Düsseldorf Kultur

Jüdisches Gymnasium eröffnet

Düsseldorf. Im Stadtteil Rath wurde am Mittwoch mit dem Albert-Einstein-Gymnasium das erste jüdische Gymnasium in NRW nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. Bei sonnigem Wetter konnte das mit einem fröhlichen Fest gefeiert werden. Eine Sicherheitspanne blieb folgenlos.

Die Klezmer-Band eines jüdischen Gymnasiums aus Budapest

Die Klezmer-Band eines jüdischen Gymnasiums aus Budapest (Alle Bilder: NRW.direkt)

„Wenn das nicht so negativ belegt wäre, würde ich ja sagen: ‚Dieser Moment ist ein innerer Reichsparteitag'“. Wo sich in Deutschland normalerweise schlagartige Empörung zeigen würde, machte sich am Mittwoch in Düsseldorf-Rath stattdessen Erheiterung breit. Denn derjenige, der das so gesagt hat, war Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Und der Moment, den er angesprochen hatte, ein seit Jahren von der Gemeinde sehnlichst erwarteter: Die Eröffnung des Jüdischen Gymnasiums. „Aber es ist ja negativ belegt, deswegen sage ich lieber: ‚Dieser Moment ist eine innere Steuben-Parade.'“

Rund 200 geladene Gäste reagierten mit Beifall; Szentei-Heises vergnügliche Art, durch das Programm zu führen, kam gut an. Auch für den strahlenden Sonnenschein, der die feierliche Eröffnung begleitete, hatte er eine einfache Erklärung: Die Jüdische Gemeinde habe eine kürzere Verbindung zu Gott. „Für uns ist das nur ein Ortsgespräch.“ Eingeladene Christen zeigten sich ebenfalls gutgelaunt und schlagfertig: „Sie haben das Ortsgespräch, wir die Flatrate.“ Für musikalische Unterhaltung sorgte die Klezmer-Band eines jüdischen Gymnasiums aus Budapest, womit alle Zutaten für ein fröhliches Fest vorhanden waren.

„Wir haben lange darauf gewartet“

Oded Horowitz

Oded Horowitz

Die Reden spiegelten aber auch wieder, dass es ein langer Weg und nicht einfach war, das erste jüdische Gymnasium in Nordrhein-Westfalen nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Weg zu bringen. Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, sprach davon, dass es nach der Shoah nur noch eine kleine jüdische Gemeinde in der Stadt gegeben habe, die immer „auf gepackten Koffern saß“. Erst die Zuwanderung aus Osteuropa in den 90er-Jahren habe die Gemeinde auf rund 7.000 Mitgliedern und damit zur drittgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland anwachsen lassen. Horowitz bedankte sich bei den anwesenden Vertretern von Stadt und Land für deren Unterstützung beim Zustandekommen der Schule: „Und jetzt ist es vollbracht. Wir haben lange darauf gewartet.“

Landesschulministerin Sylvia Löhrmann sprach von einem „besonderen Moment, auch für NRW“. Das Gymnasium sei „eine großartige Bereicherung unserer Schullandschaft“. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel bezeichnete das Albert-Einstein-Gymnasium als „ein kleines Wunder und ein großes Geschenk für diese Stadt“. Beide wünschten „Masel tov!“. Zum Ende der Reden wandte sich Schulleiter Michael Bock an die geduldig wartenden Schüler: „Füllt dieses Gebäude mit Leben! Seid neugierig und wissbegierig, fordert uns heraus!“ Dann brachte Oberrabbiner Raphael Evers die Mesusa, eine Schriftkapsel, an der Schuleingangstür an. Danach wurden hunderte Luftballons in blau und weiß in den Himmel gelassen, damit auch die Menschen im Rest der Stadt sehen konnten, „das hier etwas passiert“.

Hoher Bildungsanspruch

Schulleiter Michael Bock

Schulleiter Michael Bock

Der Unterricht im Albert-Einstein-Gymnasium beginnt am Donnerstag zunächst mit 39 Fünfklässlern, die auf zwei Klassen verteilt werden. 37 wurden zuvor in der Yitzhak-Rabin-Grundschule unterrichtet, zwei Schüler sind christlichen Glaubens. Das Jüdische Gymnasium steht Schülern aller Religionen offen, aber obwohl das koschere Angebot der Schulmensa den Wünschen der Muslime nach „Halal“-Kost sehr nahe kommt, sind die Hoffnungen auf muslimische Schüler eher gering. Zusätzlich zu den Lehrplänen öffentlicher Schulen werden jüdischer Religionsunterricht, Hebräisch als freiwillige Fremdsprache sowie Unterricht in Russisch angeboten. Die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, werden einen Schwerpunkt bilden. An dem hohen Bildungsanspruch ließ auch Raphael Evers keinen Zweifel: „Bildung bestimmt unsere Identität. Unsere Helden sind Helden des Geistes.“

Dennoch ist der Schulbetrieb im Stadtteil Rath nur provisorisch. Um 2020 wird das Albert-Einstein-Gymnasium in die ehemalige Kartause-Hain-Schule in Düsseldorf-Unterrath umziehen. Derzeit ist die Nutzung des Gebäudes nicht möglich, weil dort noch Asylbewerber untergebracht sind. Im monatelangen Vorbereitungen wurden in einem ehemaligen Bürogebäude in Rath jedoch alle Voraussetzungen für einen geregelten Schulbetrieb geschaffen.

„Die Einschläge kommen immer näher“

Raphael Evers bringt die Mesua an der Tür an

Raphael Evers bringt die Mesusa an

Vor der Eröffnung des Gymnasiums wurden alle eingeladen Journalisten gebeten, aus Sicherheitsgründen nicht vorab über Ort und Zeit der Feierlichkeiten zu berichten. Ausnahmslos alle Medienvertreter hielten sich daran. Durch den im Internet veröffentlichten Terminkalender der Schulministerin waren Ort und Zeit der Feierlichkeiten dennoch schon eine Woche zuvor öffentlich bekannt. Eine Sicherheitspanne, die jedoch folgenlos blieb. Insgesamt aber ist das Jüdische Gymnasium sicherheitstechnisch gut aufgestellt: Wer das Schulgelände betreten will, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Die Fenster sind aus Panzerglas, um auch dem Beschuss einer Kalaschnikow standzuhalten.

„Terroristen gehen am liebsten dahin, wo sie am wenigsten Widerstand zu erwarten haben“, begründete Michael Szentei-Heise die Sicherheitsmaßnahmen. Bei der Frage von NRW.direkt nach den Urhebern der Bedrohung verwies er auf die islamistisch motivierten Anschläge der letzten Jahre auf Juden sowie jüdische Einrichtungen in Frankreich und Belgien: „Die Einschläge kommen immer näher.“ Der Islamismus sei „die derzeit größte und virulenteste“ Bedrohung. „Theoretisch“ kämen aber auch Rechtsradikale in Betracht.

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