Mönchengladbach Panorama

„Israel Garant für den Fortschritt der Menschheit“

Mönchengladbach. Rund 200 Menschen feierten am Sonntag mit der Jüdischen Gemeinde das 70-jährige Bestehen des Staates Israel. Deutschland und Israel sind nicht nur durch die Shoa, sondern auch durch Freiheit und Demokratie verbunden, erinnerte die Gemeindevorsitzende Leah Floh. Moshe Eßer erklärte, warum es die Aufgabe aller Demokraten sei, „Israel aktiv zu schützen“. Dabei geriet seine Rede an einigen Stellen wenig politisch korrekt.

„70 Jahre Unabhängigkeit Israels, 70 Jahre schwerste Arbeit, kleine und große Verteidigungskriege, Anfeindungen, Aufbau des Staates und der Zahal (die israelische Armee), 70 Jahre die erste und einzige Demokratie in Nahost, 70 Jahre Tränen und Lachen, Schmerz und Glück.“ Mit diesen Worten begrüßte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach, Leah Floh, am Sonntag ihre Gäste. Rund 200 Menschen, darunter auch der Bundestagsabgeordnete Günter Krings (CDU), waren auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in die Pfarre St. Vitus gekommen, um gemeinsam das 70-jährige Bestehen des am 14. Mai 1948 unabhängig gewordenen Staates Israel zu feiern.

„Juden und Deutsche sind für immer verbunden, geradezu verstrickt, durch die Erinnerung an die Shoa. Und wir dürfen nicht zulassen, dass das Wissen um die besondere historische Verantwortung Deutschlands verblasst“, erläuterte Leah Floh nur wenig später. „Richtig ist aber auch, dass uns längst viel mehr verbindet als diese schmerzvolle Zeit. Geschichte. Wir stehen für die gleichen Werte ein, für Freiheit und Demokratie. Wir Juden hier im Galut (die Jüdische Diaspora) und auch in Israel schenken Deutschland Vertrauen in der Hoffnung, dass Deutschland nicht die Fortsetzung der aktuellen Entwicklung des Antisemitismus hier und in ganz Europa weiterhin zulassen wird.“ Und plötzlich wurde Floh noch deutlicher: „Lassen Sie bitte nicht weiter zu, was hier zurzeit geschieht. Diesmal kann niemand sagen: Wir haben das nicht gewusst, wir haben das nicht gesehen und nicht gehört.“

Mit Gebeten, darunter auch eines von Rabbiner Yitzhak Hoenig für die Gefallenen der israelischen Armee, einem musikalischen Rahmenprogramm, bei dem natürlich auch das gemeinsame Singen der israelischen Nationalhymne, der haTikwa, nicht fehlen durfte, und weiteren Reden ging es jedoch schnell weiter im Programm. Bürgermeister Michael Schroeren (CDU) sprach von „Freundschaft und Verbundenheit“ und wünschte Israel „ein Ende des Blutvergießens“ sowie Frieden im Nahen Osten. Mit der Formulierung von den „vielen Ungerechtigkeiten auf beiden Seiten“ betonte Schroeren jedoch gleichzeitig seine Neutralität.

„Damit alle Juden auf der Welt einen sicheren Ort haben“

Gewohnt herzlich zeigte sich Pfarrer Hans-Ulrich Rosocha, der die Grußworte der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit überbrachte und seine „unbändige Freude“ darüber, mit der Jüdischen Gemeinde das 70-jährige Jubiläum Israels feiern zu können, offen zeigte. Gott habe den Juden Israel geschenkt, sagte der evangelische Pfarrer im Ruhestand, „damit alle Juden auf der Welt wissen: Wir haben endlich einen Ort gefunden, an dem wir sicher leben können“. Seine Rede beendete Rosocha mit dem Wunsch nach „einer fröhlichen Jubiläumsfeier“.

Die gab es dann auch, vorher stand aber noch die Rede von Moshe Eßer auf dem Programm. Der für wenig Rücksichtnahme auf politische Korrektheit bekannte Eßer sprach stellvertretend für den Gemeinderat. Und obwohl ihm davon abgeraten wurde, begann er seine Rede mit einer Erinnerung an die Freundschaft des Großmuftis von Jerusalem, Amin al-Husseini, mit Adolf Hitler. Diese habe zur damaligen Zeit die Hoffnung vieler geweckt, „nach Europa bald auch den Nahen Osten ‚judenrein‘ gemordet zu haben“. Nur wenig später zitierte er den Chef der Terror-Organisation Hamas, Ismail Hanija, der regelmäßig danach schreie, „das zionistische Gebilde wird bald zerstört und ein arabischer Staat ohne Juden sein“.

„Aber da unterschätzt er die Lektion, die sechs Millionen Juden in Israel aus der Shoa, dem Mord an ebenfalls sechs Millionen Juden, gelernt haben. Gut gerüstet sich zu verteidigen, stets mit der zum Überleben leider notwendigen Härte, notfalls auch präventiv“, fuhr Moshe Eßer fort und fragte: „Warum ist es die Aufgabe aller Demokraten, Israel aktiv zu schützen, dessen Hauptstadt schon vor 3.000 Jahren jüdisch war und Jeruschalajim hieß?“ Aus religiösen und historischen Gründen, aber auch für die Sicherheit der Juden dort und in aller Welt, beantwortete er die rhetorisch gemeinte Frage. Dann aber nannte er einen häufig vergessenen Grund: „Weil Israel einer der wichtigsten Garanten für den Fortschritt der Menschheit ist.“

Von Intel-Prozessoren und dem USB-Stick bis zur Bundeswehr-Drohne

Damit nahm Moshe Eßers Rede eine überraschende Wende; detailliert schilderte er die technischen, medizinischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die Israel im Laufe seiner bisherigen Existenz hervorgebracht und der Menschheit zur Verfügung gestellt hat. Die in Israel entwickelten Intel-Prozessoren fehlten in seiner Aufzählung ebenso wenig wie der dort entwickelte USB-Stick oder die in der Bundeswehr unter dem Namen „Heron“ eingesetzte israelische Drohne.

„Warum können wir all das heute feiern?“, fragte Moshe Eßer, um auf die jüdische Kultur des lebenslangen Lernens zu sprechen zu kommen. Diese spiegele „sich auch darin, dass knapp 25 Prozent aller Nobelpreise an Juden oder Menschen jüdischer Herkunft verliehen wurden, obwohl Juden nur 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Zum Vergleich: Mohammedaner, etwa 25 Prozent der Weltbevölkerung, erhielten zehn Nobelpreise, den für den Terroristen Arafat eingerechnet“, sagte Eßer wörtlich.

All das sei „nicht mit Faulheit, nicht mit Leben auf Kosten anderer und auch nicht mit chronischem Beleidigtsein“ möglich geworden, sondern durch die jüdische Kultur des Lernens, durch Willen, Fleiß, Disziplin, Eigeninitiative, Akzeptanz der Eigenverantwortung und demokratischem Denken. „Und wo lernen wir all dies?“, beendete Moshe Eßer seine Rede. „In der Thora, unserem ewigen Wegweiser. Im Namen des Gemeinderates wünsche ich Eretz Israel Sicherheit und Erfolg bei der Verteidigung der einzigen Demokratie im Nahen Osten. Am Israel chai!“

Bild: Rabbiner Yitzhak Hoenig mit einem Chor und Kindern aus der Gemeinde. Bildrechte: NRW.direkt

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