Politik

Kampagne gegen Pantel initiiert?

Düsseldorf. Tagelang wunderten sich Zeitungsleser und CDU-Mitglieder darüber, dass ein Facebook-Posting der Bundestagsabgeordneten Sylvia Pantel zu einem Skandal aufgebauscht wurde. Jetzt fragen sich viele, ob „nur“ vorsorglich eine Schuldige für die mögliche Wahlniederlage einer CDU-Landtagskandidatin gesucht wurde.

Sylvia Pantel (Bild: NRW.direkt)

„Hier eine kleine Erinnerung an jeden, der überlegt, die Grünen zu wählen“ – so heißt es auf der Facebook-Seite des Düsseldorfer AfD-Landtagskandidaten David Eckert. Verlinkt ist ein Artikel der Zeitung DIE WELT aus dem September 2013, in dem es um die Pädophilie-Debatte bei den Grünen und einen Text des Bundestagsabgeordneten Volker Beck geht. Obwohl David Eckert keiner ihrer Facebook-Freunde ist, wurde sein Posting auch der Düsseldorfer Bundestagsabgeordneten Sylvia Pantel (CDU) auf deren Facebook-Startseite angezeigt. Wer Eckert ist, war Pantel nicht bekannt. Es interessierte die Abgeordnete aber auch nicht, von dem Artikel der WELT hingegen fühlte sie sich angesprochen.

Also beschloss Sylvia Pantel am 6. Mai, das Posting zu teilen, um es ihren Facebook-Freunden zugänglich zu machen. Die Zeile, in der David Eckert namentlich genannt wird, wollte sie noch entfernen, was aber in der Hektik vom Smartphone aus nicht gelang. „Das war technisches Unvermögen“, sagte sie dazu später. Da ihr aber nur der Artikel der WELT wichtig war und die Zeitung für sie eine seriöse Quelle war, maß sie dem Vorgang keine weitere Bedeutung bei.

Pantel ging es um den Pädophilie-Skandal der Grünen

Fast alle Facebook-Nutzer, die ihr Posting mit Kommentaren bedachten, sahen das offenbar ähnlich und diskutierten über die Grünen. Ein Kommentator aber gab sich als CDU-Mitglied zu erkennen und fragte Sylvia Pantel, ob sie wüsste, wer David Eckert sei und ob sie es für richtig halte, dessen Posting zu teilen. Pantel verneinte, sie wisse nicht, wer Eckert sei, aber es sei ihr auch nicht wichtig; ihr ginge es um den Inhalt, also die Grünen. Damit war für die Bundestagsabgeordnete das Thema erledigt – zumindest glaubte sie das.

Umso überraschter war die Politikerin, als die Rheinische Post am Montag titelte „Düsseldorfer CDU-Politikerin nach Facebook-Post in der Kritik“. Die Zeitung, die ihr sonst eher wenig Aufmerksamkeit widmet, schrieb: „Sylvia Pantel hat sich mit einem Facebook-Post Ärger eingehandelt. Sie teilte unkommentiert einen Beitrag von AfD-Landtagskandidat David Eckert. Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen.“ Erneut musste sich Sylvia Pantel erklären: „Ich dachte, das hätte ich in den Kommentaren auch erklärt, dass es mir nur um den Artikel ging.“ Um nicht weitere Irritationen hervorzurufen, löschte sie ihr Facebook-Posting. Verärgert war sie trotzdem; gegenüber Parteifreunden zeigte sie offen ihren Unmut darüber, dass die Frage nach der ursprünglichen Herkunft des Beitrags plötzlich wichtiger war als der Pädophilie-Skandal der Grünen.

„Welch ein Skandal in der bunten Republik Deutschland“

Keiner ihrer Parteifreunde verstand an diesem Abend, warum sich die Rheinische Post dieses Themas angenommen hatte. Den wenigen Kommentatoren, die auf den Artikel der Rheinischen Post reagiert haben, erging es offensichtlich ähnlich. Ein Kommentator spottete gar: „Ein Politiker einer demokratischen Partei verlinkt auf Facebook einen Zeitungsartikel, der über grüne Debatten über Pädophilie berichtet und eine Politikerin einer anderen demokratischen Partei teilt diesen Artikel – welch ein Skandal in der bunten Republik Deutschland!“ Ein anderer kritisierte: „Die freie Meinungspolizei ist wieder unterwegs.“

Lediglich ein dem linken Spektrum zugerechneter Kommentator forderte, dass „die Kritik an Frau Pantel damit nicht aufhören sollte“, denn in ihrem Facebook-Account fände sich auch ein Beitrag „einer fundamental rechtsextremen katholische Vereinigung“. Ein Vorwurf, der die Katholikin, die häufig auf Schützenfesten zu sehen ist, kaum stören dürfte.

