Neuss Politik

Kaddor fordert „Bringschuld“ ein

Neuss. Deutschland habe ein „Rassismus-Problem“ und die Mehrheitsgesellschaft komme „ihrer Bringschuld, integrationswillige Muslime zu akzeptieren“, nicht nach. Das beklagte Lamya Kaddor in der Volkshochschule. AfD, HoGeSa und Pegida nannte die umstrittene Islam-Lehrerin bei ihren Vorwürfen mehrfach in einem Atemzug. Muslime dürfen jedoch nicht überfordert werden, so Kaddor.

Lamya Kaddor in Neuss (Bild: NRW.direkt)

Lamya Kaddor in Neuss (Bild: NRW.direkt)

„Ich bekomme Morddrohungen! Dass draußen Polizisten sind, hat seine Gründe!“ Mit diesen Worten kritisierte Lamya Kaddor am frühen Donnerstagabend bei einer Lesung in der Neusser Volkshochschule das aktuelle politische Klima in Deutschland. Die 38-jährige Autorin und Lehrerin hatte sich Ende September aus Sicherheitsgründen vom Schuldienst beurlauben lassen. Nach der Veröffentlichung ihres Buches „Die Zerreissprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ soll die syrischstämmige Islam-Lehrerin Morddrohungen und beleidigende Briefe aus dem „rechten Spektrum“ erhalten haben.

Darin wurde sie nicht nur wegen ihrer Positionen zum Umgang mit Einwanderung heftig kritisiert, sondern auch persönlich, weil fünf ihrer früheren Schüler aus Dinslaken in den syrischen Bürgerkrieg ausgereist sind. In den Medien beklagte Kaddor, dass sich auch die Publizisten Henryk M. Broder und Roland Tichy daran beteiligen, gegen sie Stimmung zu machen. Die Menschen seien in der aktuellen Debatte „vollkommen enthemmt“ und viele „Hass-Mails“ hätten sich auf Broder bezogen. Beide wiesen die Anschuldigungen zurück. „Kaddors Hetze ist unerträglich“, kritisierte Tichy. Henryk M. Broder sagte, die Islam-Lehrerin habe „einen an der Klatsche“.

Im Neuss aber ließ Lamya Kaddor diese Auseinandersetzung unerwähnt. Auch griff sie bei ihrer Lesung nicht auf ihr neues Buch zurück, sondern auf ihr Buch „Zum Töten bereit“, das sich mit der „Radikalisierung“ junger Salafisten befasst. Dies sei aber „vom Thema Fremdenfeindlichkeit nicht zu trennen“, denn „das eine Extrem, der Salafismus, bedingt das andere Extrem, nämlich den Islamhass“. Da „haben wir Deutschen ein Rassismus-Problem“, sagte Kaddor.

„Verständnis für Pegida-Demonstranten stärkt die Salafisten“

Die Hauptursache für die Attraktivität des Salafismus für junge Muslime sehe sie darin, dass die deutsche Gesellschaft ihnen unablässig signalisiere, „nicht dazuzugehören“. Auch die Politik trage dazu bei, so etwa mit der Forderung nach einem Burka-Verbot oder „unsäglichen Debatten über Moschee-Bauten und Minarette“. Dies befördere nur die „Radikalisierungs-Spirale“: „Mit jeder Mahnung, die Ängste von Pegida-Demonstranten ernst zu nehmen, wird suggeriert, dass an der Islamisierung des Abendlandes etwas Wahres dran sei. Das wiederum stärkt die Salafisten.“ Verständnisbekundungen von Politikern für solche Demonstranten würden „dazu beitragen, die Islamfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“. Auch sei die heftige Reaktion der Politik auf den Auftritt der „Scharia-Polizei“ 2014 in Wuppertal völlig falsch gewesen und habe nur den Salafisten genutzt.

Ihre Ausführungen zur „Scharia-Polizei“ nutzte Lamya Kaddor auch zum Angriff auf die AfD: „Und wenn ich ganz gemein sein will, dann ersetze ich das Wort ‚Scharia-Polizei‘ durch AfD.“ Mehrfach nannte sie die AfD, die Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) sowie die Pegida-Bewegung in einem Atemzug und betonte, dass deren „Islamfeindlichkeit“ eine Form der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sei: „Glaubt wirklich jemand von Ihnen, dass die Führer von AfD, Pegida und HoGeSa für die Rechte von Homosexuellen oder Behinderten eintreten?“

„Islamfeindlichkeit“ ohne Bezug zum Islam?

Nach der Lesung konnten die Besucher Lamya Kaddor ihre Fragen stellen. Aber je länger die Diskussion andauerte, umso interessanter wurde eher, worüber alles nicht gesprochen wurde. So beklagte Kaddor zwar immer wieder die vermeintliche Islamfeindlichkeit, mied jedoch strikt das Thema Islam. Stattdessen sagte sie, dass die „Islamfeindlichkeit die Fortsetzung des ‚Ausländer raus'“ sei. Integrationsunwilligkeit war bei ihr jedoch ebenso wenig ein Thema wie die Rolle der Frau im Islam, muslimischer Antisemitismus, Übergriffe männlicher Asylbewerber auf Frauen oder die aktuelle Debatte um Kinderehen.

Lamya Kaddor reduzierte die Ängste und Schwierigkeiten der Deutschen im Umgang mit muslimischen Migranten geschickt auf „ein paar Bekloppte“, die „religiös ungebildet“ seien und sich „in die Luft sprengen“, ließ aber gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die „ihrer Bringschuld, integrationswillige Muslime zu akzeptieren“, nicht nachkomme, die Quelle des Übels sei. Muslime würden in Deutschland nur auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert und benachteiligt, „andere Facetten ihrer Persönlichkeit werden nicht mehr wahrgenommen“, so Kaddors Lamento.

Die rund 30 Zuhörer in der Volkshochschule hinterfragten diese Sichtweisen nicht. Stattdessen wurde sinngemäß zumeist gefragt, was getan werden könne, um die Möglichkeiten zur Integration weiter zu verbessern. Als eine Zuhörerin fragte, ob der Salafismus nicht eine Form „jugendlicher Rebellion“ sei, ähnlich wie sie selbst früher aus Protest zu ihrer „CDU-Familie“ zur DKP-Anhängerin wurde, stimmte Kaddor zu. Eine andere Besucherin verstand die Aufregung um die „Scharia-Polizei“ nicht, da es in Wuppertal „eben sehr bunt“ sei und „die Salafisten dazu passen“.

„Wir dürfen Muslime auch nicht überfordern“

Erst kurz vor dem Ende der fast einstündigen Diskussion kam plötzlich doch noch der Islam ins Spiel: Eine Zuhörerin fragte, ob „eine Reformierung des Islam nicht sinnvoll sei“. Lamya Kaddor antwortete, dass es die „immer gab“ und sich der Islam „bereits weiterentwickelt“ habe. „Aber ich glaube, wir dürfen Muslime auch nicht überfordern. Das braucht auch Zeit.“

Damit war das Thema Islam ebenso schnell wieder abgehandelt, wie es unvermutet angesprochen wurde. Kurz darauf war die Veranstaltung beendet. Dann konnte auch der letzte der ursprünglich drei Polizisten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

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