Düsseldorf Politik

Keine Reaktionen auf Mobbing jüdischer Schüler

Düsseldorf. Im letzten Frühjahr wurde die Jüdische Gemeinde durch Erzählungen ihrer Kinder über zunehmendes Mobbing durch muslimische Mitschüler erschüttert. Sofort informierte die Gemeinde Stadt und Bezirksregierung. Jetzt regt sich Unmut, weil die Behörden auch mehr als ein halbes Jahr später noch immer keine Reaktion zeigen. Ist das erst 2016 eröffnete Jüdische Gymnasium damit die letzte Zufluchtsstätte der bedrohten Schüler?

Michael Szentei-Heise (l.) und Rogel Rachman (Bild: NRW.direkt)

Anfang 2017 berichteten in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf (JGD) immer mehr Kinder und Jugendliche, welche Formen von Mobbing sowie Beleidigungen sie an öffentlichen Schulen durch muslimische Mitschüler erfahren. Auch erzählten die jüdischen Kinder, in ihren Schulen als Repräsentanten des Staates Israel wahr- oder für dessen Politik in Haftung genommen zu werden.

Nachdem die Kinder um mehr Unterstützung im Umgang damit gebeten hatten, trafen sich Vertreter der JGD am 22. Mai mit den Schülern, damit diese ihre Erlebnisse schildern konnten. Auch Rogel Rachman, Gesandter der israelischen Botschaft in Berlin, kam nach Düsseldorf, um deren Schilderungen zu hören und mit ihnen darüber zu diskutieren. Vertreter der Bezirksregierung und des Schulverwaltungsamtes waren ebenfalls eingeladen. Beide Behörden wurden vorab detailliert über die Situation informiert. Zur Veranstaltung kam aber nur eine Mitarbeiterin des Schulverwaltungsamtes.

Dort berichteten die Schüler, dass der Begriff „Jude“ zunehmend als Beschimpfung und Beleidigung benutzt werde. Ein Abiturient erzählte, ein arabischer Mitschüler habe ihm gesagt, dass er „sich schämen sollte, Jude zu sein“. Ein Mädchen berichtete, immer wieder gefragt zu werden, „warum Israel ‚das‘ mache“. Auch war zu hören, dass Lehrer von den jüdischen Schülern spezielle Referate oder andere Beiträge zum israelisch-palästinensischen Konflikt erwarten, etwa zum Streit über Wasser. Begründet werde das damit, so eine Schülerin, dass Israel von den Lehrern als Heimat der jüdischen Schüler gesehen werde: „Man muss über Sachen reden, von denen man keine Ahnung hat, nur weil man Jude ist.“

Flüchtlingswelle verschärft die Situation

Eine Schülerin berichtete, bei den Debatten über den Wasserkonflikt auch mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, Israel würde das Wasser der Palästinenser vergiften. All diese Dinge hätten sich mit der Flüchtlingswelle verschärft, berichtete eine andere Schülerin, auch habe sich die Stimmung bei den Türken „stark verändert“. Ein jüdischer Schüler bemerkte vieldeutig, er habe „aufgehört, mit Arabern zu diskutieren“. Ein anderer sagte, bei einer muslimischen Überzahl sei es ohnehin nicht ratsam, sich auf ein Gespräch einzulassen: „Das endet meistens nicht friedlich.“

Rogel Rachman riet dazu, auch auf absurde Vorwürfe gegen Israel immer vorbereitet zu sein: „Seid vorbereitet und kennt die Antworten.“ Die Mitarbeiterin des Schulverwaltungsamtes versprach, dass sich die Behörde der Situation annehmen werde. „Interkulturelle Sensibilität“ sei dem Amt wichtig: „Da prallen Religionen und Kulturen aufeinander.“ Die Lehrerin Tamara Guggenheim aber zeigte sich skeptisch, ob mehr Wissen über den Nahost-Konflikt die jüdischen Schüler tatsächlich besser schützen würde. Guggenheim erzählte, dass ein Kind in der Schule gefragt wurde, ob „Juden zum Pessach-Fest noch immer Christen schlachten“. Auch würde den Schülern immer wieder zum Vorwurf gemacht, dass Israel das Wasser des Jordan vergifte. „Was soll ein jüdisches Kind denn antworten, wenn es mit solchen Dingen konfrontiert wird?“, wollte die Lehrerin wissen.