Aber schon am nächsten Tag ging die Kampagne gegen Sylvia Pantel weiter. Dieses Mal war es die Neue Rhein Zeitung (NRZ), die schrieb: „Das so genannte Teilen von Pantel sorgte innerhalb der CDU wie auch im gesamten Parteienspektrum für Kritik.“ Tatsächlich benannte die NRZ aber nur einen einzigen Kritiker – den SPD-Jungpolitiker Benjamin Schwarz. Der wurde mit folgender Aussage zitiert: „Pantel hätte den Artikel und eben nicht den Post von der AfD teilen sollen. So geht sie klar Hand in Hand mit den Rechtspopulisten.“

Auswirkungen auf den Wahlkampf einer anderen Kandidatin?

Und nur einen Tag später legten Schwarz und die NRZ nach. Dieses Mal aber brachte die NRZ eine andere CDU-Politikerin ins Spiel: „Die Diskussion um die wegen ihres Facebook-Post in die Kritik geratende CDU-Politikern Sylvia Pantel könnte jetzt auch Auswirkungen auf ihre Parteikollegin Angela Erwin haben“, hieß es in dem zweiten NRZ-Artikel dazu wörtlich. Und erneut zitiert die NRZ Benjamin Schwarz: „Frau Erwin wird es im Wahlkreis III nicht leicht haben. Dass Frau Pantel den Post ihres direkten Gegenkandidaten, David Eckert, teilt, ist sehr merkwürdig. Das wird Angela Erwin am Ende nur schaden.“

Angela Erwin war den meisten Düsseldorfern bislang nur als Tochter des 2008 verstorbenen Oberbürgermeisters Joachim Erwin bekannt. Jetzt aber wagt auch sie den Sprung in die große Politik und kandidiert für den Landtag. Aufgrund ihres Listenplatzes 18 gilt ihr Einzug in den Landtag am Sonntag als fast sicher.

Damit aber nahm der vermeintliche Skandal eine Wende, die viele in der Düsseldorfer CDU erst recht nicht mehr verstanden. Und so standen am Mittwoch gleich mehrere Fragen im Raum: Warum sorgt sich ausgerechnet ein SPD-Politiker um das Wahlergebnis der CDU-Kandidatin Erwin? Und warum sollte Pantels Posting ausgerechnet ihr schaden, aber nicht den anderen CDU-Landtagskandidaten, die alle ungleich schlechtere Listenplätze bekommen haben als Angela Erwin?

„Nun steht sie ziemlich unter Druck“

Zur ersten Frage hat unsere Redaktion Benjamin Schwarz am frühen Donnerstagmorgen um Antwort gebeten. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels ist jedoch in unserer Redaktion noch keine Antwort eingegangen. Die zweite Frage könnte ein Artikel der Westdeutschen Zeitung (WZ) beantworten, der ebenfalls am Mittwoch erschienen ist und die Überschrift „Tochter des Ex-OBs – Angela Erwin braucht jetzt einen Wahlsieg“ trägt.

Im Gegensatz zu den anderen Blättern erwähnt die WZ den vermeintlichen Skandal um Sylvia Pantels Facebook-Posting darin nicht einmal. Stattdessen berichtet die WZ von dem Druck, der auf dem Wahlkampf der OB-Tochter lastet. So heißt es in dem Artikel unter anderem wörtlich: „Nicht vergessen werden darf, dass die 36-Jährige tatsächlich zunächst 2014 für den Stadtrat kandidierte, in ihrem Wahlkreis aber hauchdünn unterlag. ‚Hätte ich da gewonnen, wäre ich jetzt wohl nicht im Wahlkampf.‘ Nun steht sie ziemlich unter Druck, bei einer weiteren Niederlage bliebe sie ohne das so wichtige politische Mandat.“

Wie die Geschichte weitergeht, werden am Sonntag die Wähler in Düsseldorf entscheiden. Aber nach der Berichterstattung einiger Zeitungen in dieser Woche fragen sich nicht wenige CDU-Mitglieder, ob bereits vorsorglich nach einem Schuldigen gesucht wurde, falls die Tochter eines zu Lebzeiten sehr angesehenen Oberbürgermeisters erneut keine Wahl gewinnen sollte. Und wer eignet sich dafür besser, als eine Parteikollegin, die ihre Wahlen bislang immer gewonnen hat – aber wegen ihrer konsequenten konservativen Grundhaltung schon mehrfach in der CDU angeeckt ist?

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