Düsseldorf Panorama

„Israel ist immer der Böse“

Düsseldorf. Mit einem Festakt im Goethe-Museum wurde am Sonntag das 70-jährige Jubiläum Israels sowie das 35-jährige Jubiläum der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft gefeiert. Für seine Forderung, dass „Deutschland endlich mal an der Seite Israels steht“, bekam Herbert Rubinstein spontanen und ungewöhnlich starken Applaus. Die DIG-Vizepräsidentin Maya Zehden kritisierte die einseitige Medienberichterstattung über Israel. Gerd Buurmanns Vortrag zum „Nathan-Komplex“ geriet zur spannenden Theateraufführung.

Mehr als 100 geladene Gäste kamen am frühen Sonntagabend in das Goethe-Museum im Schloss Jägerhof in Düsseldorf, um das 70-jährige Jubiläum des Staates Israel und gleichzeitig das 35-jährige Jubiläum der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft (DIG) zu feiern. Unter den Gästen waren auch die Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke (SPD), Lilly Jockels, Präsidentin der Zionistischen Organisation in Deutschland (ZOD), der französische Generalkonsul Vincent Muller, das Ehepaar Kuckartz vom Verein Brücke Düsseldorf-Haifa und Volker Neupert vom Netzwerk „Respekt und Mut“ sowie mehrere Vertreter der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD). Dazu eingeladen hatte die DIG.

Nach einem Sektempfang und musikalischer Unterhaltung eröffneten der Direktor des Goethe-Museums, Professor Christof Wingertszahn sowie André von Schúeck, Vorsitzender der DIG Düsseldorf, die Veranstaltung. Wingertszahn nutzte die Begrüßung auch, um die Gäste auf die noch bis zum 1. Juli im Goethe-Museum stattfindende Ausstellung „Jüdische Künstler in jiddischen Büchern und Zeitschriften“ hinzuweisen.

Standhaftigkeit dieses Staates muss mit Bewunderung erfüllen“

Erster Redner des Abends war Burkhard Hirsch. Das FDP-Urgestein sagte, Israel sei „der einzige Staat, den ich kenne, der unmittelbar nach seiner Gründung die Kriegserklärung seiner Nachbarstaaten bekommen und das überlebt“ habe. „Die Standfestigkeit dieses Staates muss einen mit ehrlicher Bewunderung erfüllen“, sagte Hirsch. Der ehemalige Landesinnenminister, der auch im Beirat der DIG Düsseldorf sitzt, wünschte „weiterhin Glück und Frieden auf mehr als 120 Jahre“.

Für die Parlamentariergruppe Israel des Landtags sprach Stefan Engstfeld. Der Landtagsabgeordnete der Grünen fand gute und freundliche Worte für Israel sowie eine Parlamentarier-Reise dorthin, mied politische Aussagen aber eher. Dann kam er auf die Mitte Juni erfolgte Entscheidung des Landtags zu sprechen, nach der auch Nordrhein-Westfalen als Reaktion auf den in den letzten Jahren stark gestiegenen Judenhass einen Antisemitismus-Beauftragten bekommen wird. Diese Entscheidung sei auf „Initiative der demokratischen Parteien“ erfolgt, sagte Engstfeld. Dass alle Landtags-Fraktionen dazu bereit waren und bei der Abstimmung einstimmig dafür votiert wurde, erwähnte er nicht.

Erst Herbert Rubinstein geht in media res

Nach Engstfeld sprach Herbert Rubinstein, der den kurzfristig erkrankten Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD), Oded Horowitz, vertrat. Und Rubinstein hielt sich gar nicht erst an der Oberfläche auf, sondern sprach sofort an, dass Israel stets „als der Böse benannt wird, der für alles Böse verantwortlich ist“. Darüber sei die Jüdische Gemeinde „verwundert“, sehe es aber als Bestätigung, „dass Amerika entschieden hat, jetzt mal seinen Mund aufzumachen“. Damit dürfte die erst vor wenigen Tage von US-Präsident Donald Trump getroffene Entscheidung gemeint gewesen sein, den wegen seiner israelfeindlichen Resolutionen umstrittenen UN-Menschenrechtsrat zu verlassen.

Herbert Rubinstein forderte, „dass Deutschland endlich mal an der Seite Israels steht und sich nicht mit Enthaltungen den anderen Staaten beugt“. Mit seiner offenen Kritik am Abstimmungsverhalten Deutschlands bei den Vereinten Nationen sorgte das Urgestein der JGD für eine Überraschung – und gleichzeitig für den schnellsten Beifall an diesem Abend.

Maya Zehden griff das Thema von der medialen Seite auf: „Wir versuchen auch gegen einseitig kritische Berichterstattung vorzugehen“, sagte die Vizepräsidentin der DIG. „Damit kommen wir aber kaum hinterher.“ Offenbar hatte auch Zehden damit bei den Gästen einen Nerv getroffen; der entsprechende Applaus folgte sofort.

Vortrag gerät zur spannenden Theater-Aufführung

Höhepunkt und Abschluss des Abends war ein Vortrag von Gerd Buurmann zum „Nathan-Komplex“. Der Kölner Autor und Schriftsteller ist aufgrund seines Blogs „Tapfer im Nirgendwo“ deutschlandweit bekannt. Was als Vortrag angekündigt war, entwickelte sich jedoch dank an den „Kaufmann von Venedig“, eines Stücks von William Shakespeare, angelehnter Spielszenen zu einer fast einstündigen Theateraufführung. Buurmann selbst bezeichnete die Aufführung später als „informativen Performance-Vortrag“.

An den Beispielen von Jesus sowie Lessings „Nathan der Weise“ zeigte Gerd Buurmann immer wieder das Motiv seines Vortrags auf: „Der Nathan-Komplex ist das Projizieren des eigenen Ideals auf Juden und die radikale Verteufelung von Juden, wenn gerade sie es wagen, sich nicht an christliche Ideale zu halten. Wir projizieren unsere Ideale auf eine jüdische Figur, etwa Nathan, und reagieren sehr brutal, wenn wir Juden haben, die diesem Ideal nicht genügen können oder wollen.“

Juden werden an der Perfektion gemessen, nicht an der Menschlichkeit“

Christen brächten dieses Ideal mit Jesus in Verbindung, Aufklärer mit Nathan. „Die gelten als Allegorie der Ideologie und sind damit keine Menschen.“ Das führe dazu, dass Juden „nicht an der Menschlichkeit gemessen werden, sondern an der Perfektion der Ideologie“. Diese müsse erfüllt werden – und wenn nicht, so würde brutal reagiert, auch und besonders im Umgang mit Israel.

Das gefiel jedoch nicht jedem; eine Frau verließ noch während der Aufführung den Saal. Die große Mehrheit der Gäste aber verfolgte Gerd Buurmanns Performance gebannt. Emotional wurde es, als der Schauspieler die haTikwa, die israelische Nationalhymne, anstimmte und einzelne Besucher leise mitsangen. Zum Abschluss seiner Performance gelangte Buurmann in der Tagespolitik an: „Der UN-Menschenrechtsrat hat mehr Resolutionen gegen Israel verabschiedet, als gegen alle anderen Staaten der Welt zusammen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Israel ist der Teufel. Oder die Vereinten Nationen sind antisemitisch.“ Der starke Beifall, mit dem Gerd Buurmann verabschiedet wurde, ließ erahnen, für welche der beiden Erklärungen sich die Gäste entschieden hatten.

Bild: Gerd Buurmann als der jüdische Geldverleiher Shylock aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Bildrechte: NRW.direkt

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