Düsseldorf Panorama

Kontroverse Debatte zu Israel und zum muslimischen Antisemitismus

Düsseldorf. Ein israelischer Buchautor, der für Israel fast nur Kritik übrig hat, sowie ein türkischstämmiger Sozialarbeiter, der offen über die Ursprünge des muslimischen Judenhasses spricht und Duisburg als „eine der Hochburgen des türkischen Rechtsextremismus“ bezeichnet – mit dieser Runde warf eine Podiumsdiskussion am Montag in der Staatskanzlei alle gängigen Klischees über den Haufen.

Mehr als 70 Menschen, darunter viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, kamen am frühen Montagabend zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „70 Jahre Israel und ein ägyptischer Gerechter unter den Völkern“ in die Staatskanzlei am Düsseldorfer Rheinufer. „Schon der Titel macht neugierig und wirft Fragen auf“, sagte Stephan Holthoff-Pförtner bei der Begrüßung der Gäste. Mit dem Staat Israel hätten Juden zwar nach der Shoa eine neue Heimat gefunden, sagte der Europaminister. „Aber die Herausforderung des Antisemitismus ist geblieben. Auch wir in Nordrhein-Westfalen werden uns dieser Herausforderung stellen.“

Diskussionsteilnehmer an diesem Abend waren der israelische Autor und Journalist Igal Avidan sowie der Duisburger Sozialarbeiter Burak Yilmaz. Moderiert wurde die Runde von dem ZDF-Journalisten Abdul-Ahmad Rashid. Avidan war von der ersten Sekunde an bemüht, dem ihm vorauseilenden Ruf eines Journalisten mit anti-israelischer Grundhaltung gerecht zu werden, was er gleichzeitig geschickt mit der Werbung für seine Bücher verknüpfte: Nach Rashids Frage, ob er den 70. Jahrestag Israels gefeiert habe, sprach er davon, dass er zum 60. Jahrestag sein Buch „Israel – Ein Staat sucht sich selbst“ veröffentlicht habe. „Seitdem hat sich die Regierung bemüht, keines der darin genannten Probleme zu lösen. Insofern bleibt mein Buch hochaktuell.“

Avidan startet mit Vorwürfen gegen Israel

Israel sei „eine Demokratie, die von einer Minderheit regiert wird“, lautete nur einer von Avidans Vorwürfen an den Jüdischen Staat. Als Abdul-Ahmad Rashid sagte, er sei „irritiert, von einem Israeli solche Aussagen zu hören“, antwortete Avidan: „Ich versuche nett zu sein und meine Meinung zu sagen.“ Nur einen Atemzug später setzte er seine Kritik an Israel fort; die israelische Gesellschaft sei zu sehr auf Krieg fokussiert, was er unter anderem daran festmachte, dass es dort nur wenig Liedgut über den Frieden gebe. „Man muss mehr positiv in Richtung Frieden denken“, forderte er.

Igal Avidan nutze die Diskussion jedoch hauptsächlich dazu, sein neues Buch „Mod Helmy: Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete“ ausführlich vorzustellen. Das Buch handelt von dem ägyptischen Arzt Mohamed Helmy, der während der Nazi-Diktatur in Berlin mehreren Juden das Leben rettete. 2013 wurde dem 1982 verstorbenen Helmy von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem posthum die Medaille „Gerechter unter den Völker“ verliehen. „Der einzige Araber unter den Gerechten“, wie Abdul-Ahmad Rashid bemerkte.

Großmufti von Jerusalem kein Freund Hitlers?

Bei seinen Ausführungen zu Helmys Situation in der NS-Zeit sprach Avidan vom „gegen Juden und Araber gerichteten Rassismus“ der Nazis. Auf den in den letzten Jahren der Nazi-Diktatur in Berlin lebenden Großmufti von Jerusalem angesprochen, räumte er ein, dass dieser „tatsächlich versuchte, Juden zu bekämpfen“. Der Großmufti sei aber „kein Freund von Hitler“ gewesen, meinte Avidan. Auch musste der Buchautor einräumen, dass Mod Helmys Familie nicht bereit war, seine Ehrung entgegenzunehmen.

Je länger Igal Avidan über sein Buch, Mod Helmy und den heutigen Konflikt zwischen Israelis und muslimischen Palästinensern sprach, umso deutlicher offenbarte sich, dass sein Lösungsansatz lediglich darin bestand, Israelis und Palästinenser müssten nur mehr miteinander reden. So forderte er mehr „Begegnungen, um Feindbilder abzubauen“, sagte aber nichts zu den vielfältigen Bedrohungen, mit denen der Jüdische Staat seit seiner Gründung bis zum heutigen Tag konfrontiert ist. Beim Publikum aber kam diese romantische Betrachtungsweise gut an; Avidan bekam mehrfach Applaus, über den er sich sichtlich freute.

„Ich war beim Imam der Berliner Moschee“

Zum muslimischen Judenhass äußerte er sich fast gar nicht, stattdessen lobte er Muslime dafür, „Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie selber diskriminiert werden“. Als Beispiel dafür nannte Igal Avidan die Solidarität, die Berliner Muslime nach einem Angriff auf einen jungen Kippa-Träger vor wenigen Monaten seiner Ansicht nach gezeigt haben. „Ich war beim Imam der Berliner Moschee“, sagte er und berichtete von einer jungen Muslima, die zum Zeichen ihrer Solidarität eine Kippa auf ihrem Kopftuch getragen habe.

