Mönchengladbach Panorama

Für tote Juden Gedenken, für lebende Ignoranz?

Mönchengladbach. Stadt und Jüdische Gemeinde offenbarten am Donnerstag gänzlich unterschiedliche Sichtweisen auf den 9. November: Während in der Synagoge der durch „Einwanderer einer bestimmten Ideologie“ gestiegene Judenhass beklagt wurde, geriet das Gedenken der Stadt an die Novemberpogrome 1938 zur Anti-AfD-Veranstaltung. Die Aussage eines Rabbiners wurde am Tag darauf von einer großen Zeitung nur verfälscht wiedergegeben.

Rabbiner Yitzhak Hoenig bei der Begrüßung zur Gedenkfeier (Bild: NRW.direkt)

Auch in Mönchengladbach wurde am Donnerstag der Novemberpogrome des Jahres 1938 gedacht. Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Juden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen und andere Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Die auch als Reichskristallnacht bezeichneten Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung zur Verfolgung der Juden, die später in die Shoah mündete. In Mönchengladbach wurden vier Synagogen von den Nazis niedergebrannt. Die Grundstücke wurden enteignet und der Stadt überlassen.

Wie bereits im letzten Jahr, gingen Stadt und Jüdische Gemeinde bei der Ausrichtung der Gedenkfeiern getrennte Wege. Den Anfang machte die Jüdische Gemeinde, in deren Synagoge Rabbiner Yitzhak Hoenig am frühen Donnerstagnachmittag rund 70 Menschen begrüßte. Hoenig ging schnell in medias res: „Seit der Wiedervereinigung und insbesondere seit der großen Welle von Einwanderung erleben wir mehr Hass. Und die Furcht wächst, dass sich die damaligen Ereignisse wiederholen.“ Eine große Tageszeitung gab diese Aussage am Tag darauf jedoch nur verfälscht wieder: „Die Situation für Juden hat sich seit der Wiedervereinigung nicht verbessert, vor allem seit der Flüchtlingswelle erlebt dieses Land immer mehr Hass“, wurde dem Rabbiner dabei in den Mund gelegt.

Nach Yitzhak Hoenig sprach die Gemeindevorsitzende Leah Floh: „Warum müssen Juden in ihren Synagogen bewacht werden?“, fragte sie. Während sie das fragte, saßen zwei Polizisten in der Synagoge. Dann zitierte sie eine Aussage des Publizisten Henryk M. Broder aus dem Jahr 1996: „Fünfzig Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches wird nicht nur der Widerstand gegen Hitler und die Seinen von Tag zu Tag stärker, auch die Liebe zu den Juden nimmt unaufhaltsam zu. Vorausgesetzt allerdings, es handelt sich um tote Juden, die in verschwundenen Welten gelebt haben. Tote Juden haben also Konjunktur.“

„Hass auf Juden und Israel seitens Einwanderern einer bestimmten Ideologie“

„Warum wurde zugelassen, dass sich Sicherheitslage und Lebenssituation für Juden in Deutschland erneut schnell und radikal verändern konnten?“, bohrte Leah Floh weiter. Die Gemeindevorsitzende sprach davon, dass Gewaltakte und „als Israel-Kritik getarnte antisemitische Hetze“ nicht nur aus der rechten Ecke komme, „sondern auch immer lauter werdend vom linken Rand“ der Gesellschaft. „Und als dritte gewaltige Kraft stößt immer intensiver der Hass auf Juden und Israel seitens eingewanderter Menschen einer bestimmten Ideologie hinzu.“

Leah Floh nahm kein Blatt vor den Mund; auch die „anti-israelische, pardon, israel-kritische Haltung“ vieler Linker sowie kirchlicher Würdenträger wurden von ihr kritisiert. „Viele 68er hatten sich schon früh mit den PLO-Mördern gemein gemacht. Nun dürfen Menschen ins Land kommen, die ähnlich denken“, sagte sie. „Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle mit Bezug auf die fatale Toleranz der Weimarer Republik eine Bitte geäußert, die ich heute wiederhole: Wir sind nicht tolerant unseren Feinden gegenüber. Liebe Gäste, bitte seien Sie es auch nicht, in unserem und in Ihrem eigenen Interesse. Sonst wird es wieder das Ende der Demokratie bedeuten.“ Zum Ende ihrer Rede bat sie „am heutigen Gedenktag für die ermordeten Juden um Unterstützung für die lebenden“.

„Nehme gerne an dieser Pflichtübung teil“

Eine völlig andere Richtung schlug Bürgermeister Michael Schroeren (CDU) ein, der als Vertreter der Stadt in der Synagoge zu Beginn seiner Rede betonte, „gerne an dieser Pflichtübung teilzunehmen“. Sofort korrigierte sich Schroeren, aber auch nur, um die Gedenkfeier im zweiten Anlauf als „Pflichtaufgabe“ zu bezeichnen. Auf die Ängste der Gemeinde vor dem Judenhass von Einwanderern ging Schroeren nicht ein, stattdessen betonte er, dass es nie wieder passieren dürfe, dass „Neo-Nazis ihr Unwesen treiben“.

