Brandstiftung in Flüchtlingsunterkunft Justiz Mönchengladbach

„Ich mache alles kaputt“

Mönchengladbach. Am Montag begann der Prozess gegen den 21-Jährigen, der zugegeben hatte, im März eine Flüchtlingsunterkunft angezündet zu haben. Der in Deutschland geduldete Somalier erklärte seine Tat damit, dass er sich aus Unzufriedenheit über seine Situation umbringen wollte. Bereits die ersten Zeugenaussagen weckten Zweifel an seiner Darstellung.

Adel-Mohamed M. wartet auf seinen Prozess (Bild: NRW.direkt)

Bei dem Brand am 23. März brannte der Wohncontainer der Asylbewerberunterkunft am Volksgarten in Mönchengladbach vollständig aus. Die Feuerwehr war mit rund 50 Einsatzkräften sowie einem Großaufgebot an Fahrzeugen vor Ort. Fast überall in der Stadt war eine riesige Rauchwolke zu sehen. Der zu diesem Zeitpunkt 21-jährige Adel-Mohamed M., selbst Bewohner der Unterkunft, wurde direkt danach festgenommen. Andere Bewohner hatten ihn beschuldigt, den Brand vorsätzlich gelegt zu haben. In einer Vernehmung gab der in Deutschland geduldete Somalier schnell zu, das Feuer in seinem Zimmer gelegt zu haben. Als Motiv gab er an, „dass er mit seiner gesamten Lebenssituation unzufrieden war und den Brand gelegt hätte, um seinem Leben ein Ende zu bereiten“. In der Vergangenheit war M. bereits durch die Angabe falscher Personalien aufgefallen.

Der Beginn des Prozess gegen ihn am frühen Montagnachmittag aber stieß auf nur geringes öffentliches Interesse; lediglich drei Zuschauer verloren sich im größten Saal des Mönchengladbacher Landgerichts. Nachdem Staatsanwalt Stefan Lingens die Anklageschrift vorgelesen hatte, in der er Adel-Mohamed M. schwere Brandstiftung und versuchte Tötung vorwarf, wies der Vorsitzende Richter Lothar Beckers darauf hin, dass auch eine Verurteilung wegen versuchten heimtückischen Mordes möglich sei.

Der Anwalt des Somaliers räumte sofort ein, dass der Tatvorwurf „klar“ sei und nicht bestritten werde. Ihm gehe es in dem Verfahren nur darum, die Biographie seines Mandanten näher zu beleuchten. Damit solle nicht die Tat gerechtfertigt werden, aber für die Strafzumessung sei dies von Bedeutung, sagte der Verteidiger. Ebenfalls im Gericht war ein Gutachter, der klären soll, ob der 21-Jährige zum Tatzeitpunkt schuldfähig war.

Keine Kenntnis über das eigene Geburtsdatum?

Bereits die Einlassung von Adel-Mohamed M., dessen Aussagen von einem Dolmetscher übersetzt wurden, offenbarte Ungereimtheiten: Als von seinem Geburtsdatum im Jahr 1995 die Rede war, behauptete er, nicht zu wissen, wann er geboren wurde. Dies sei „in Somalia üblich“, ergänzte sein Anwalt. Der Richter merkte sofort an, dass ein Gutachten ergeben habe, dass die Grenze vom Heranwachsenden zum Erwachsenen bei ihm „mit Sicherheit überschritten sei“. Später aber konnte M. bei allen relevanten Lebensereignissen in Somalia sein jeweiliges Alter präzise benennen. So etwa, als er schilderte, dass er mit 14 von seiner Großmutter mit seiner derzeit in Augsburg lebenden und an AIDS erkrankten Frau verheiratet wurde.

Später sei das Ehepaar über Äthiopien, den Sudan und die Sahara nach Libyen gegangen, von dort ging es mit dem Boot weiter nach Sizilien. Nach Deutschland seien sie mit einem Flixbus gekommen. Zu diesem Zeitpunkt sei seine Frau im achten Monat schwanger gewesen. Als sie „verhaftet wurde“, sei der Somalier „aus Augsburg abgehauen“. Er sei dann in Trier festgenommen und ins Jugendheim gebracht worden. Über Bielefeld und Mülheim kam er dann im April 2014 nach Mönchengladbach.

In seiner mehr als einstündigen Einlassung räumte der 21-Jährige ein, schnell wütend zu werden und mit anderen Somaliern in Mönchengladbach häufig Alkohol und Haschisch konsumiert zu haben. Die Nachfrage des Richters, woher sie das Geld dafür hatten, beantwortete er damit, dass sie die Rauschmittel „geklaut oder bekommen“ hätten. Dass er die Beherrschung verliere, „kann jeden Tag zwei- oder dreimal passieren“, etwa „wenn einer etwas sagt, was einen aufregt“. Was dann passiere, merke er erst, wenn er wieder nüchtern sei. Seine Frustration begründete Adel-Mohamed M. damit, hier nicht arbeiten zu können und keine Chance auf Kontakt mit seiner Frau zu haben. So sei etwa sein Handy „an dem Tag kaputtgegangen“.

