Interview Politik

Im Interview: Oded Horowitz

Oded Horowitz, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, spricht im NRW.direkt-Interview über die zunehmenden Sorgen um die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland und warum er die Reaktionen der Politik auf den dramatisch gestiegenen Judenhass grundsätzlich für richtig, aber auch für zu wenig konsequent hält.

Oded Horowitz (Bild: NRW.direkt)

NRW.direkt: Würden Sie widersprechen, wenn jemand sagen würde, die Situation der Juden in Deutschland sei nach der Shoa noch nie so bedrohlich gewesen wie jetzt?

Horowitz: Ich würde das differenzierter betrachten. Ich denke, dass es in Deutschland nach der Shoa Phasen gab, in denen es für Juden sehr bedrohlich war. Da war es so, dass bestimmte Teile der Täter noch am Leben waren. Damit war bei den Juden in Deutschland die Hoffnung vorhanden, dass sich die Dinge verbessern, wenn diese Menschen einmal nicht mehr da sind.

Aber wir sind immer davon ausgegangen, dass wir Antisemitismus durch Aufklärung und offene Diskussionen weitgehend thematisiert haben. Und dass dieses Problem mit jungen Generationen, die mit dem Holocaust keine eigenen Erfahrungen haben, immer geringer wird. Aber jetzt sind wir damit konfrontiert, dass dem nicht so ist. Stattdessen nehmen wir in der Mitte der Gesellschaft antisemitische Tendenzen wahr, die sehr bedrohlich sind. Aber so einfach, dass es jetzt seit der Shoa am bedrohlichsten ist, würde ich das nicht sagen.

NRW.direktHätten Sie sich denn vor zehn Jahren vorstellen können, dass sich die Situation so entwickelt wie jetzt?

Horowitz: Nein.

NRW.direktWas ist Ihre Erklärung dafür, dass der Judenhass in den letzten Jahren so rasch und geradezu explosionsartig gestiegen ist?

Horowitz: Es ist schwer zu erklären. Es dient auch einer Sache nicht wirklich, wenn man einfache Erklärungen sucht. Aber es gibt verschiedene Ansätze, die man betrachten muss: Einer ist anscheinend, dass die Erziehung der jungen Generation in Bezug auf die Vergangenheit möglicherweise zu oberflächlich war. Und dadurch, dass natürlich nur sehr wenig Juden in Deutschland leben, haben die meisten Menschen kaum Kontakt zu Juden. Und wenn sie nicht selber mit entsprechenden Schicksalen konfrontiert waren oder ein Konzentrationslager besucht haben, haben sie das nicht im Fokus.

Ein weiterer Aspekt ist natürlich die Veränderung der Gesellschaft, wie das durch die massive Zuwanderung von Flüchtlingen in den letzten Jahren der Fall ist. Dadurch entstehen Spannungen und andere soziale Probleme. Das führt dazu, dass andere Minderheiten, auch die jüdische, aus dem Fokus geraten und nicht mehr so wahrgenommen werden. Damit geht Sensibilität verloren und Ressentiments, die vorher von der Gesellschaft nicht zugelassen wurden, können wieder wachsen.

Und es gibt Aspekte, die mit Israel zu tun haben. Es gibt Bewegungen, etwa die BDS, die international massiv Stimmung gegen Israel machen. Jetzt versucht die BDS-Bewegung, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Und natürlich gibt es da Rückkopplungen, weil die Menschen wissen, dass Juden mit Israel verbunden sind. Wenn dann ein Konflikt ausbricht, etwa zwischen Israel und den Palästinensern, führt das sofort dazu, dass den Juden die israelische Politik vorgeworfen wird. Aber ich bin überzeugt, dass man etwas dagegen tun kann, wenn man will. Und die Politik äußert sich ja auch immer wieder so. Aber dann müsste sie das auch wirklich konsequent angehen.

NRW.direkt: Haben Sie den Eindruck, dass die Politik das auch konsequent angeht?

