Kolumnen Politik

Juden in der AfD?

Angesichts des zunehmenden Antisemitismus und der Angst vor der Migration aus muslimischen Ländern haben einige Menschen jüdischen Glaubens die Gruppe „Juden in der AfD“ gegründet. Das ist jedoch ein grober Denkfehler. Eine Kolumne von Michael Naor.

Michael Naor (Bild: NRW.direkt)

Wir leben in turbulenten Zeiten: Hass und Gewalt nehmen spürbar zu. Kaum eine Woche vergeht ohne Berichte über eine Messerstecherei. Und der traurige Höhepunkt in diesem Monat: Am Kölner Hauptbahnhof – einer der belebtesten Orte in Nordrhein-Westfalen – wird eine junge Frau durch einen Brandanschlag schwer verletzt, eine andere wird als Geisel genommen und mit Benzin übergossen.

Über den mutmaßlichen Täter, der von der Polizei durch einen gezielten Schuss überwältigt werden konnte, kommt zunächst die fast automatische Meldung, es handele sich vermutlich um eine psychisch labile Person. Wenige Tage später wird der terroristische Hintergrund bekannt. Zuletzt hieß es wieder, er sei psychisch gestört. Ob das die Menschen beruhigt, darf bezweifelt werden.

Zunehmende Gewalt von unterschiedlichen Seiten

Auf der anderen Seite marschieren Rechtsextremisten in Dortmund und skandieren dabei antisemitische Parolen. In Gelsenkirchen malen Unbekannte einer offensichtlich betrunkenen Frau ein Hakenkreuz auf die Kopfhaut. Laut einer internen Auswertung des Landesinnenministeriums wurden 2017 in Nordrhein-Westfalen im Schnitt zehn rechtsradikal motivierte Straftaten pro Tag verübt.

Geht es hier um zwei extreme Gegensätze? Nein, es sind zwei Seiten einer Medaille! Wir sind Zeugen einer zunehmenden Radikalisierung der Gesellschaft. Die sozialen Netzwerke sind voller Hetztiraden. Leider bleiben Antisemitismus und Rassismus nicht nur ein Problem der Randgruppen, sondern erfassen längst auch die Mitte der Gesellschaft.

Juden in der AfD?

Mitten in diesen Ereignissen erfahren wir von der Gründung einer Gruppe namens Juden in der AfD (JAfD). Am 7. Oktober haben sich die JAfD mit 19 Mitgliedern mit einem medienwirksamen Festakt in Wiesbaden gegründet. Mit Wolfgang Fuhl ist ein bekannter Jude dabei, der von 2009 bis 2012 Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden war. Mit der Vorsitzenden Vera Kosova und mit Dimitri Schulz sind aber auch zwei Personen dabei, bei denen wir bis heute nicht wissen, ob sie nur formal Juden sind oder ob sie auch tatsächlich jüdisch leben.

Es gibt ja schon die Christen in der AfD, nun gibt es also auch die Juden in der AfD. Dass Menschen jüdischen Glaubens Mitglieder in der AfD sind, auch wenn es vermutlich wenige sind, ist ein Teil des politischen Geschehens in einem demokratischen Land. Unter den Wählern jeder Partei sind vermutlich alle oder fast alle Religionen vertreten. Die Religionszugehörigkeit hat zunächst keine Relevanz für die politische Meinung oder Richtung einer Person. Die Kennzeichnung einer Gruppe innerhalb einer Partei mit einer Religionszugehörigkeit stellt jedoch eine politische Aussage dar.

Was erhoffen sich diese Juden, was sind ihre Ziele?

In einem Interview der taz sieht Emanuel Bernhard Krauskopf, einer der Initiatoren der JAfD, die Problematik für den steigenden Judenhass bei den steigenden Zahlen von Muslimen, die in das Land kommen. In einem Interview mit dem Tagesspiegel äußert er seine Skepsis gegenüber der Demokratie und sogar gegenüber dem Grundgesetz. Die AfD bezeichnet er in diesem Interview als eine „Migrantenpartei“. Damit meint er die vielen Russlanddeutschen und anderen osteuropäischen Aussiedler, die sich der Partei angeschlossen haben. Angesichts der klaren Anti-Migranten-Politik der AfD ist dies jedoch eine Verhöhnung.

Eines übersehen Krauskopf und seine Weggefährten oder wollen es nicht wahrhaben: Die AfD ist eine populistische Partei, die derzeit ein Sammelbecken für enttäuschte Bürger einerseits ist, aber auch für Verfechter nationalistischer Ideen darstellt. Und eben die letzte Gruppe ist die, die nach außen hin deutlich hörbarer ist.

Nach einer Umfrage der Bild-Zeitung vom 10. Oktober stimmen 55 Prozent der AfD-Wähler der Aussage zu, die Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt. Und diese Aussage verkörpert nichts anderes als den klassischen Antisemitismus. Es ist heuchlerisch, wenn AfD-Politiker auf den Antisemitismus in der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland hinweisen, aber gleichzeitig zusammen mit rechtsextremen Gruppen demonstrieren, wie vor einigen Wochen in Chemnitz.

Überflüssig und dumm

In einer Partei, deren Bundesvorsitzender Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ relativiert und mit Björn Höcke ein anderer prominenter Politiker das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet, ist kein Platz für Juden! Und schon gar nicht für eine Gruppe, die ihr Judentum als gemeinsames Merkmal hervorhebt. Dies ist nicht nur überflüssig und dumm, sondern auch gefährlich.

Es ist nur folgerichtig, dass alle großen jüdischen Organisationen und Institutionen in Deutschland die JAfD in einem offenen Brief scharf kritisiert haben. Es wurde davor gewarnt, eine rechtspopulistische Partei zu legitimieren und ihr ein „Koscher-Zertifikat“ zu geben. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist in ihrer überwiegenden Mehrheit gerade angesichts der leidvollen historischen Erfahrung eine glühende Verfechterin der Demokratie und tritt entschieden gegen jeden Form von Rassismus auf.

Viele Menschen in Deutschland sind über die aktuelle Situation besorgt, Juden ebenso wie Nicht-Juden. Diese Menschen meinen, dass die Politik der etablierten Parteien keine ausreichenden Antworten auf die Fragen der Zeit liefert. Bis dahin ist das verständlich und legitim. Aber sind die JAfD wirklich die richtige Konsequenz? Gerade für Juden? Die Antwort lautet eindeutig: Nein.

Die Kolumnen von NRW.direkt geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um die Meinung unserer Redaktion handeln.

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Über den Autor

Michael Naor

Michael Naor ist in Tel Aviv, Israel, geboren und lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. Er ist Psychologe und Psychotherapeut und war viele Jahre in einer Fachklinik beschäftigt. Naor engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. So ist er Präsident der B’nai B’rith Franz-Rosenzweig-Loge in Düsseldorf und Mitglied im Exekutivkomitee von B’nai B’rith Europe (BBE). Außerdem war er Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Vize-Präsident der Zionistischen Organisation Deutschland (ZOD) sowie zehn Jahre lang Chefredakteur von ILI-News, dem Newsletter von „ILI - I Like Israel".