Düsseldorf Panorama

Gedenken an die Opfer der Shoah

Düsseldorf. Mit einer Kranzniederlegung wurde am Freitag am ehemaligen Güterbahnhof im Stadtteil Derendorf der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee erinnert. „Das Vergessen ist der erste Schritt zur Wiederholung. Und das darf nie wieder passieren“, sagte Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde. Die zunehmenden judenfeindlichen Angriffe wurden bei der Gedenkveranstaltung nicht thematisiert.

Michael Szentei-Heise bei seiner Rede (Bild: NRW.direkt)

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des Nazi-Regimes. Zum Gedenken daran legten Stadtdirektor Burkhard Hintzsche (SPD), Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie Aaron Malinsky als Vertreter des Rabbinats am späten Freitagvormittag am Mahnmal für die Deportierten am ehemaligen Güterbahnhof im Stadtteil Derendorf einen Kranz nieder.

Rund 80 Menschen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil, darunter auch der Bundestagsabgeordnete Andreas Rimkus (SPD), Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf sowie zwei Mitarbeiter der Jugendberufshilfe und 17 von ihnen betreute Jugendliche, die an einer Umgestaltung des Mahnmals mitwirken. Wegen des Schabbats wurde das Gedenken vom Samstag auf den Freitag vorgezogen.

Von 1941 bis 1944 wurden von diesem Bahnhof mehr als 6.400 Juden aus Düsseldorf, dem westlichen Ruhrgebiet, vom Niederrhein sowie aus dem Bergischen Land in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Am Abend vor den Terminen hatten sich die Juden im Schlachthof an der Rather Straße einzufinden, wo sie registriert und mittels Leibesvisitationen ausgeplündert wurden. Am Tag darauf mussten sie in südlicher Richtung zu den Verladerampen gehen, wo sie in Personenwagen Dritter Klasse verladen wurden. Um in sichtbarer Form daran zu erinnern, wurde 2012 das Mahnmal am ehemaligen Güterbahnhof eingeweiht.

„Geplanter, bürokratisch organisierter und industriell betriebener Völkermord“

Burkhard Hintzsche erinnerte in seiner Rede an den „bewusst geplanten, bürokratisch organisierten und industriell betriebenen Völkermord an den Juden Europas“, der „hier, in unseren Städten, in unseren Straßen und vor den Augen der damaligen Bevölkerung“ begonnen habe. „Niemand von uns, weder Sie noch ich, haben eine wirkliche Vorstellung davon, welche menschlichen Dramen von Trennung und Abschied, von Leben und Tod sich hier auf diesen Güterrampen vollzogen haben. Wir stehen nur da und können es ansatzweise erahnen, was dies alles für die Betroffenen bedeutete. Im Nachhinein ändern können wir es leider nicht. Das Gedenken, das würdevolle Erinnern und das Lernen über und aus der Geschichte sind das Einzige, was wir Heutigen zu leisten im Stande sind.“ Weiter sprach Hintzsche davon, dass das heutige Erinnern an die Shoah aber auch „vom Antisemitismus, der in allen möglichen Formen und Medien seinen Ausdruck findet“, eingetrübt sei.

Zur gegenwärtigen Situation in Düsseldorf lebender Juden wurde nichts gesagt. Erst am Vortag hatte Michael Szentei-Heise aus Anlass der Prozesseröffnung gegen den mutmaßlichen Wehrhahn-Attentäter in der Rheinischen Post davon gesprochen, dass die Jüdische Gemeinde seit zwei Jahren „eine massive Zunahme judenfeindlicher Angriffe“ feststelle. „Es ist zwar so, dass die meisten Straftaten gegen Juden aus dem rechtsradikalen Milieu kommen, aber judenfeindliche Angriffe aus dem muslimischen Milieu nehmen zu“, sagte er der Zeitung. Im letzten Jahr wurde die Gemeinde durch Schilderungen von jüdischen Kindern über zunehmendes Mobbing durch muslimische Mitschüler erschüttert.

Am Freitag aber sagte Szentei-Heise nichts zu den gegenwärtigen Bedrohungen für Juden. Stattdessen erinnerte er daran, dass „so gut wie kaum einer“ der Juden, die vom Derendorfer Güterbahnhof nach Auschwitz deportiert wurden, die Shoah auch überlebt haben. Er erzählte von einem Gespräch mit einer älteren Jüdin, die den Wunsch geäußert hatte, nach ihrem Tod verbrannt zu werden. Daraufhin habe er sie gefragt, weshalb sie dieses für Juden nicht übliche Bestattungsritual wünsche. Sie erklärte das damit, dass sie ihren beiden in den Vernichtungslagern ermordeten Töchtern nach ihrem eigenen Tod in das Feuer folgen wolle. „An dieser Stelle war die Diskussion beendet“, sagte Michael Szentei-Heise. Das Ende seiner kurzen Rede war unmissverständlich: „Das Vergessen ist der erste Schritt zur Wiederholung. Und das darf nie wieder passieren.“

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