Horowitz: Jein. Ich kenne mittlerweile viele Politiker in Nordrhein-Westfalen, mit denen wir als Landesverband in Kontakt sind, die sehr bemüht beziehungsweise engagiert sind, die Dinge zu optimieren, und die ich persönlich als Freunde Israels und der jüdischen Gemeinschaft wahrnehme. Auf der anderen Seite habe ich immer häufiger den Eindruck, dass diese vielen Politiker in letzter Konsequenz nicht den letzten entscheidenden Schritt gehen, wenn es wirklich darauf ankommt.

Ein aktuelles Beispiel ist die Intendantin der Ruhrtriennale, die offensichtlich mit Israel ein Problem hat und mit der BDS-Bewegung sympathisiert. Die zuständigen Politiker haben das Problem erkannt und sich von Stefanie Carp distanziert. Aber der letzte Schritt, sie zu entlassen und durch jemand anders zu ersetzen, kommt nicht. Das ist eine gewisse Inkonsequenz, die dann vielen Juden das Gefühl gibt, dass die Unterstützung der Politik doch nur halbherzig ist. Ein anderes Beispiel: In Düsseldorf hat eine iranische Fluglinie Landerechte, die schon zu der Zeit, als Barack Obama noch US-Präsident war, als Airline eingestuft wurde, die Terroristen befördert …..

NRW.direkt: ….. Sie meinen Mahan Air, die Düsseldorf mit Teheran verbindet.

Horowitz: Genau. Das ist eine private Airline, die von Teheran gesteuert wird. Ich kann nicht verstehen, warum solche Gesellschaften hier Landegenehmigungen bekommen. Der Hintergrund der Airline ist schon lange bekannt und da fehlt mir einfach die Konsequenz. Ich bin auch entsetzt darüber, dass israelische Staatsbürger auch in Deutschland eine arabische Airline nicht buchen können. Ich finde, jede Airline, die hier landen will, muss bereit sein, auch jeden zu transportieren. Israelis sind keine Feinde. Ich kann nicht nachvollziehen, warum ein deutsches Gericht so etwas billigt. Da muss sich die Politik zu Wort melden und solche Dinge gesetzlich regeln.

NRW.direktDas sehe ich nicht anders. Aber besteht die größte derzeitige Bedrohung für Juden wirklich darin, dass sie nicht mit Kuwait Airways nach Bangkok fliegen können, wenn sie einen israelischen Pass haben? Ist die größte derzeitige Bedrohung für Juden nicht vielmehr darin zu sehen, dass sie in der Öffentlichkeit zunehmend tätliche Angriffe befürchten müssen?

Horowitz: Da gibt es natürlich einen Unterschied. Aber letztlich gehört das eine zum anderen. Das ist eine Tendenz, die dazu führt, dass man sich ausgegrenzt fühlt. Dass man körperlich angegriffen wird, ist dann nur der nächste Schritt. Wenn man sich die Entwicklung im Deutschland der 1930er-Jahre betrachtet, nachdem die Nazis an die Macht kamen, dann sieht man: Der erste Schritt war die Ausgrenzung der Juden, die Diskriminierung, der Ausschluss aus bestimmten Berufen und Vereinen. Der nächste Schritt war dann die Pogromnacht 1938.

Zuerst kam die Brandmarkung, dann kamen körperliche Angriffe, bis es dann zur Vernichtung kam. Gott behüte, dass es wieder so kommt. Aber das ist eine vergleichbare Tendenz, denn wenn die Gesellschaft das eine akzeptiert, akzeptiert sie vielleicht auch das andere – was dann auch Juden betrifft, die nichts mit Israel zu tun haben und keinen israelischen Pass haben. Von daher sehe ich da schon eine Verbindung. Solche Dinge dürfen nicht gesellschaftsfähig werden. Deshalb sage ich: Wehret den Anfängen!