Pfarrer Hans-Ulrich Rosocha offenbarte einen anderen Blickwinkel und forderte ein „klares Bekenntnis der Christenheit zu Israel“. Diese müsse „ohne wenn und aber an der Seite des jüdischen Volkes stehen“, sagte der sichtlich ergriffene Pfarrer. „Wenn wir als Christen dazu bereit sind, können wir uns am heutigen Tag auch erinnern.“

Nach rund einer Stunde war das Gedenken in der Synagoge wieder beendet. „Wer möchte, kann auch nach Rheydt fahren“, verabschiedete Leah Floh die Teilnehmer. Damit war die Gedenkveranstaltung der Stadt am Gedenkstein der in Mönchengladbach-Rheydt niedergebrannten Synagoge gemeint. Nachdem diese zuletzt nur von Flohs Stellvertreter besucht wurde, hatte die Stadt den Gemeindemitgliedern in diesem Jahr einen kostenlosen Bustransport dorthin angeboten.

Weg zur städtischen Gedenkfeier nicht mit Kippa möglich

Am Donnerstag aber stellte sich heraus, dass der von der Stadt bereitgestellte Bus mehrere Kilometer von der Synagoge entfernt wartete. Als die Juden feststellten, dass sie für den Weg zum Bus die halbe Innenstadt durchqueren mussten, nahmen auch die letzten Männer ihre Kippa vorsorglich wieder vom Kopf. Viele hatten diese bereits beim Verlassen der Synagoge durch eine andere Kopfbedeckung ersetzt. Auf ihrem Weg zum Bus wurde die Gruppe nur von einem Security-Mann der Jüdischen Gemeinde begleitet. Die meisten Gemeindemitglieder aber gingen nach Hause, lediglich etwas mehr als 20 fuhren mit dem Bus zur städtischen Gedenkveranstaltung.

Dort war nach einer Kranzniederlegung im Zusammenhang mit der Judenvernichtung nicht mehr von der Shoah, sondern vom Holocaust die Rede. Der Mönchengladbacher Oberbürgermeister Hans-Wilhelm Reiners (CDU) bezeichnete diesen als „die Pflicht, gefährliche politische Strömungen zu erkennen und sich ihnen entgegenzustellen“. Als Beispiel nannte er eine Demonstration gegen „Rechtspopulisten“, die vor rund einer Woche „gegen Flüchtlinge Stimmung machen wollten“.

Anti-Anti-Merkel-Demos als Lehre aus der Judenvernichtung?

Die Zeitangabe ließ darauf schließen, dass damit ein „Abendspaziergang“ einer unbekannten Gruppe gemeint war, der Anfang November unter dem Motto „Merkel muss weg“ in der Mönchengladbacher Innenstadt stattgefunden hatte. Hinter dieser Kundgebung wurde ein kleines Häuflein Mönchengladbacher Pegida-Anhänger vermutet. Kurz nachdem deren Kundgebung angemeldet wurde, hatte ein überwiegend aus linken Gruppierungen bestehendes Bündnis, bei dem die Jüdische Gemeinde ihre Mitgliedschaft bereits vor Jahren gekündigt hat, zur Gegendemonstration aufgerufen.

Die breite Öffentlichkeit reagierte auf die Anti-Merkel-Kundgebung ebenso wie auf die Gegendemonstration mit Desinteresse. Hans-Wilhelm Reiners aber maß dem Ereignis große Bedeutung bei: „Die Vergangenheit wirkt“, lobte er die Gegendemonstranten. Auf die Ängste der Jüdischen Gemeinde vor dem Hass von Einwanderern sowie einer möglichen Wiederholung der Ereignisse von 1938 ging er jedoch nicht ein.

Warnungen vor AfD und „brauner Parallelgesellschaft“

Noch deutlicher wurde eine Rednerin, die vom „Erstarken rechter Kräfte in Deutschland“ sowie von der „braunen Parallelgesellschaft“ sprach und dabei immer wieder vor einer die Demokratie bedrohenden Partei warnte, allerdings ohne diese beim Namen zu nennen. Spätestens mit der Aussage, dass diese Partei „die Vergangenheit, die Rolle der Wehrmacht und den Islam neu bewerten“ wolle, wurde jedoch deutlich, dass damit nur die AfD gemeint sein konnte. Aber auch diese Rednerin ging mit keinem einzigen Wort auf die Ängste der Juden vor dem gegen sie gerichteten Hass von Einwanderern ein. Stattdessen sagte sie Dinge wie: „Wir müssen nicht die Vielfalt fürchten, sondern die Einfalt.“

Leah Floh hörte sich die Reden auf der städtischen Gedenkveranstaltung zusammen mit anderen Mitgliedern ihrer Gemeinde aufmerksam und schweigend an. Wegen ihrer Reden sowie ihrer Warnungen vor muslimischem Judenhass wurde die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach in den letzten Jahren mehrfach hart kritisiert. Vor diesem Hintergrund war es nicht verwunderlich, dass sie in diesem Jahr nur in der Synagoge sprach, auf der städtischen Gedenkveranstaltung hingegen nichts sagte.

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