück zu sich genommen. Um die „Hemmschwelle“ für seine Tat zu überwinden, habe er „an der Tanke“ noch zwei weitere gekauft und getrunken. Aber er hatte nur sein Motiv im Kopf, er wollte ein „Zeichen setzen“ gegen die seiner Meinung nach verfehlte Flüchtlingspolitik. Auch darauf, nach seiner Tat erschossen zu werden, hatte er sich vorbereitet. Für diesen Fall habe er die „Freiheitsrede“ aus dem Film „Braveheart“ auf seinen Anrufbeantworter gesprochen. Und nachdem er auf einer Wahlkampfveranstaltung in Köln auf Henriette Reker eingestochen hatte, habe er sein Messer weggeworfen. „Zack. Weg. Für mich war die Sache damit erledigt.“

Für Henriette Reker hingegen war „die Sache“ nicht erledigt. Ihr Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden, ihre Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin konnte sie im Koma nicht miterleben. Die Bundesanwaltschaft zog den Fall schnell an sich, seit Mitte April ist Frank S. vor dem 6. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) mit einer Anklage wegen versuchtem Mord konfrontiert. Hinzu kommt, dass er nach dem Messer-Angriff auf Henriette Reker am 17. Oktober 2015 auch noch vier weitere umstehende Personen verletzt haben soll.

„berserker.1488″ als E-Mail-Endung

Der zweite Verhandlungstag begann am Freitag damit, dass Frank S. mehrfach erklärt, sich zur Tat, aber nicht zum Motiv äußern zu wollen. Das sei „zu komplex“, so der 44-Jährige, der auch keine Erinnerung mehr daran haben will, warum er noch 2003 die E-Mail-Endung „berserker.1488″ benutzt hatte. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza kann dieser Trennung von Tat und Motiv logisch nicht folgen, muss sie jedoch akzeptieren.

Aber am späten Vormittag ist das wieder vergessen, plötzlich sprudelt es aus ihm heraus: Henriette Reker sei eine „linksradikale Scharia-Ideologin mit Realitätsverweigerung“, sie sei ein „U-Boot“ und eine „Marionette“ der Grünen. Die wiederum würden die Antifa massiv unterstützen, die „in SS-Manier andere Menschen niederknüppele“. Im Gegensatz zu den anderen Menschen, denen er sich „in Notwehr“ erwehren musste, weil sie nach seinem Angriff auf Reker auf ihn zugestürmt kamen, sei diese „nicht unschuldig“ gewesen.

Warum keine Meinungsäußerung ohne Messer?

Worüber Frank S. aber auch an diesem Verhandlungstag mit keinem einzigen Wort redet, sind die vielen Tausend Menschen, die sich in Deutschland bereits lange vor seiner Tat gewaltfrei und mit Mitteln der Demokratie gegen die von ihm kritisierte Flüchtlingspolitik engagiert haben. Ob er diesen mit seiner Tat geschadet hat, ob er nicht selbst derjenige war, der Reker zu ihrem Wahlsieg verholfen hat – all diese Fragen kommen in seiner Selbstdarstellung gar nicht erst vor. Als Barbara Havliza fragt, warum er seine politische Meinung zu Henriette Reker nicht ohne Messer kundgetan hat, fällt seine Antwort kurz aus: „Dann wäre ich ja festgenommen worden.“ Havliza ringt um Fassung: „Das sind Sie so doch auch.“

Aber die Richterin behält ihre Nerven, sie möchte wissen, ob Frank S. „ernsthaft geglaubt“ habe, mit seiner Tat die Politik ändern zu können. Seine Antwort lautet: „Natürlich habe ich daran geglaubt. Sonst hätte ich es ja nicht gemacht.“ Jetzt ist der arbeitslose Maler in Fahrt, ungebremst von seinen Anwälten spricht er davon, dass seine Tat „nicht persönlich gemeint war“, er habe es „für sein Land getan“, um „Schlimmeres zu verhüten“. Und „viele Sachen“ seien ja erst durch seine Tat publik geworden. Was er damit konkret meint, lässt er jedoch offen. Im Zuschauerraum fliegen die Kugelschreiber über das Papier; all jene, die Kritiker der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik gerne als „geistige Brandstifter“ sehen und nur auf einen deutschen Breivik gewartet haben, dürften den am Freitag in Frank S. gefunden haben.

Frank S. und Henriette Reker treffen aufeinander

Wenn am nächsten Freitag die ersten Opfer seiner Tat, darunter auch Henriette Reker, als Zeugen aussagen werden, dürften die 68 Presseplätze im Hochsicherheits-Gerichtssaal des OLG nicht mehr ausreichen. Keinem der Opfer wird es leicht fallen, nur wenige Meter von einem Menschen Platz nehmen oder diesem in die Augen schauen zu müssen, von dem es mit einem Messer angegriffen wurde. Vorsorglich hat Barbara Havliza zum Ende des zweiten Verhandlungstages Frank S. darauf hingewiesen, dass sie dann entsprechendes Benehmen von ihm erwartet. Ein Hinweis, der bei einer Richterin, die für ihre Konsequenz bekannt ist und auch schon mal einen Saal hat räumen lassen, weil muslimische Zuschauerinnen sich bei ihrem Eintreten nicht erhoben haben, ernst genommen werden sollte. Ob er auch bei diesem Angeklagten fruchtet, bleibt abzuwarten.

Dessen Selbstdarstellung als moderner Widerstandskämpfer ist dennoch schon jetzt gescheitert. Frank S. droht eine lebenslange Haftstrafe. Und diejenigen, die nicht zum Messer gegriffen haben und stattdessen dieselbe Meinung auf demokratischem Wege kundgetan haben, sind nicht festgenommen worden. Sondern ziehen trotz aller Angriffe der Antifa in ein Parlament nach dem nächsten ein. Eine noch eindrucksvollere Widerlegung der Verschwörungstheorien des Frank S. ist damit gar nicht mehr denkbar.

Bild ganz oben: Frank S. beim Prozessauftakt. Foto: Oliver Berg/dpa

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Über den Autor

Peter Hemmelrath

Herausgeber von NRW.direkt seit Dezember 2015.