NRW.direktStichwort Verbundenheit mit Israel: Mein Eindruck ist, dass diese wieder stärker wird, weil das Bewusstsein dafür stärker wird, dass Israel doch der letzte sichere Zufluchtsort ist. In meinem jüdischen Bekanntenkreis gibt es Menschen, die früher nie einen israelischen Pass haben wollten. Aber jetzt sagen sie, sie wollen den Pass haben, weil schon alleine das Erlangen der israelischen Staatsbürgerschaft sie innerlich sicherer macht.

Horowitz: So ist es.

NRW.direktSie sagten eben: „Wehret den Anfängen.“ Aber haben wir nicht schon längst eine Gewöhnung an die Angst? Ich habe seit Jahren von keinem männlichen Juden mehr gehört, dass er einen Fußweg zur Synagoge mit Kippa zurücklegt. Ich sehe keinen Mann mehr, der beim Verlassen der Gemeinde die Kippa aufbehält, ausgenommen, vor der Tür ist Polizeischutz. Es fällt auf, dass die meisten Angriffe der jüngeren Vergangenheit Juden getroffen haben, die aus anderen Ländern kamen und offenbar nicht wussten, wie gefährlich das Tragen einer Kippa in Deutschland ist.

Und jedes Mal gibt es dann einen „Kippa-Tag“, um Solidarität zu demonstrieren. Natürlich handeln die Organisatoren solcher Kundgebungen in guter und respektabler Absicht. Aber ist es nicht zynisch, wenn Männer, die zu einem solchen Kippa-Tag gehen, die Kippa auf der Anfahrt verbergen müssen, sie dann unter Polizeischutz 20 oder 30 Minuten aufsetzen können, aber mit dem Abzug der Polizei dann auch schnell wieder verschwinden lassen müssen?

Horowitz: (nickt)

NRW.direktIst das dann nicht schon längst eine Gewöhnung, wenn es Juden nicht mehr möglich ist, mit Kippa auf die Straße zu gehen?

Horowitz: Ja. In gewisser Weise ist es das. Es gibt ja auch die Empfehlung des Zentralrats, in der Öffentlichkeit vorsichtig zu sein und möglichst nicht mit einer Kippa oder anderen jüdischen Symbolen erkennbar zu sein, um keine Gefahrensituation zu erleben. In der Tat sind die in Deutschland lebenden Juden da inzwischen vorsichtig, keine Frage. In Düsseldorf hatten wir ja erst kürzlich einen Fall, bei dem ein Jugendlicher mit Kippa angegriffen wurde. Auch wenn der Fall noch nicht ganz geklärt ist, erinnert er doch an ähnliche Vorkommnisse in Berlin.

Man muss aber auch unterscheiden: Die meisten Juden in Deutschland sind nicht orthodox und tragen im Alltag keine Kippa, sondern nur, wenn sie in die Synagoge kommen, etwa zu bestimmten Feierlichkeiten. Aber die, die orthodox sind, achten inzwischen darauf, dass sie nicht mehr mit Kippa in der Öffentlichkeit erkennbar sind. Das ist so. Das ist mittlerweile Alltag in Deutschland. Und wenn diese Juden nach Israel fliegen, erleben sie es als entspannend, die Kippa dort ohne Angst auch öffentlich tragen zu können.

NRW.direktSind wir damit nicht schon längst im Zustand der Ausgrenzung?

Horowitz: Ja.

NRW.direktHaben die Solidaritäts-Veranstaltungen, die nach jedem Angriff auf einen Juden mit Kippa erfolgen, nicht auch eine unfreiwillig kontraproduktive Wirkung? Indem sie das Signal senden, die Welt sei wieder in Ordnung, obwohl sie das in Wirklichkeit nicht ist?