Nur die Jüdische Gemeinde selber wird aktiv

Nach der Veranstaltung wurde die Jüdische Gemeinde aktiv. Im September wurde deren Antisemitismus-Servicestelle Sabra eröffnet. Dort können von Antisemitismus Betroffene von einer Juristin sowie einer Theaterwissenschaftlerin Rat und konkrete Hilfe bekommen. Derzeit arbeitet Sabra etwa an Rollenspielen, um damit „pro-aktiv in die Schulen zu gehen“, wie Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der JGD, erläutert. „Da geht es aber nicht darum, auf die einzuwirken, die das tun. Das Einzige, was mich interessiert, ist der Schutz und die Stärkung unserer Kinder“, sagt Tamara Guggenheim. Szentei-Heise pflichtet ihr bei: „Ich fühle mich nicht angesprochen, wenn Antisemitismus von außen an unsere Kinder herangetragen wird. Da muss die nicht-jüdische Gesellschaft dagegen aktiv werden.“

Die aber reagierte bislang nicht. So teilte etwa die Bezirksregierung Düsseldorf im Dezember auf Nachfrage unserer Redaktion mit, keine Hinweise zu „konkreten Fällen von Mobbing jüdischer Schüler durch muslimische Schüler an Düsseldorfer Schulen“ zu haben. Auch sei der Behörde keine offizielle Einladung der Jüdischen Gemeinde zu einer Veranstaltung bekannt. Die Gemeinde wiederum verweist darauf, die Bezirksregierung in einer E-Mail über die für die Schüler bedrohliche Situation unterrichtet und dabei auch den Termin der Diskussion ihnen mitgeteilt zu haben. Die Einladung dazu sei dann mündlich übermittelt worden. „Natürlich kann man im Nachhinein sagen: Das war keine offizielle Einladung. Aber auch eine mündliche Einladung ist eine Einladung“, sagt Michael Szentei-Heise verärgert.

Von Seiten des Schulverwaltungsamtes hieß es, man habe mit „Verwunderung“ auf die Darstellung der JGD reagiert, nach der Debatte mit den Schülern nichts mehr vom Amt gehört zu haben. So seien danach „die Kontakte zur jüdischen Gemeinde intensiviert worden, vor allem zur neuen Antidiskriminierungsstelle Sabra, die sich in den genannten Gremien vorstellen konnte“. Außerdem habe „die Leiterin des Schulverwaltungsamtes mit dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde verabredet, dass ein gezielt auf diesen Bedarf abgestimmtes Fortbildungsangebot für Lehrkräfte entwickelt und im nächsten Jahr gestartet werden soll“.

„Die Antwort ist eine Nebelkerze“

Eine Darstellung, die Michael Szentei-Heise als „Nebelkerze“ bezeichnet. Die vom Schulverwaltungsamt genannte Vorstellung der Antidiskriminierungsstelle Sabra sei nichts anderes gewesen als die turnusmäßige Vorstellung der neuen Einrichtung in den entsprechenden Gremien. Und seine Verabredung mit der Leiterin des Schulverwaltungsamtes über das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte sei nur dadurch zustande gekommen, dass er einen Besuch des Schulausschusses beim Jüdischen Gymnasium dazu genutzt hatte, auf die Amtsleiterin zuzugehen. Von Seiten der Stadt aber sei bis heute kein Kontakt ausgegangen.

