Justiz Messerstecherei in Unterkunft Mönchengladbach Viersen und Willich

Grotesker Auftakt bei Messerstecher-Prozess

Mönchengladbach. Am Landgericht begann am Freitag der Prozess gegen Yousef S. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Unterkunft auf einen schlafenden Mitbewohner eingestochen zu haben. Ungeklärte Fragen zu seinem Alter und seinem Namen sorgten für einen grotesken Prozessauftakt. In der Sache sorgten widersprüchliche Darstellungen von Anwalt und Mandant für Verwirrung.

„Wer sind Sie denn jetzt wirklich?“, fragte der Kammervorsitzende Lothar Beckers am frühen Freitagvormittag vor dem Mönchengladbacher Landgericht beharrlich nach. Wenige Minuten zuvor hatte ihm der algerische Angeklagte Yousef S. erzählt, dass dies gar nicht sein richtiger Name sei. Sondern nur ein Name, den er sich nach seinem ersten abgelehnten Asylantrag ausgedacht habe, um beim zweiten mehr Erfolg zu haben. Und auch bei seinem Alter gab es schnell Verwirrung: „Wenn ich den richtigen Geburtstag sage, dann bekomme ich weniger Geld als Asylbewerber“, sagte er als Erklärung dafür, warum er sich zuerst älter gemacht habe.

In der Haft aber habe er sich plötzlich an sein richtiges Geburtsdatum erinnert, gab sich sein Verteidiger Gerd Meister naiv. Lothar Beckers aber fiel nicht darauf herein: „Das macht den Unterschied vom Heranwachsenden zum Erwachsenen aus“, erläuterte der Vorsitzende Richter. Alle drei Richter reagierten mit bewegungslosen Mienen auf das groteske Schauspiel.

Einzelne Formulierungen aber ließen tief blicken: „Wenn ich überlege, wie alt ich bin, dann rechne ich nicht nach. Das weiß ich“, sagte Richterin Friederike Hirsch, nachdem Gerd Meister kurz zuvor behauptet hatte, sein Mandant hätte sich bei seiner eigenen Altersbestimmung zunächst verrechnet. Auffällig dabei war, dass sein zuletzt genanntes Alter mit zwanzig Jahren und zehn Monaten nur knapp unter die für Heranwachsende gültige Grenze von 21 Jahren fiel.

Ausweis in Algerien gelassen

Papiere konnte Yousef S. nicht vorweisen. Die habe er in Algerien gelassen, sagte er. Auf Nachfrage, warum er ohne Ausweis von Algerien nach Deutschland gekommen sei, hatte er eine verblüffende Antwort: „Ein paar Leute haben gesagt, dass ich den nicht mitnehmen soll.“ Am Ende des rund fünfstündigen ersten Verhandlungstages verständigten sich Gericht und Verteidigung darauf, dass als Nächstes versucht werden soll, eine Abbildung eines algerischen Lichtbildausweises von Yousef S. zu erlangen.

Auch seine anderen Angaben zur Person führten zu weiteren bizarren Szenen im Gerichtssaal: Nachdem der vermeintliche Yousef S. erzählt hatte, er sei in der algerischen Stadt Mascara aufgewachsen und im Winter 2015 über Marokko, Spanien, Frankreich und Belgien nach Deutschland gekommen, „um ein neues Leben anzufangen“, bohrte Lothar Beckers erneut nach und stellte spezifische Fragen zu Mascara. Später forderte er den Angeklagten auf, mit Hilfe von Google Maps seine unmittelbare Nachbarschaft in der algerischen Stadt näher zu erläutern. Aber auch hier machte der Asylbewerber keine überzeugende Figur: „Wir nennen die einfach Moschee“, sagte er etwa auf die Frage des Richters, welchen Namen die dortige Moschee habe. „Wir sagen: die größte Moschee.“

Trotz dieser grotesken Spielchen fokussierte sich das Gericht am Freitagvormittag schnell auf die Sache: Yousef S. wird vorgeworfen, am 28. Juli 2018 in einer Unterkunft in Viersen mit einem Messer auf einen schlafenden Mitbewohner eingestochen zu haben, erläuterte Oberstaatsanwältin Carola Guddat bei der Verlesung der Anklageschrift. Nur durch die Gegenwehr seines Opfers und dem Eingreifen herbeigeeilter Personen sei dessen Tod verhindert worden. Aufgrund der möglichen Heimtücke stand damit der Vorwurf des versuchten Mordes im Raum.