Horowitz: Da ist natürlich was Wahres dran. Dennoch ist es immer eine positive Sache, wenn nach solchen Vorfällen aus der nicht-jüdischen Bevölkerung ein Zeichen gesetzt wird, das dort als „Aufschrei der Anständigen“ betrachtet wird. Aber faktisch ist der Zustand bereits eine Form der Ausgrenzung, das ist richtig. Natürlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass das Leben als Jude in Deutschland nach der Shoa immer etwas Besonderes war. Im Vergleich zu anderen Ländern war das immer mit einem anderen Gefühl, einem anderen Status und besonderen Sensibilitäten verbunden. Wir wünschen uns natürlich immer mehr Normalität. Aufgrund dieser schwerwiegenden Geschichte ist das jedoch nur über viele Generationen möglich. Aber so wie es jetzt gerade ist, erleben wir eher eine gegenläufige Entwicklung. Die Sensibilitäten werden wieder größer und die Menschen fühlen sich bis zu einem gewissen Grad bedroht. Das ist eine ungute Entwicklung.

NRW.direktIch habe noch nie so oft aus dem Munde von Juden gehört, dass sie Angst davor haben, wie es hier weitergeht, wie in den letzten zwei Jahren.

Horowitz: Ja. Natürlich ist es so, dass man sich fragt, wie es seinen Kindern gehen wird. Man selbst hat sich an gewisse Sachen schon gewöhnt. Ich will da nicht von Resignation sprechen, aber man lebt mit der Situation. Aber man fragt sich wirklich, wie die Kinder, die hier aufwachsen, damit zurechtkommen? Wir beobachten auch, dass manche Kinder, sobald sie ihre Berufsausbildung beendet haben, woanders hingehen. Sie gehen nach Israel, nach London oder New York, also an Orte, wo große jüdische Gemeinschaften leben. Dort können sie das Gefühl haben, ihr jüdisch-sein etwas natürlicher zu leben. Und das ist sehr schade, denn wir wollen jüdisches Leben in Deutschland etablieren und auch halten. Wenn wir so was sehen, dann macht uns das schon große Sorgen.

NRW.direktWas können wir denn konkret tun? Möglicherweise ist Antisemitismus ja etwas, das wir nie vollständig bekämpfen und vergessen machen können. Aber was können wir jetzt tun, um diesen immer massiveren Antisemitismus zumindest wieder einzudämmen?

Horowitz: Ich denke, man muss gesellschaftlich breit aufgestellt etwas dagegen unternehmen. Das fängt sicherlich in der Schule an, geht aber weiter, bis in Vereine und Firmen. Man muss das Bewusstsein der Menschen dafür sensibilisieren, damit die Menschen das Problem kennen und nicht übersehen. Meine große Hoffnung ist, dass der Antisemitismus-Beauftragte an Stellenwert gewinnt und entsprechende Mittel bekommt, um Programme aufzustellen. Oder Einrichtungen wie Sabra, eine vor rund einem Jahr von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf eröffnete Antisemitismus-Beratungsstelle, die proaktiv an die Problematik herangehen. Nur so kann man peu à peu versuchen, die Dinge zu ändern.

Antisemitismus ist ein altes Problem, das über Generationen weitergegeben wurde. Es kann nur erfolgreich bekämpft werden, wenn es in jeder Familie zur Sprache kommt und Ressentiments und Vorurteile abgebaut werden. Das ist eine Generationenaufgabe. Aber wenn man sie nicht angeht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Antisemitismus weiter wächst und es wieder zu Ausschreitungen gegen Juden kommt. Und das wäre in einem Land wie Deutschland nach dem Holocaust tragisch. Und für uns Juden verheerend.

NRW.direktAber sind das nicht genau die Rezepte, die gerade gescheitert sind? Seit Jahren setzen wir auf Aufklärung und hoffen darauf, dass die Erinnerungskultur vor neuem Antisemitismus schützt. Natürlich ist die Erinnerungskultur zur Erinnerung an die Shoa richtig und wichtig. Aber haben wir die Erinnerungskultur mit dem Anspruch, gleichzeitig für den Abbau des Antisemitismus zu sorgen, nicht auch überfordert?

