Bonn Justiz

Kinder aus Fenster geworfen: Lebenslang gefordert

Bonn. Im Prozess gegen den 35-jährigen Syrer, der am 1. Februar seine drei Kinder aus dem Fenster einer Asylbewerberunterkunft im Stadtteil Lohmar geworfen hat, wurden am Dienstag die Plädoyers vorgetragen. Der Staatsanwalt forderte lebenslange Haft wegen dreifachem versuchten Mord sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Landgericht Bonn (Bild: NRW.direkt)

Landgericht Bonn (Bild: NRW.direkt)

Zanar H. habe die Kinder „wie einen alten Weihnachtsbaum“ aus dem Fenster seiner Asylbewerberunterkunft geworfen, sagte Staatsanwalt Florian Geßler am Dienstag in seinem Plädoyer vor der 8. Großen Strafkammer des Bonner Landgerichts. Die sieben Jahre alte Tochter und der fünfjährige Sohn erlitten durch den Sturz aus dem ersten Stock Schädeldachfrakturen und weitere Knochenbrüche. Lediglich die einjährige Tochter kam mit leichten Verletzungen davon, da sie auf ihren Bruder gefallen war.

Mit der Tat habe der 35 Jahre alte Syrer seine Kinder töten und damit seine Frau bestrafen wollen, sagte der Staatsanwalt. Eine Milderung der lebenslangen Haftstrafe hätte sich der Angeklagte verdienen können, wenn er vor Gericht ein Geständnis abgelegt und Reue gezeigt hätte. Stattdessen habe er jedoch nur Selbstmitleid gezeigt. Auch die Tatsache, dass die Kinder den Sturz überlebt haben, wollte der Staatsanwalt nicht als Strafmilderungsgrund sehen: „Dass die Kinder überlebt haben, kann sich der Angeklagte nicht anrechnen lassen. Sie hatten Riesenglück.“ Geßler forderte, die besondere Schwere seiner Schuld festzustellen. Bei der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld ist eine vorzeitige Entlassung aus der Haft nach 15 Jahren nicht mehr möglich.

Florian Geßler ging in seinem Plädoyer auch auf die arrangierte Ehe des Angeklagten ein. In Syrien habe der Mann seine Frau sogar „zurückgeben“ wollen, weil sie nicht so gehorcht hatte, wie er das erwartet habe. In Deutschland sei seine Frau immer selbständiger geworden, er aber habe sich über ihren Ungehorsam geärgert. Nachdem sie am 4. Januar die Polizei gerufen hatte, weil er ihr mit einem Kochtopf ins Gesicht geschlagen hatte, drohte er ihr, die Kinder aus dem Fenster zu werfen, wenn das noch mal passiere. Als seine Frau ihm am 1. Februar erklärte, sie werde sich von ihm nicht mehr alles gefallen lassen, machte er seine Drohung wahr. „Er zog die Tat eiskalt durch“, so Geßler.

„Frauenbild von den Werten seiner Herkunft bestimmt“

Gudrun Roth, die als Anwältin der Mutter die Nebenklage vertritt, kritisierte ebenfalls das Selbstmitleid des Angeklagten und schloss sich dem Plädoyer des Staatsanwalts an. Verteidiger Martin Kretschmer hingegen plädierte für eine zeitlich begrenzte Strafe. Die Lebensbedingungen seines Mandanten in Syrien, wo „Gewalt und Brutalität an der Tagesordnung waren“, müssten ebenso berücksichtigt werden wie dessen Frauenbild, das von den Werten seiner Herkunft bestimmt werde. Mit dem „veränderten Rollenverständnis“ in Deutschland sei der Syrer nicht zurechtgekommen.

Beim Prozessauftakt am 20. September zog Zanar H. sein T-Shirt vorne über den Kopf, um nicht erkannt zu werden. Dann fiel er sich mit nacktem Oberkörper auf die Knie, weigerte sich, wieder aufzustehen und begann zu weinen. Ende September forderte er seine Freilassung: „In Syrien wäre ich nach einem Monat entlassen worden.“ Auch beklagte sich der 35-Jährige darüber, dass über den Prozess international berichtet werde und dies für die „Ehre seiner Familie“ schlecht sei. Die Plädoyers musste er in Handschellen verfolgen. Das Urteil wird am 3. November verkündet. (ph)

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