Was im Publikum in der Staatskanzlei aber nicht jeder wusste: Erst im April hatte Avidan den Imam der Neuköllner Begegnungsstätte in Berlin in einem Beitrag für den Deutschlandfunk vor der Feststellung des Verfassungsschutzes verteidigt, die umstrittene Begegnungsstätte habe Verbindungen zur Muslim-Bruderschaft.

Avidan bestreitet anti-israelische Haltung

Anti-israelische Positionen zu vertreten, bestritt Igal Avidan aber: Als mit Michael Naor zum Ende der Veranstaltung ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sagte, es sei „schade“, dass jemand, der „für seine anti-israelische Politik bekannt ist“, in dieser Runde zu Israel Stellung beziehe, wies Avidan das sofort zurück. „Diejenigen, die Versöhnung wollen, sind nicht anti-israelisch, eher die, die das verhindern“, kanzelte er Naor ab. Als Gitta Kleinberger aus der Jüdischen Gemeinde ihm vorhielt, Israelis bemühten sich seit langem, mit Palästinensern ins Gespräch zu kommen, antwortete er ausweichend: „Ich glaube, die Deutschen machen sich Sorgen um die Demokratie in Israel.“

Dass die Podiumsdiskussion dennoch nicht auf das Niveau von gewöhnlichem Israel-Bashing abglitt, war der sachlichen Moderation sowie den Nachfragen von Abdul-Ahmad Rashid und insbesondere der Präsenz von Burak Yilmaz zu verdanken. Der Duisburger Sozialarbeiter wurde durch sein Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ deutschlandweit bekannt: Einmal jährlich fährt Yilmaz mit jungen Muslimen nach Auschwitz, um ihnen die dortige KZ-Gedenkstätte zu zeigen und sie damit mit den Verbrechen der Nazi-Diktatur zu konfrontieren. Bei der Diskussion am Montag ließ spätestens seine Aussage „Juden tauchen im Geschichtsbuch 1933 auf und sind 1945 wieder weg“ aufhorchen. Yilmaz berichtete von einer Reise nach Israel, auf der es ihn überrascht habe, dort in erster Linie als Deutscher und nicht als Muslim wahrgenommen zu werden.

„Was ist der Ursprung des muslimischen Antisemitismus?“

Der Forderung der SPD-Politikerin Sawsan Chebli nach verpflichtenden Besuchen solcher KZ-Gedenkstätten erteilte Burak Yilmaz aber eine Absage: „Viele stellen sich das so vor, dass man nach einem Besuch in Auschwitz oder Dachau ein begeisterter Demokrat ist. Aber so ist das nicht“, erläuterte er. So habe ihm ein Teilnehmer einer solchen KZ-Besichtigung später gesagt: „Ich habe dort zum ersten Mal Empathie für meine Feinde gefühlt.“ Das rief Abdul-Ahmad Rashid auf den Plan, der wissen wollte: „Wir hören immer so viel vom muslimischen Antisemitismus. Was ist denn der Grund dafür? Was ist der Ursprung?“

Die Antwort von Burak Yilmaz fiel differenziert aus: Häufig kämen die Eltern antisemitischer Jugendlicher aus Gebieten, die einen direkten Krieg mit Israel erlebt haben, etwa dem Libanon. Fernseh-Serien, die über türkische TV-Stationen auch in Deutschland empfangen und gesehen werden, spielten dabei ebenfalls eine Rolle: „Das ist ganz klassischer Antisemitismus.“ Yilmaz nannte aber auch andere Ursachen: „Mündliche Überlieferungen des Propheten und Koran-Verse.“

„Duisburg Hochburg des türkischen Rechtsextremismus“

Muslimische Jugendliche, die begännen, sich mit ihrem Antisemitismus auseinanderzusetzen, erlebten dabei oftmals Schuldgefühle, schilderte er; zuerst gegenüber ihren Familien, aber auch „Schuldgefühle gegenüber Gott“. Zum Ende der rund 100-minütigen Diskussion ließ Burak Yilmaz erneut aufhorchen, indem er die Politik kritisierte, „die nicht wahrhaben will, dass Duisburg außerhalb der Türkei eine der Hochburgen des türkischen Rechtsextremismus ist“.

Damit erinnerte er so manchen Veranstaltungsteilnehmer an jahrelange Schlagzeilen über türkisch-rechtsextreme „Graue Wölfe“, die sich in Nordrhein-Westfalen bereits vor Jahren politisch organisiert, sich dabei hauptsächlich der CDU angeschlossen hatten und dort auch überwiegend geduldet wurden. Mitten im Amtssitz des CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet ging jedoch niemand auf seine Kritik ein. Nur wenige Minuten später war die Diskussion wieder beendet.

Bild von links: Igal Avidan, Abdul-Ahmad Rashid und Burak Yilmaz. Bildrechte: NRW.direkt

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