Horowitz: Ich glaube nicht, dass man die Erinnerungskultur überfordert hat. Ich glaube, dass die Erinnerungskultur bislang sehr oberflächlich geblieben und nicht tief genug umgesetzt wurde. Die Politik hat das immer in Sonntagsreden erwähnt, etwa zum 9. November. Man hat die Vernichtungslager zu Begegnungsstätten ausgebaut. Aber letztlich hat man Mittel sehr zurückgehalten. Die Folge war eine oberflächlich strukturierte Erinnerungskultur, die die Masse der Bevölkerung nicht erreicht. In den Schulen wurde nicht konsequent über Antisemitismus und den Holocaust gesprochen. Bei Klassen mit überwiegendem Migrationshintergrund wurde es offenbar übersprungen, weil es angeblich nicht gewollt war. Hinzu kommt, dass sehr wenig Juden in Deutschland leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Juden kennt, ist sehr, sehr gering. Und nur die Menschen, die Juden kennen, setzen sich auch mit der Problematik auseinander. Die anderen werden, wenn sie nicht in der Schule oder im Verein damit konfrontiert sind, leicht anfällig etwa für Verschwörungstheorien, in denen Juden für alles verantwortlich gemacht werden.

NRW.direktWie müsste eine solche Erinnerungskultur aussehen, die nicht oberflächlich ist und tief genug ansetzt?

Horowitz: Erinnerungskultur ist eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung. Sie setzt ein Wissen um historische Fakten voraus, muss die Menschen aber auch auf einer emotionalen und empathischen Ebene erreichen. So ist meiner Meinung nach ein historischer Unterricht zum Holocaust in Schulen nicht ausreichend. Es geht nicht nur darum Antisemitismus zu verstehen, sondern seine Ungerechtigkeit zu verinnerlichen. Das kann schon durch einen Kurzfilm wie „Spielzeugland“ oder ein Gespräch mit einem Überlebenden beginnen. Eine tiefe Erinnerungskultur besteht nicht darin, Fakten zu besprechen, sondern die Geschichte zu erzählen. Leider scheitert das heutzutage oftmals bereits an der Benennung der Fakten. Man darf dabei allerdings nicht den Fehler machen, Erinnerungskultur zu einem jüdischen Thema zu machen. Die Erinnerung an die Shoa ist allen Menschen eine Mahnung und geht uns alle etwas an.

NRW.direktSie haben vorhin von der Mitte der Gesellschaft gesprochen. Welchen Teil der Gesellschaft meinen Sie damit? Ist der Judenhass wieder in der Mitte der deutschen Bevölkerung angekommen? Oder in der Mitte der migrantischen Bevölkerung? Oder gar beides?

Horowitz: Es gibt natürlich verschiedene Gruppierungen. Was ich vorhin meinte, war der Mittelstand, also jene Bereiche der Gesellschaft, wo man eigentlich erwarten könnte, dass Bildung und Wissen Antisemitismus erst gar nicht aufkommen lassen. Bildungsschwache Gesellschaftsschichten kann man leicht mit Verschwörungstheorien manipulieren. Dann gibt es natürlich die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund. Da ist es leider anscheinend so, dass der Religionsunterricht über viele Jahre lang von Gesandten aus der Türkei und arabischen Ländern abgehalten wurde. Und so wurde offenbar viel israelfeindliches und damit auch antisemitisches Gedankengut transportiert. Die in der jüngeren Vergangenheit zu uns gekommenen Migranten sind in Ländern aufgewachsen, in denen sie permanent mit israelfeindlichem und antisemitischem Gedankengut indoktriniert wurden. Ich denke, dass mittlerweise auch in Mittelstandsschichten antisemitische Stereotype verbreitet sind; von Juden, die die Welt beherrschen, dem „Finanzjudentum“ oder Ähnlichem. Also Propaganda-Elemente, die wir schon aus der NS-Zeit kennen, etwa aus dem „Stürmer“. Und das entsetzt mich wirklich.