„Sehr, sehr viel Wodka getrunken“

Am Vorabend des Brandes habe er mit anderen Somaliern in Mönchengladbach „sehr, sehr viel Wodka“ getrunken. Als er gegen 22 Uhr wieder in der Unterkunft war, sei er von einem Security-Mitarbeiter „aus dem Kongo oder so“ geschlagen worden, weil er auf seinem Zimmer etwas essen wollte. Dann sei die Situation „eskaliert“ und die Polizei habe ihn mitgenommen. Dass er zuvor eine Glastür sowie die zu seinem Zimmer zerstört habe, bestritt er: „Nein, das habe ich nicht gemacht.“

Er wisse nicht mehr, warum die Polizei ihn mitgenommen habe. Auch daran, was er auf der Wache gesagt habe, könne er sich nicht mehr erinnern. Nach seiner Entlassung aus dem Polizeigewahrsam am anderen Morgen habe er wieder getrunken. Mit einer Flasche Wodka sei er zum Platz der Republik gegangen. Der belebte Platz direkt neben dem Hauptbahnhof ist in Mönchengladbach als Treffpunkt von Drogendealern bekannt. Dann habe er einen Termin beim Jobcenter gehabt, die Mitarbeiterin dort habe ihn aber mit den Worten „Du bist besoffen, geh nach Hause“ wieder weggeschickt.

Je näher Adel-Mohamed M. mit seinen Schilderungen der Brandstiftung kam, umso häufiger übersetzte der Dolmetscher die Worte „Ich weiß es nicht.“ Dass er mit seiner Tat andere Menschen töten wollte, bestritt er. Zu diesem Zeitpunkt sei ihm gar nicht bewusst gewesen, dass andere dadurch hätten sterben können. Er sei „besoffen“, „sehr wütend“ und nicht mehr „Herr seiner Sinne“ gewesen. Dass er seine Tat vorher angekündigt habe, bestritt er ebenfalls: „Das habe ich niemals gesagt. Warum sollte ich das machen?“ Er sei nach dem Anzünden seiner Decke sowie der Matratze in seinem Zimmer geblieben, weil er sich „aus dem Leben bringen wollte“. Dies wäre wohl auch passiert, hätte ihn nicht ein Security-Mitarbeiter aus dem Zimmer gezogen, lautete seine Darstellung. Jetzt aber wolle er nicht mehr sterben: „Jetzt bin ich nüchtern und würde gerne weiterleben.“

Schnell regen sich Zweifel

Bei der 7. Großen Strafkammer aber regten sich Zweifel ob dieser Darstellungen: Lothar Beckers wollte wissen, warum Adel-Mohamed M. sich nicht woanders umbringen und ausgerechnet den schmerzhaften Feuertod auf sich nehmen wollte. Eine plausible Antwort bekam der Richter jedoch nicht. Dann wollte eine Beisitzerin wissen, warum er plötzlich so verzweifelt über das Verbot gewesen sei, seine Frau in Augsburg nicht besuchen zu dürfen, dass er sich umbringen wollte – denn vor seiner Tat habe er derartige Verbote mehrfach missachtet. Der Somalier aber antworte nur, ihm sei mit Strafe gedroht worden, falls er Mönchengladbach erneut verlasse.

Noch am Montagnachmittag begann die Strafkammer mit der Befragung der Zeugen. Die schilderten unter anderem, dass Adel-Mohamed M. am Vorabend des Brandes seine Zimmertür kaputtgetreten habe. Vor wie auch nach der Tat soll er gedroht haben: „Ich mache alles kaputt.“ Nach der Brandstiftung soll er sein Zimmer durch das Fenster verlassen haben. „Wir hatten immer Schwierigkeiten mit ihm“, sagte ein Zeuge. Er sei häufig betrunken gewesen, habe Drogen genommen und andere beleidigt.

„Ich stecke das an“

Die Eskalation am Vorabend des Brandes hätte damit begonnen, dass Adel-Mohamed M. an der Pforte geschrien und dabei sein Handy zu Boden geworfen habe, sagte ein anderer Zeuge. Dabei habe der 21-Jährige geblutet. Daraufhin habe er ihn „mit sanfter Gewalt“ in sein Zimmer bringen müssen. Dort habe der Somalier mehrfach „Ich stecke das an“ gemurmelt. Das „dreckige Lachen“ von M. sei ihm noch in guter Erinnerung, so der Zeuge.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht hätte es dann einen „Riesen-Tumult“ und eine „Massenschlägerei“ gegeben. Dabei sei Adel-Mohamed M. „komplett ausgerastet“. Als die Polizei kam, wären jedoch alle wieder friedlich gewesen. „Das ist Standard da“, sagte der Zeuge. Den Polizisten habe er gesagt: „Wenn der rauskommt, steckt der uns die Hütte an.“ Dies habe der Somalier so angekündigt. „Ich hatte den Eindruck, der Auslöser war sein kaputtes Handy, das der selbst kaputtgeschmissen hat.“ Adel-Mohamed M. habe „alles kaputtgemacht“, schilderte der Zeuge. Um zwei Uhr morgens habe ihn die Polizei dann mitgenommen.

Der Prozess wird bereits am Dienstagmorgen fortgesetzt. An insgesamt fünf Verhandlungstagen sollen bis 28. September 16 Zeugen vernommen werden. Insbesondere die Aussagen der involvierten Polizisten werden mit Spannung erwartet.

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