„Das Gespräch mit den Schülern war im Mai. Und seitdem habe ich noch nichts vom Schulverwaltungsamt gehört. Ich würde schon von der Mehrheitsgesellschaft erwarten, dass von dort aus etwas passiert, wenn jüdische Schüler in den Schulen gemobbt werden. Aber bis jetzt kann ich gar nichts sehen, überhaupt nichts“, sagt der Verwaltungsdirektor der JGD. Von den christlichen Kirchen sei ebenfalls nichts zu hören gewesen. Sein Fazit fällt ernüchternd aus: „Unsere eigene Reaktion ist die einzige, die mir bislang bekannt ist.“

Bleibt den Schülern nur noch das Jüdische Gymnasium?

Für die jüdischen Schüler hat sich seit der Veranstaltung im Mai nichts geändert. Ihre Situation ist unverändert; sie müssen auch weiterhin an den öffentlichen Schulen in Düsseldorf Beleidigungen und andere Formen von Mobbing ertragen. Tamara Guggenheim erzählt, dass mehr und mehr jüdische Schüler jetzt den allgemeinen Religionsunterricht besuchen und diesen anstelle des jüdischen Unterrichts in ihr Zeugnis eintragen lassen. Damit kann niemand mehr erkennen, dass sie Juden sind. Die Schulen, an denen es für jüdische Kinder und Jugendliche in Düsseldorf besonders unangenehm ist, kann sie präzise benennen. Auch die Urheber sind seitdem gleich geblieben: „Rechtsradikale haben wir ganz wenig, und die kommen in dem Alter nur eher versteckt hervor. Linksradikale, bei denen es auch viel Antisemitismus gibt, gibt es in Schulen fast gar nicht. Es ist die muslimische Ecke“, sagte Szentei-Heise.

Damit werden Überlegungen provoziert, in denen das 2016 in Düsseldorf eröffnete Jüdische Gymnasium eine zentrale Rolle spielt. „Wir haben vor sechs Jahren begonnen, das Jüdische Gymnasium, das jetzt in Betrieb ist, zu planen. In all diesen Jahren der Vorbereitung hat der Gedanke, unseren Kindern damit einen schützenden Ort zu bieten, so gut wie keine Rolle gespielt“, erläutert Michael Szentei-Heise. „Aber seit den Gesprächen mit unseren Schülern im Sommer hat der Aspekt einer Schutzfunktion des Jüdischen Gymnasiums einen ganz anderen Stellenwert bekommen.“ Den älteren Schülern würde dies zwar nicht mehr helfen, aber für jüdische Eltern sei die Situation an den öffentlichen Schulen inzwischen ein Argument, ihre Kinder am Jüdischen Gymnasium anzumelden.

„So lange wie damals werden wir heute nicht warten“

Aber wie konnte es passieren, dass 73 Jahre nach der Shoah der Antisemitismus in Deutschland wieder so erstarkt ist? Bei dieser Frage holt Szentei-Heise weit aus und erinnert an den 1967 von Israel gewonnenen Sechs-Tage-Krieg: „Bis dahin haben die Linken den ‚Underdog‘ Israel unterstützt. Aber danach war Israel in ihren Augen eine Großmacht, womit sich alles gedreht hat. Und heute sind die Linken überall in der Gesellschaft angekommen; sie sind Lehrer, Journalisten und damit Meinungsmacher. Und uns schienen die Linken immer natürliche Verbündete gegen Rechtsradikale zu sein.“

Für Michael Szentei-Heise, der seit seinem 16. Lebensjahr SPD-Mitglied ist, kein leichtes Eingeständnis. „Und inzwischen haben wir fast fünf Millionen Muslime in Deutschland. Die verstärken den Trend. Das ist meine Theorie.“ Dann blickt der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde auf und sagt: „Aber so lange wie damals werden wir heute nicht warten. 120.000 Juden aus Deutschland zu evakuieren, geht innerhalb einer Woche.“ Wohin sie evakuiert werden sollen, sagt er nicht. Stattdessen schiebt er schnell nach: „Aber Sie müssen dann mit diesen Leuten leben.“

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