NRW.direktDamit sind wir aber auch wieder beim Grundgedanken angelangt, dass Bildung und Aufklärung dafür sorgen sollen, dass sich Antisemitismus zurückentwickelt. Aber haben die Menschen, die mit Judenhass auffällig werden, sei es im Internet, sei es durch tätliche Angriffe, denn auch wirklich viel zu befürchten? Ist nicht ab einem bestimmten Punkt auch mal Repression nötig?

Horowitz: Es gibt Gesetze, die umgesetzt werden können. Natürlich gibt es in letzter Zeit einige sehr traurige Beispiele, wo Gerichte Urteile gefällt haben, die nicht ganz nachvollziehbar sind. Wo etwa Straftäter, die offensichtlich antisemitische Straftaten begangen haben, als politisch motiviert eingestuft wurden. Oder aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden.

NRW.direktSie meinen den vom Gericht nicht als antisemitisch eingestuften Anschlag auf die Bergische Synagoge in Wuppertal und das Urteil zum Wehrhahn-Attentat.

Horowitz: Genau. Das sind Urteile, bei denen man sich fragt, ob sie nicht schlechte Botschaften senden. Die dann dazu führen können, dass potentielle Täter glauben, billig davonzukommen. Diese Gefahr besteht. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass die deutsche Justiz alle Mittel hat, entsprechende Urteile umzusetzen. Die Richter sind unabhängig und das ist auch gut so. Wir können da nur an alle Beteiligten bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht appellieren, entsprechend konsequent vorzugehen und sich bewusst zu sein, dass solche Verfahren sehr stark wahrgenommen werden. Denn wenn solche Taten nicht hart genug geahndet werden, werden sie Schule machen.

NRW.direktSie hatten vor drei Monaten in einem anderen Interview gefordert, antisemitische Zuwanderer in letzter Konsequenz auch abzuschieben.

Horowitz: Grundsätzlich muss die deutsche Justiz entscheiden, wie man das umsetzt. Aber ich denke schon, dass es für die Gesellschaft wichtig ist, Menschen, die die Gastfreundschaft verletzten, die gegen die Grundsätze dieser Gesellschaft vorgehen, kein Bleiberecht zu gewähren. Und eine Konsequenz könnte sein, dass man sie abschiebt.

NRW.direktVon Seiten der Politik war keine Reaktion auf Ihre Forderung zu erkennen.

Horowitz: Interessanterweise bin ich weder von der Politik noch von anderen Medien darauf angesprochen worden.

NRW.direktHat Sie das enttäuscht?

Horowitz: In gewisser Weise schon. Denn wenn man immer betont, dass Antisemitismus keinen Platz bei uns haben darf, muss man sich als Politiker auch solchen zugegebenermaßen unpopulären Themen widmen und darf sich davor nicht wegducken. Vor allem, wenn dies dazu führt, dass man fremdenfeindlichen Parteien damit auch das Feld überlässt. Das ist wohl im Kontext der Konsequenz der Politik zu sehen.

NRW.direktHaben wir im Moment die falschen Täter? Nach dem Übergriff auf den 17-Jährigen, der durch seine Kippa als Jude erkennbar war, war in der Täterbeschreibung von südländisch oder nordafrikanischen Männern die Rede, die allesamt bärtig waren. Also eine Beschreibung, die nicht auf Rechtsextreme deutet. Als es sechs Tage später die Solidaritätskundgebung dazu gab, fiel mir auf, dass mit dem FDP-Landtagsabgeordneten Rainer Matheisen nur ein einziger namhafter Politiker dabei war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so wenig politische Prominenz erschienen wäre, wenn es rechtsradikale Täter gewesen wären. Haben die Juden jetzt das Pech, von den falschen Tätern angegriffen werden?

Horowitz: Das ist schwer zu sagen. Vielleicht. Es kann sein, dass die hauptsächliche Bedrohung für Juden von der Politik noch immer nur von rechts gesehen wird. Während wir als Juden diese Bedrohung mittlerweile von rechts, links und von Muslimen zu spüren bekommen.

