Düsseldorf Justiz Köln Reker-Attentat

„Gewalt war falsch“

Düsseldorf/Köln. Der Reker-Attentäter Frank S. hat am Dienstag eingeräumt, dass die Anwendung von Gewalt falsch war. „Demonstrationen und Wahlen“ wären die richtigen Mittel gewesen. Warum er sich daran nicht beteiligt hat, konnte oder wollte er aber nicht erklären.

Frank S. am ersten Verhandlungstag (Foto: Oliver Berg/dpa)

Frank S. am ersten Verhandlungstag (Foto: Oliver Berg/dpa)

Auch der fünfte Verhandlungstag im Prozess gegen Frank S. begann mit dem für den 44-jährigen arbeitslosen Lackierer typischen Klamauk: Als er sich auf die Anklagebank setzte, ließ Frank S. demonstrativ einen Platz zwischen sich und seinen Anwälten frei. „Setzen Sie sich bitte neben Ihre Verteidiger“, sagte die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza genervt. „Das sind nicht meine Verteidiger“, reagierte S. trotzig. Nachdem Havliza hartnäckig blieb, rückte er dann doch noch auf. Am letzten Freitag scheiterte Frank S. damit, seine Anwälte von seiner Verteidigung zu entbinden.

Seit rund einem Monat muss sich Frank S. vor dem 6. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts verantworten. Ihm wird vorgeworfen, am 17. Oktober 2015 bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht zu haben, die damalige Kandidatin für das Kölner Oberbürgermeisteramt, Henriette Reker, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen mit einem 30 Zentimeter langem Messer zu töten. Am zweiten Verhandlungstag hatte er die Tat gestanden, aber die Tötungsabsicht bestritten. Mit seinem Angriff auf Reker habe er ein „Zeichen“ gegen die nach seiner Auffassung verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten, setzen wollen. Zudem habe er verhindern wollen, dass Henriette Reker zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt wird. Deren Leben konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Die daraufhin zur Oberbürgermeisterin gewählte Reker ist in dem Prozess Nebenklägerin.

„Wissen Sie, wer heute Kölner Oberbürgermeisterin ist?“

Nachdem am Vormittag mehrere Zeugen zum Attentat und seiner Festnahme vernommen wurden, wurde es am Nachmittag unerwartet spannend. Als Frank S. erneut betont hatte, dass er Reker hätte töten können, dieses aber nicht getan habe, fragte ihm Staatsanwalt Lars Otte plötzlich: „Haben Sie mit Ihrer Tat verhindert, dass sie zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde?“ Frank S. musste die Frage kleinlaut verneinen, woraufhin Otte ihn mit der Realität konfrontierte: „Ihre Tat hat nichts bewirkt.“

Frank S., der sich vor Gericht immer wieder als moderner Widerstandskämpfer zu inszenieren versucht, fühlte sich offenbar herausgefordert und verteidigte sein Handeln damit, dass 49 Prozent der wahlberechtigten Kölner Reker nicht gewählt hätten und ihre Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen erst durch sein Attentat öffentlich bekannt geworden sei. Damit aber gab er Lars Otte die Gelegenheit zu einer Punktlandung: „Es gab nur eine Möglichkeit, zu verhindern, dass sie nicht zur Oberbürgermeisterin gewählt wird: Dass sie am nächsten Tag nicht mehr lebt.“

Keine Proteste gegen die Flüchtlingspolitik?

Danach drehten sich die Fragen zum wiederholten Male darum, warum Frank S. seine Kritik an der Flüchtlingspolitik nicht gewaltfrei vorgetragen habe. Der forensische Psychiater Norbert Leygraf fragte ihn direkt: „Haben Sie das ausprobiert?“ Frank S. entgegnete, dies sei nicht möglich gewesen: „Das Demonstrationsrecht ist abgeschafft.“ Leygraf und auch Havliza bohrten weiter nach, woraufhin er einräumte, dass Gewalt das falsche Mittel gewesen sei: „Das richtige Mittel wären Demonstrationen und Wahlen.“ Barbara Havlizas Antwort darauf fiel kurz und trocken aus: „Haben Sie aber alles nicht getan.“ Frank S. versuchte sich erneut damit zu rechtfertigen, dies sei nicht möglich gewesen: Im Oktober 2015 habe es in der Bevölkerung keinen Protest gegen die Flüchtlingspolitik gegeben, so seine Behauptung.

Im Gegensatz zu vor Staatsschutz-Senaten angeklagten Islamisten oder Linksextremisten hat Frank S. bis heute keinen einzigen Gesinnungsfreund, der ihm Unterstützung oder gar Solidarität bekundet. Dass er sich selbst unablässig entscheidende Bedeutung bei der Kritik der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik beimisst, ihm aber jene unzähligen Menschen, die sich schon lange vor seiner Tat demokratisch und gewaltfrei gegen diese Politik engagiert haben, nicht einmal Erwähnung wert sind, könnte einer der Gründe dafür sein. Der Prozess wird am 3. Juni fortgesetzt. Das Urteil soll am 23. Juni gesprochen werden. Frank S. droht lebenslange Haft wegen versuchten Mordes.

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