Unterschiedliche Darstellungen von Anwalt und Mandant

Gerd Meister entgegnete, das Opfer, ein „Alpha-Männchen“, sei seinem Mandanten in betrunkenem Zustand in homosexueller Absicht nahegetreten. Auch habe es andere Konflikte gegeben. Nur wenige Tage vor der Tat sei Yousef S. zusammengeschlagen worden. Bei dem „Nahkampf“ am 28. Juli sei er mit einer Krücke angegriffen worden und dabei sei ihm „das Messer aus der Hose gefallen“.

Yousef S. hatte jedoch geschildert, er wollte seinem Mitbewohner „Angst machen, damit er mir meine Medikamente zurückgibt“. Dann seien zwei andere hinzugekommen und sein Mitbewohner habe ihn von hinten gewürgt und umzubringen versucht. Dabei habe er ihn „unabsichtlich“ getroffen. „Das ist schon ein bisschen anders, oder?“, reagierte Lothar Beckers auf die unterschiedlichen Darstellungen von Verteidiger und Mandant. „Was ist denn nun richtig?“

Ausbeinmesser für Käse und Nutella gekauft?

Erneut bizarr wurde es, als Yousef S. in seiner Vernehmung auf das von ihm benutzte Messer angesprochen wurde. Der Algerier behauptete, er habe das Messer „zum Kochen gekauft“ und für „Käse und Nutella“ benutzt.

„Herr Y., das ist aber kein Streich- oder Kochmesser“, entgegnete der Kammervorsitzende. „Wissen Sie, was ein Ausbeinmesser ist? Das ist ein scharfes Messer, mit dem man Fleisch und Knochen trennt.“ Der Angeklagte aber gab sich unwissend: „Ich habe nicht beabsichtigt, ein scharfes Messer zu kaufen“, übersetzte seine Dolmetscherin.

Ausreisepflichtige Zeugen untergetaucht?

Von den neun für den ersten Verhandlungstag geladenen Zeugen erschienen drei nicht im Gericht. Diese seien „vollziehbar ausreisepflichtig“ und könnten deshalb auch untergetaucht sein, erläuterte Lothar Beckers. Darunter war auch das Opfer des mutmaßlichen Messer-Angriffs. Ein Zeuge, der aus einer Haftanstalt vorgeführt wurde und am Tattag Mitbewohner von Yousef S. war, schilderte die Dinge plötzlich anders als in seiner polizeilichen Vernehmung nach der Tat. „Ich kann mich nicht erinnern, was ich bei der Polizei gesagt habe“, sagte er zur Begründung. „Ich stand unter Schock.“

Die Zeugenvernehmungen mehrerer Sozialarbeiter und Sicherheits-Mitarbeiter ergaben übereinstimmend, dass es im Zimmer 706 in der Viersener Unterbringungseinrichtung am 28. Juli ziemlich blutig zugegangen sein muss und dass sofort lebensrettende Maßnahmen eingeleitet wurden. Von wem die Aggressionen ausgegangen waren, war den Zeugen jedoch nicht bekannt, da sie erst in das Zimmer gekommen sind, als die Beteiligten bereits bluteten und schwer verletzt waren.

„Jeden Tag war die Polizei da“

Dafür boten die Zeugenaussagen teilweise verstörende Einblicke: „Die waren nicht friedlich. Jeden Tag war die Polizei da und wir mussten dann Berichte schreiben“, sagte ein 27-jähriger Sicherheits-Mitarbeiter. Ein 39-Jähriger sagte, dass „die beiden am Verbluten waren“ und andere im mitgeteilt haben, es hätte eine Messerstecherei gegeben.

Der Prozess wird bereits am nächsten Dienstag fortgesetzt. Bis zum 19. Februar sind insgesamt sechs Verhandlungstage angesetzt. Obwohl die 7. Große Strafkammer des Mönchengladbacher Landgerichts in dem Ruf steht, sich niemals ein X für ein U vormachen zu lassen, dürfte eine solche Fülle widersprüchlicher Angaben und Darstellungen keine leichte Aufgabe werden.

Bild: Yousef S. (links) und sein Verteidiger Gerd Meister. Bildrechte: NRW.direkt

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