Kolumnen Politik

Gekommen, um zu bleiben?

Die klaren Worte der Jüdischen Gemeinde und des Kreises der Düsseldorfer Muslime zur Verurteilung von Übergriffen auf Andersgläubige sind zu begrüßen. Damit wurde aber auch ein gleicher Verantwortungsstand suggeriert. Faktisch gibt es aber eine klare Asymmetrie, denn bislang ist noch kein einziger Angriff auf Muslime durch Juden bekannt. Eine Kolumne von Michael Naor.

Michael Naor (Bild: NRW.direkt)

Die letzten Wochen waren reich an Events rund um den 70. Geburtstag des Staates Israel. Ganz besonders sind da die beeindruckende und würdige Feier im nordrhein-westfälischen Landtag am 14. Mai sowie die mittlerweile traditionellen Israel-Tage am 26. April in Köln und am 17. Mai in Düsseldorf zu nennen. Bei solchen Anlässen wird von Politikern stets betont, wie lebendig die jüdische Gemeinschaft in Nordrhein-Westfalen geworden ist und dass Juden nicht mehr „auf gepackten Koffern“ sitzen würden.

Es stimmt: Die Anzahl der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in NRW hat sich über die vergangenen 25 Jahre mehr als vervierfacht. Neue Einrichtungen haben sich etabliert und die jüdischen Bürger fühlen sich in ihrer neuen und alten Heimat wohl.

Etwas scheint sich geändert zu haben

Und dennoch scheint sich in letzter Zeit etwas geändert zu haben. Wenn öffentlich zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen, auf deutschen Straßen „Juden ins Gas“ skandiert, die Fahne mit dem Davidstern verbrannt wird, jüdische Schulkinder gemobbt werden und das Tragen einer Kippa zur Gefahr wird, kann man nicht mehr so tun, als gäbe es die ersehnte „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden wirklich.

Große Teile von Politik und Gesellschaft zeigen Betroffenheit und Sorge über diese Entwicklung. Auch in den Medien war das Thema Antisemitismus über mehrere Wochen ein Dauerthema. Und dabei geht es nicht mehr alleine um ein subjektives „Bauchgefühl“: Die Zunahme antijüdischer Animosität und antisemitisch motivierter Übergriffe lässt sich auch wissenschaftlich belegen. Laut der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus-Umfrage) aus dem Jahr 2016 stimmten 41 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass „die Juden die deutsche Vergangenheit ausnutzen“. Und der Satz „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ erhielt 31 Prozent Zustimmung. Bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gebe es einen latenten Antisemitismus, so der Antisemitismusbericht aus dem Jahr 2011.

Übergriffe auf Andersgläubige verurteilt

Was hat sich noch geändert? In letzter Zeit scheint es einige Versuche zu geben, die Beziehungen zwischen muslimischen und jüdischen Verbänden, gerade vor dem Hintergrund der Übergriffe auf Juden von muslimischer Seite, zu verbessern. Dazu erschien am 2. Juni in der Rheinischen Post eine gemeinsame Erklärung vom Kreis der Düsseldorfer Muslime (KDDM) und der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD). Darin wurde zur gegenseitigen Toleranz sowie zur Verurteilung von Übergriffen auf Andersgläubige aufgerufen. Solche klaren Worte, die lange fehlten, sind auf jeden Fall zu begrüßen und zu unterstützen.

Und doch scheint hier etwas durcheinander geraten zu sein. In dieser Erklärung wurde von antisemitischen, islam- und christenfeindlichen Übergriffen sowie Straftaten gesprochen. Übergriffe auf Kirchen oder auf Christen standen jedoch bislang gar nicht auf der medialen Tagesordnung und wurden offensichtlich nur genannt, um absolut „politically correct“ zu bleiben.

Faktische Asymmetrie

Außerdem wurde mit dieser Erklärung suggeriert, die muslimische Community und die jüdische Gemeinde hätten einen gleichen Verantwortungsstand. Das aber täuscht, denn faktisch gibt es hier eine klare Asymmetrie: Während bislang noch kein einziger Angriff auf Muslime durch einen Juden bekannt ist, wurden mehrere Straftaten mit antisemitischem Hintergrund durch Muslime verübt.

Hinzu kommt, dass solche Aufrufe durch die allgemeine Zivilgesellschaft hätten kommen müssen – und nicht aus der jüdischen Gemeinschaft. Bereits im April vergangenen Jahres konstatierte der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus im Bundestag zurecht: „Antisemitismus ist kein Problem der Juden, sondern der Gesellschaft.“

„Zeit, die Feinde in die Schranken zu weisen“

Die Koffer auszupacken, sich zuhause zu fühlen, angekommen zu sein, hängt sehr von der allgemeinen Atmosphäre in dem Wohnumfeld zusammen. Um es mit Adel Tawil und Matisyahu zu sagen: „Zuhause ist, wo deine Freunde sind“ – übrigens ein gutes Beispiel für eine konstruktive Kooperation zwischen einem Muslim und einem Juden.

Die Jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen sowie viele ihrer Mitglieder haben hier Freunde. Leider gibt es aber auch Feinde. Nun ist es an der Zeit, dass die Freunde die Feinde in ihre Schranken weisen. Und dafür sollten, neben wohlgemeinten Worten, auch Taten folgen.

Die Kolumnen von NRW.direkt geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um die Meinung unserer Redaktion handeln.

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Über den Autor

Michael Naor

Michael Naor ist in Tel Aviv, Israel, geboren und lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. Er ist Psychologe und Psychotherapeut und war viele Jahre in einer Fachklinik beschäftigt. Naor engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. So ist er Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf und Mitglied im Exekutivkomitee von B’nai B’rith Europe (BBE). Außerdem war er Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Vize-Präsident der Zionistischen Organisation Deutschland (ZOD) sowie zehn Jahre lang Chefredakteur von ILI-News, dem Newsletter von „ILI - I Like Israel".