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Lebenslang für Marco G. gefordert

Düsseldorf/Bonn. Die Angeklagten seien vom „Hass auf Ungläubige und die westliche Welt“ motiviert gewesen. Das betonte die Bundesanwaltschaft am Montag in ihrem Plädoyer beim Salafisten-Prozess. Für Marco G. wurde lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere seiner Schuld gefordert. Für seine drei Mitangeklagten wurden 14, 13 sowie 11 Jahre Haft gefordert.

Unter dieser Sitzbank auf Bahnsteig 1 des Bonner Hauptbahnhofs wurde die blaue Sporttasche mit der Bombe gefunden (Bild: NRW.direkt)

149 Verhandlungstage lang zeigte der gebürtige Oldenburger Marco René G. im Hochsicherheits-Gerichtssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts nur wenig Regungen: Seine drei Mitangeklagten begrüßte er morgens mit fröhlichem „Salem aleikum“, danach versank er stets in demonstratives Desinteresse. Die nur wenige Meter von ihm entfernt sitzenden Journalisten waren für ihn Luft, Richter und Staatsanwälte beschimpfte er anfänglich als „dreckige Ungläubige“ oder „Juden“, schenkte ihnen aber darüber hinaus keine Beachtung. Gelegentlich klopfte er an die Panzerglasscheibe, um einen seiner Anwälte zu sprechen.

Am Montag aber bot er ein anderes Bild: Den Pressevertretern begegnete Marco G. mit einem eher hilflos wirkenden Grinsen, mehrfach blätterte er nervös im Koran oder bewegte seine Lippen zum Gebet. Grund war das Plädoyer der Bundesanwaltschaft, die für ihn nicht nur lebenslange Haft, sondern auch noch die Feststellung der besonderen Schwere seiner Schuld forderte. Für seine drei Mitangeklagten, denen lediglich die Beteiligung am versuchten Attentat auf den Pro NRW-Chef angelastet wurde, forderte die Bundesanwaltschaft 14, 13 sowie 11 Jahre Haft. Marco G. wurde das versuchte Attentat und darüber hinaus auch noch der versuchte Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 vorgeworfen.

„Koalition aus Kreuzzüglern und Zionisten“

In dem mehr als fünfstündigen Plädoyer riefen die drei Vertreter der Bundesanwaltschaft detailliert in Erinnerung, was die Beweisaufnahme in letzten 29 Monaten ergeben hatte: Marco G. und seine drei Mitangeklagten seien „strenggläubige Muslime, die von der Überlegenheit ihrer Religion überzeugt sind“ und sich „den Ungläubigen gegenübersehen“, die sie als „Koalition aus Kreuzzüglern und Zionisten“ betrachten.

Damit griff eine Staatsanwältin jenes Vokabular auf, das Marco G. in seinen Briefen aus der Haft immer wieder benutzt hatte. In diesen Briefen hatte er auch islamistische Terror-Anschläge in New York, Madrid sowie Paris als „gesegnete Anschläge“ bezeichnet, die von „tugendhaften“ Attentätern begangen wurden. Oder gefordert, „der Jihad müsse vor die eigene Haustür getragen werden“, denn Deutschland habe sich an den „zionistischen Kreuzzügen der USA beteiligt“. Das Grundgesetz bezeichnete er als „menschengemachten Dreck“.

Fotos hatten gezeigt, wie schnell Marco G. nach seiner Konvertierung sein Äußeres verändert hatte; er ließ sich einen Vollbart wachsen und trug traditionelle muslimische Männerkleidung, seine Frau präsentierte sich vollverschleiert. Nach einem Besuch in der Berliner Al-Nur-Moschee sprach er Ende 2010 zum ersten Mal davon, etwas „gegen Nicht-Muslime zu machen“ und „Ungläubige“ zu töten. „Diese ganzen Ungläubigen da draußen wissen gar nicht, was ihnen bald passiert; sie werden Blut weinen“, schrieb er in einer E-Mail. Er habe „einen Plan gegen die dreckigen Ungläubigen, der uns Allahs Wohlgefallen bringen wird“, hieß es weiter. Eine Auswertung seines Laptops hatte ergeben, dass er bereits 2011 im Internet nach Zündern gesucht hatte.

Mohammed-Karikaturen als Auslöser und Legitimation seiner Pläne

Die von der wegen ihrer islamfeindlichen Grundhaltung vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei Pro NRW im Mai 2012 gezeigten Mohammed-Karikaturen seien für Marco G. nur der Tropfen gewesen, „der das Fass zum Überlaufen brachte“, aber gleichzeitig auch die Legitimation für seinen schon lange gehegten Wunsch nach der Tötung möglichst vieler „Ungläubiger“. Denn nach islamistischer Lesart ist die Tötung von Bürgern westlicher Staaten eine legitime Rache für die vermeintliche Beleidigung des Propheten.

