Politik

Große Aufregung um Salafistinnen

Düsseldorf. Seit Wochen sorgt eine kleine Anzahl von Salafistinnen für große Schlagzeilen. Die Grünen nutzten den medialen Hype sofort für Forderungen nach weiteren Präventionsprogrammen. Die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall aber verweist darauf, dass sich überzeugte Salafisten selbst nicht als hilfsbedürftig betrachten. „Eine Ansprache ohne Sanktionsmöglichkeiten ist da wenig aussichtsreich“, befürchtet sie.

Bereits seit Ende letzten Jahres berichten viele Medien aufgeregt über Frauen in der Salafisten-Szene. Auch in dieser Woche war das Thema erneut ein Dauerbrenner im deutschen Blätterwald: „Wenn Islamistinnen Erziehungstipps geben“, „Elf Gefährderinnen in NRW“, „Allein 300 Salafistinnen in NRW“ und „Behörden warnen vor weiblichen Salafisten“ lauteten nur einige der Schlagzeilen.

In Wahrheit aber ist der den Behörden bekannte Frauenanteil der Salafisten eher minimal: So konnte einer am Mittwoch veröffentlichten Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der grünen Landtagsabgeordneten Verena Schäffer und Josefine Paul entnommen werden, dass Frauen lediglich zwölf Prozent der nordrhein-westfälischen Salafisten-Szene ausmachen, also etwa 360 von insgesamt rund 3.000. Von den 253 als islamistische Gefährder eingestuften Personen sind 11 Frauen und 242 Männer. Lediglich bei den 134 als „relevante Personen“ eingestuften Salafisten sind 34 und damit rund 25 Prozent Frauen. Aber selbst die Relation von einer Frau und drei Männern stellt noch immer keine logische Erklärung für die Aufregung dar, mit der viele Medien plötzlich über Salafistinnen berichten.

Die Grünen aber nutzten den medialen Hype sofort, um weitere Präventionsmaßnahmen zu fordern: „Schäffer fordert mehr Präventionsprogramme, die sich an Salafistinnen und salafistische Familien richten“, berichtete Spiegel-Online am Montag. Salafisten-Präventionsprogramme basieren auf dem Grundgedanken, dass junge Muslime lediglich aufgrund von Diskriminierung oder schlechter Bildung für den Salafismus anfällig seien. An dieser Stelle kommen Sozialarbeiter ins Spiel, die die jungen Muslime davon überzeugen sollen, sich nicht den Salafisten anzuschließen. Die Teilnahme an den Programmen ist freiwillig. Über Ergebnisse und Wirkung der oftmals kostspieligen Programme ist aufgrund der zumeist fehlenden Evaluierung bis heute fast nichts bekannt.

„Die Personen beziehen sich auf den Islam“

Bei einer Sachverständigen-Anhörung im Januar im Düsseldorfer Landtag kritisierte Marwan Abou-Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, dass beim Grundkonzept dieser Programme nur Diskriminierung oder schlechte Bildung als Ursachen dafür gesehen werden, dass sich immer mehr junge Muslime den Salafisten anschließen. Er verwies auf das hohe Bildungsniveau der Attentäter vom 11. September 2001 und plädierte dafür, sich auch mit der Ideologie hinter dem Salafismus auseinanderzusetzen. „Die Personen beziehen sich auf den Islam“, sagte der LKA-Mitarbeiter wörtlich.

Auch die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall sieht die Programme skeptisch. „Aus der Antwort der Landesregierung geht nicht hervor, ob und welche Ergänzungen zu den freiwilligen Angeboten vorhanden sind. Überzeugte Anhänger des Salafismus nehmen solche Angebote aber zumeist gar nicht wahr, da sie sich selber weder als hilfsbedürftig noch als ungebildet betrachten. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Also sind sie damit durch Maßnahmen der Hilfe und Bildung nur wenig erreichbar“, erklärte sie unserer Redaktion am Freitag. „Eine Ansprache ohne Sanktionsmöglichkeiten ist da wenig aussichtsreich, da die Werte und Normen unserer Gesellschaft von diesem Personenkreis schlicht abgelehnt werden.“

Bild: Betende Salafistinnen. Bildrechte: NRW.direkt

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