NRW.direktVor zwei Tagen hat das Landesinnenministerium eine Antwort auf eine Nachfrage der Grünen zu den antisemitischen Straftaten im ersten Halbjahr 2018 veröffentlicht. Darin wurde mitgeteilt, dass in diesem Zeitraum 89 antisemitische Straftaten erfasst wurden, darunter ein Gewaltdelikt. Außerdem wurde mitgeteilt, dass 82 der Straftaten der politisch motivierten Kriminalität „Rechts“ zugeordnet wurden, sechs ausländischen Ideologien und eine nicht zugeordnet werden konnte. Genaueres haben wir aber nicht erfahren; es wurde weder mitgeteilt, worum es sich bei den übrigen 88 Taten gehandelt hat, noch wie die Zuordnungen zustande gekommen sind. Auch zu dem Gewaltdelikt und dessen Hintergrund haben wir keine Details erfahren. Und was wir uns unter ausländischen Ideologien konkret vorstellen dürfen, auch nicht.

Horowitz: Wenn ich höre, dass die Statistik nur Zuordnungen vornimmt, ohne dass die Taten wirklich nachvollziehbar spezifiziert werden, dann frage ich mich, ob diese Delikte überhaupt so aufgenommen werden, dass wir daraus etwas lernen können. Hier stellt sich die Frage, ob eine so einseitige Statistik noch ein aussagekräftiges Instrument darstellt, das uns herauszufinden hilft, wo das Problem wirklich liegt. Aber das wäre zu klären, ob das tatsächlich so ist.

NRW.direktHeißt das, Sie würden sich der Forderung des Antisemitismus-Beauftragten anschließen, nach der die Statistik zu antisemitischen Straftaten näher beleuchtet und deren Zustandekommen geklärt werden muss?

Horowitz: Selbstverständlich. Das ist die Grundlage, etwas daraus zu lernen und entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln.

NRW.direktHat sich die Bedeutung der Juden für die deutsche Politik verändert? In den ersten Jahren und Jahrzehnten nach der Shoa hatte die Frage, ob sich wieder Juden in Deutschland ansiedeln, große Auswirkungen darauf, ob die Bundesrepublik im Rest der Welt akzeptiert wird. Das bedeutete, dass die damals noch junge Bundesrepublik die Juden gebraucht hat. Heute ist das wiedervereinigte Deutschland überall auf der Welt anerkannt, womit diese Bedeutung weggefallen ist. Und jetzt leben rund 130.000 Juden in Deutschland. Als Wählergruppe bringen sie damit kein Gewicht auf die Waage. Bei Migranten aber geht es für die Parteien um Millionen von Wählerstimmen. Kann man davon sprechen, dass Juden für die deutsche Politik nicht mehr die Bedeutung haben wie noch vor 20 oder 30 Jahren?

Horowitz: Das könnte sein. Vor 20 und 30 Jahren waren noch Überlebende da, die natürlich eine starke moralische Wirkung hatten. Die sind mittlerweile nicht mehr da, jetzt gibt es die Folgegeneration. Die Distanz zum Holocaust ist inzwischen so groß, dass die junge Generation anscheinend immer weniger damit verbindet. Was das Ansehen Deutschlands betrifft, hat es heute nicht mehr so viel zu befürchten. Bei den Politikern, mit denen ich zu tun habe, sehe ich aber immer noch genug Sensibilität und viel Verständnis. Möglicherweise ist es aber auch so, dass die Priorität für die Politik mit wachsender Distanz zum Holocaust abnimmt. Aber das ist schwer zu fassen. Es ist eine Empfindung, aber man kann es nicht eindeutig sagen.

NRW.direktHerr Horowitz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dr. Oded Horowitz ist Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein sowie Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Er ist als Augenarzt tätig, verheiratet und Vater von drei Kindern. Das Interview mit ihm wurde am 29. August in Düsseldorf geführt.

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