Düsseldorf Justiz Lau-Prozess Mönchengladbach

Gericht „grillt“ Pierre Vogel

Düsseldorf/Mönchengladbach. Beim Prozess gegen Sven Lau wurde der Salafisten-Prediger Pierre Vogel am Mittwoch erneut als Zeuge vernommen. Seine Vernehmung entwickelte sich schnell zum knallharten Verhör, bei dem Vogel mehrfach in Erklärungsnot kam.

Pierre Vogel in Mönchengladbach (Archivbild: NRW.direkt)

Zusammen mit dem Braunschweiger Imam Muhammed Ciftci bildeten Pierre Vogel und Sven Lau 2010 und 2011 das Führungstrio des Mönchengladbacher Salafisten-Vereins Einladung zum Paradies (EZP). Von der Politik wurden deren aggressive öffentliche Auftritte im Stadtteil Eicken mit dem Verweis auf die Religionsfreiheit geduldet. Erst eine Bürgerinitiative sorgte mit ihren beharrlichen Protesten dafür, dass Ciftci und Vogel nach rund einem Jahr entnervt aufgaben und die Stadt wieder verließen.

Am Mittwoch war der 38-jährige Pierre Vogel zum zweiten Mal im Prozess gegen Sven Lau als Zeuge geladen. Gegen den 36-jährigen Lau wird seit Anfang September vor dem Fünften Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts (OLG) verhandelt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm die Unterstützung in Syrien aktiver Terror-Organisationen vor. Bislang hatte das Verfahren jedoch nur wenig Belastendes hervorgebracht. Bei seinem ersten Auftritt als Zeuge hatte Pierre Vogel vor einer Woche eingeräumt, „Stütze vom Staat“ zu bekommen.

Im Zuschauerraum verfolgten rund 25 Salafisten seine erneute Vernehmung. Und die entwickelte sich schnell zu einem knallharten und spannenden Verhör: Mehrfach ließ der Vorsitzende Richter Frank Schreiber im Jahr 2014 abgehörte Telefonate zwischen Pierre Vogel und Sven Lau im Gerichtssaal abspielen, um den Salafisten-Prediger mit seinen Fragen dazu zu konfrontieren.

Mönchengladbacher Salafisten-Veranstaltung in Syrien gefeiert?

Dabei kam Pierre Vogel immer wieder in Erklärungsnot, so etwa bei zwei Telefonaten vom 9. und 21. Februar 2014. Am 8. Februar 2014 hatten Lau und Vogel am Alten Markt in Mönchengladbach öffentliche Vorträge zum Thema „Islamophobie“ gehalten. Am Rande der Veranstaltung bezeichnete Sven Lau gegenüber dem WDR-Fernsehen in Syrien aktive Salafisten als „Freiheitskämpfer“. Das Interview mit Lau wurde noch am gleichen Tag gesendet.

Am Telefon gratulierte Pierre Vogel seinem ehemaligen Weggefährten dazu; das „Super-Interview“ sei „voll nach seinem Geschmack“ gewesen: „Weißt du, wie die in Syrien das feiern werden?“ Dann fragte er Lau, ob „Mohammed al-Almani“ bereits gesehen habe, „was hier abgegangen ist“. Damit war der Mönchengladbacher Konrad Schmitz gemeint, der sich in Syrien der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen hatte. Sven Lau verneinte: „Nee, hat er nicht gesehen.“

Nachdem er mit diesen Telefonaten konfrontiert wurde, versuchte sich Pierre Vogel herauszureden: Mit den „Freiheitskämpfern“ könnten nur die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) gemeint sein. Man könne nicht alle Gegner des Assad-Regimes pauschal als Freiheitskämpfer bezeichnen, so Vogel. Deswegen habe er damals auch falsch reagiert: „Ich hätte eigentlich sagen sollen: ‚Bruder, das kannst du so nicht sagen.'“

FOCUS-Artikel begeistert Vogel

Gerade euphorisch präsentierte sich Pierre Vogel Ende September 2014 am Telefon, nachdem am Vortag unter der Überschrift „Besuch beim Staatsfeind Nr. 1“ im FOCUS ein längerer Artikel über Sven Lau veröffentlicht wurde. Darin hatte Lau eingeräumt, sich in einem syrischen IS-Lager aufgehalten und Konrad Schmitz dort auch kurz getroffen zu haben. Er betonte jedoch, sich nur aus humanitären Gründen dort aufgehalten und dabei „die Hosen so was von voll“ gehabt zu haben. Am Telefon schwärmte Pierre Vogel: „Es ist eine große Ehre, mit dem Staatsfeind Nr. 1 zu reden. Der Artikel ist so was von der Ober-Hammer, du bist die coolste Sau in Nordrhein-Westfalen.“ Sven Lau aber reagierte zurückhaltend.

Möglicherweise deswegen, weil in dem FOCUS-Artikel auch die Rede von Fotos war, die Sven Lau mit einer Kalaschnikow auf einem Panzer zeigen. Und nur wenige Wochen später sorgten zwei Journalisten dafür, dass eines dieser Bilder in mehreren Medien veröffentlicht wurde. Damit konnte jeder sehen, dass Sven Lau nicht die „Hosen voll hatte“, sondern vielmehr grinsend mit der Kalaschnikow auf dem Panzer posierte. Ungefähr zur gleichen Zeit nahm in Stuttgart der Prozess gegen den Libanesen Ismail I., der Lau später schwer belastete, seinen Lauf.

Vogel muss Lau beruhigen

Welche Sorge ihm beide Ereignisse offenbar gemacht haben, konnte einem weiteren Telefonat entnommen werden, das Sven Lau Ende 2014 mit Pierre Vogel geführt hatte. Jetzt musste Vogel seinen ehemaligen Mönchengladbacher Weggefährten beruhigen: „Bruder, die haben nichts gegen dich, sonst hätten die dich schon geholt.“ Möglicherweise um mithörende Ermittler in die Irre zu führen, wurde am Telefon plötzlich davon gesprochen, dass es sich bei dem Lager in Syrien um eines der FSA gehandelt habe. Glaubhaft ist diese Darstellung nicht, da sich Sven Lau in einem zum fraglichen Zeitraum vom IS kontrollierten Gebiet aufgehalten hatte.

Während seiner mehrstündigen Vernehmung vermied der stark angespannt wirkende Pierre Vogel jeden Blick zu Sven Lau oder zu seinen Glaubensbrüdern im Zuschauerraum. Wie bereits berichtet, kam es nach der Mittagsunterbrechung zu einem kurzen Tumult, weil sich drei Salafisten geweigert hatten, beim Eintreten des Gerichts aufzustehen. Auch hier blieb Vogel ruhig und teilnahmslos.

Erst als er von Sven Laus Anwalt Mutlu Günal befragt wurde, entspannte sich der Salafisten-Prediger sichtlich. Die Fragen des Verteidigers nutzte Pierre Vogel dazu, wortreich zu schildern, wie oft er und Sven Lau von Anschlägen abgeraten und vor dem IS gewarnt hätten. Nachdem er aus dem Zeugenstand entlassen war, richtete Vogel das Wort ein letztes Mal an Frank Schreiber, um erneut Sven Laus Unschuld zu beteuern: „Sie haben den Falschen.“ Die Antwort des Richters darauf fiel kurz und unergründlich aus: „Ich verstehe, was Sie meinen.“

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