Damit sei Marco G. zur Tat geschritten, habe sich mit Hilfe von Bauanleitungen aus dem Internet an den Bombenbau gemacht und die dazu notwendigen Materialien unter falschem Namen bestellt. Dass die am 10. Dezember 2012 gegen 13 Uhr auf dem Bahnsteig 1 des Bonner Hauptbahnhofs in einer blauen Sporttasche abgestellte Bombe nicht explodiert ist, sei nur einem Konstruktionsfehler und „einem Quäntchen Glück“ zu verdanken gewesen, so Oberstaatsanwältin Duscha Gmel. Sonst hätte es über mehrere Meter einen Feuerball gegeben und die Splitterwirkung der Bombe wäre für die Menschen in ihrer Nähe tödlich gewesen.

„Geistiger Urheber des Attentats“

Dass er nur kurz nach dem gescheiterten Bombenanschlag seine Ausspähfahrten von Wohnadressen der Pro NRW-Funktionäre wieder aufgenommen hatte, belegt nach Ansicht der Bundesanwaltschaft seine Gefährlichkeit und seine kriminelle Energie. Mit seinen Mitangeklagten Enea B., Koray D. und Tayfun S. habe Marco G. dann die erste islamistische Terror-Gruppe in Deutschland gegründet, um Mitglieder von Pro NRW zu ermorden. Bei diesem Plan sei er „der geistige Urheber“ gewesen. Im Februar 2013 sagte er Tayfun S., er werde den genauen Termin für den „Abflug“ telefonisch mitteilen, der „Bruder“ solle sich bereithalten. Damit dürfte Enea B. gemeint gewesen sein, der wegen seiner Ausbildung bei einer albanischen Spezialeinheit für die Rolle des Schützen vorgesehen war. Der Albaner hatte bereits im letzten Jahr gestanden, dass er den Pro NRW-Chef zusammen mit Marco G. töten und dabei der Schütze sein wollte.

Aber auch nach dem gescheiterten Attentat und der Verhaftung der vier Salafisten am 13. März 2013 habe Marco G. „seine erhebliche kriminelle Energie immer rasanter gesteigert“. So erinnerte Duscha Gmel an Zeugenaussagen, nach denen sich Marco G. im Gefängnis als „für Allah tätig“ zu erkennen gegeben und gesagt habe, er wolle eine Gruppe zusammenstellen, die nach der Haft „auf Leute losgehe“.

Als die Oberstaatsanwältin das geforderte Strafmaß und die besondere Schwere der Schuld mit seiner kriminellen Energie begründete, spielte sie auf Zeugenaussagen an, die Marco G. vor seiner Konvertierung als eher antriebsschwachen und unterwürfigen Menschen schilderten. Es sei erstaunlich, so Gmel, dass er beim späteren Bombenbau sowie dem geplanten Attentat so viel Energie und Gründlichkeit gezeigt habe. Insbesondere seine Gründlichkeit beim Bau der Bombe wertete sie als Beleg dafür, dass er niemals eine Attrappe beabsichtigt haben könne. Auch sei eine bloße Bombenattrappe nicht mit seinen Gewaltphantasien zu vereinbaren gewesen. Marco G.s Verteidiger hatten stets argumentiert, bei der Bombe sei kein Zünder gefunden worden, womit allenfalls eine Bombenattrappe in Betracht komme.

Vom Kleinkriminellen zum gefährlichen Terroristen

Womit aber auch erneut die Frage im Raum stand, wie Marco G. vom Kleinkriminellen, der bereits mit dem Hauptschulabschluss Probleme hatte, zum gefährlichen Terroristen werden konnte. Am ehesten konnte das in dem Mammut-Prozess noch mit dem Gutachten des Psychiaters Norbert Leygraf erklärt werden, der Marco G. volle Schuldfähigkeit attestiert und davon gesprochen hatte, dass dieser als Jugendlicher nur ein geringes Selbstwertgefühl hatte. Jetzt aber sehe sich Marco G. selbst als religiöse Autorität und „lebe ein überhöhtes Selbstwertgefühl“.

Damit hatte der heute 29-Jährige aber seine Bedeutung überschätzt: In seinen Briefen aus der Haft appellierte er mehrfach an die Umma, die Solidarität der Muslime, und begründete damit die Forderung nach seiner Befreiung. In einem der Briefe phantasierte er bereits darüber, wie die SEK-Männer, die ihn bis heute mit einem Polizeihubschrauber von der Haftanstalt zum Gericht und wieder zurück bringen, „in ihrem eigenen Blut liegen und um Gnade winseln“ werden.

Aber niemand reagierte darauf oder versuchte gar, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. Und seine eigenen Versuche mit Rasierklingen und einem zu einer Waffe umgebauten Kugelschreiber brachten ihm nur weitere Sicherungsmaßnahmen ein, waren aber für einen Ausbruch viel zu untauglich. Jetzt droht ihm für den Rest seines Lebens das, was er in einem Brief an seine Mutter als die „Gefangenschaft bei den Kreuzzüglern“ bezeichnet hatte. Denn eine besondere Schwere der Schuld würde bedeuten, dass er auch nach 15 Jahren nicht entlassen werden kann.

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