Interview Wirtschaft und Verkehr

Interview mit einem Air-Berlin-Piloten

Ein langjähriger Pilot von Air Berlin, der anonym bleiben will, spricht im Interview mit NRW.direkt über die derzeitige Situation seiner Kollegen, das Handeln der Bundesregierung, den letzten Vorstandschef seines Unternehmens und die Strafanzeige gegen jenen seiner Kollegen, der bei der letzten Landung eines AB-Langstreckenfluges eine „Ehrenrunde“ über Düsseldorf geflogen ist.

Aufruf zum Zusammenhalt: Viele Crew-Mitglieder von Air Berlin trugen am Freitag Westen mit der Aufschrift „Stay United“ (Bild: NRW.direkt)

NRW.direkt: Wie fühlen Sie sich heute Abend?

Pilot: Sehr emotional. Heute ist der letzte Tag, an dem Air-Berlin-Flugzeuge starten und landen. Und morgen wird das Kapitel Air Berlin beendet sein.

NRW.direkt: Wie ist Ihre persönliche Zukunft?

Pilot: Ungewiss. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wir haben Angebote von Eurowings bekommen, allerdings von Eurowings Europe. Für jeden von uns wären das Gehaltseinbußen von 40 bis 50 Prozent gegenüber unserer bisherigen Bezahlung. Zu den Konditionen ist es für alle klar, dass sich keiner von uns dort bewirbt. Hier werden bestehende Tarifverträge einfach aufgehoben. Zusätzlich müssen wir uns auf diese Stellen noch einmal von vorne bewerben, das heißt, ein komplettes Auswahlverfahren noch einmal zu durchlaufen. Bestenfalls würde das für uns etwas verkürzt werden. Aber warten wir erst einmal ab, was kommt. Wenn wir geschlossen zusammenstehen, wird sich das für uns hoffentlich zum Guten wenden.

NRW.direkt: Wir wünschen es Ihnen. Wie sehen Sie das Handeln der Bundesregierung?

Pilot: Vor den Bundestagswahlen wurde das in allen Ländern in den Medien breitgetreten. Damit war klar, dass etwas getan werden muss. Mittlerweile aber hat sich die Bundesregierung aus der Verantwortung gezogen, überlässt das einfach anderen und hat damit nichts mehr zu tun. Ich habe selber einen Bundestagsabgeordneten angeschrieben. Er hat mir geantwortet, er hoffe, dass alles in guten Händen sei und sich alles für uns gut entwickelt. Einsetzen wird sich die Politik für uns nicht mehr! Wenn das vor der Wahl passiert wäre, hätten wir bessere Chancen. Aber nach der Wahl ist die Sintflut.

NRW.direkt: Unsere Redaktion hat eine Woche lang Politiker aus Düsseldorf zu überzeugen versucht, heute Abend hier zu sein. Abgesehen von der FDP-Vizechefin Marie-Agnes Strack-Zimmermann haben wir uns nur Absagen eingehandelt.

Pilot: Das ist gut. Ich finde, jetzt sollte auch Rückgrat gezeigt werden.

NRW.direkt: Vor wenigen Stunden war zu lesen, dass gegen Ihren Kollegen, der beim letzten Langstreckenflug von Air Berlin nach der Ankunft aus Miami einen Go-Around und dann über die Stadt geflogen ist, Strafanzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr gestellt wurde. In Düsseldorf haben viele Menschen das als Geste an die Stadt verstanden und bejubelt. Haben Sie Verständnis dafür, dass jetzt gegen Ihren Kollegen Anzeige gestellt wurde?

Pilot: Von unserem Flugbetrieb aus ist das Thema abgehakt. Das war mit dem Tower abgesprochen. Und es war ein ganz harmloses Manöver. Ob ich gerade durchstarte oder nach links abdrehe, da passiert nichts. Ich finde, so viel Respekt sollte man uns schon entgegenbringen: Wir sind keine Leute, die Harakiri begehen. Wir wissen, was wir tun.

NRW.direkt: Da dürften Sie vielen Menschen aus der Seele sprechen …

Pilot: … dass man da so ein Fass aufmacht, verstehe ich bis heute nicht. Da sollten die Herren von der Staatsanwaltschaft mal in andere Richtung ermitteln. Da würden sie dann auch fündig werden.

NRW.direkt: Was sagen Sie zu Thomas Winkelmann? Ein Air-Berlin-Vorstandschef, der vorher 18 Jahre für die Lufthansa tätig war?

Pilot: Ohne Worte! Da fängt jemand bei uns als Vorstandschef an und lässt sich sein Millionengehalt gleich mit einer Bankbürgschaft gegen Insolvenz absichern. Ich glaube, da brauchen wir gar nicht weiter darüber reden. Das spricht Bände!

NRW.direkt: Als Winkelmann bei Air Berlin angefangen hat, war schnell die Rede davon, seine Aufgabe bestünde darin, der Lufthansa Air Berlin „auf dem Silbertablett zu präsentieren“.

Pilot: Genau das hat er ja auch gemacht.

NRW.direkt: Die Vorwürfe sind also berechtigt?

Pilot: Ja, absolut.

NRW.direkt: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Kollegen alles Gute für die Zukunft.

Das Interview wurde am Freitagabend am Flughafen Düsseldorf geführt. Bei unserem Gesprächspartner handelt es sich um einen 45-jährigen Senior First Officer, der seit Januar 2005 für Air Berlin geflogen ist und über die Type Ratings (Musterberechtigungen) für die Airbus-Modelle A.319, A.320, A.321 sowie A.330 verfügt. Aufgrund der aktuellen Auseinandersetzungen um ihn und seine Kollegen hatte er den Wunsch, anonym zu bleiben.

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