Düsseldorf Panorama

Mit Stacheln gegen Antisemitismus

Düsseldorf. Mit dem Anbringen der Mesusa wurde die Antisemitismus-Servicestelle der Jüdischen Gemeinde am Donnerstag offiziell eröffnet. Bei dem Festakt wurde erstmals auch offiziell ausgesprochen, dass viele Juden überlegen, ob sie noch in Deutschland bleiben sollen.

Zwischen 50 und 60 geladene Gäste kamen am frühen Donnerstagnachmittag zu einem Festakt der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, mit dem die Antisemitismus-Servicestelle „Sabra“ offiziell eröffnet wurde. Unter den Gästen waren auch die Düsseldorfer Flüchtlingsbeauftragte Miriam Koch (Grüne) und Diakonie-Pfarrer Thorsten Nolting. Die Landtagsabgeordnete Verena Schäffer (Grüne) ließ sich durch eine Mitarbeiterin vertreten. Aus Sicherheitsgründen wurde der Festakt nicht vorab öffentlich bekanntgemacht.

Das aus einer Juristin und einer Theaterpädagogin bestehende Team von „Sabra“ hatte bereits im Juni seine Arbeit aufgenommen. Offiziell eröffnet wurde die Beratungsstelle aber erst am Donnerstag mit dem Anbringen der Mesusa, einer im Judentum wichtigen Schriftkapsel am Türpfosten, durch Rabbiner Benzion Dov Kaplan.

Olga Rosow, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde, wies in ihrer kurzen Ansprache darauf hin, dass Sabra die Abkürzung für „Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus“, gleichzeitig aber auch das hebräische Wort für Kaktus sei. Dies sei auch das Selbstverständnis der Beratungsstelle: „Wir wollen stachelig und unbequem sein“, sagte Rosow. „Und leider Gottes gibt es sehr viel Bedarf, das sehen wir an den Anfragen.“

„Viele überlegen, ob sie noch in diesem Land bleiben sollen“

Ähnlich äußerte sich Oded Horowitz, der davon sprach, dass es „höchste Zeit“ gewesen sei, die Beratungsstelle zu eröffnen. „Sogar unsere Kinder werden inzwischen im Kindergarten angepöbelt. Das war früher nicht so“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. „Viele überlegen, ob sie tatsächlich noch in diesem Land bleiben sollen.“

Damit überraschte Horowitz viele der Gäste, denn solche Aussagen sind in den Jüdischen Gemeinden der Region zwar seit Jahren regelmäßig abseits offizieller Reden zu hören – galten aber im offiziellen Teil von Veranstaltungen bislang als Tabu. Rosows Aussagen zu stacheligen Kakteen ergänzte Oded Horowitz, indem er davon sprach, dass ein Kaktus zwar äußerlich bedrohlich, in seinem Inneren aber „süß und wohlschmeckend“ sei.

Auf die Urheber des zunehmenden Antisemitismus wurde am Donnerstag jedoch nicht eingegangen. Erst im Mai hatte eine Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf für Wirbel gesorgt, auf der jüdische Schüler öffentlicher Schulen einem Gesandten der israelischen Botschaft vom Mobbing durch muslimische Mitschüler berichtet hatten. Anschließend sprach eine Vertreterin der Schulaufsicht davon, dass „hier Religionen und Kulturen aufeinanderprallen“.

Sabra soll beraten und antisemitische Vorfälle erfassen

Die Beratungsstelle Sabra gehört zum Programm der Integrationsagenturen des Landes NRW. Träger ist die Jüdische Gemeinde Düsseldorf. Das Angebot richtet sich an alle, die in Nordrhein-Westfalen von Antisemitismus sowie in Düsseldorf von Rassismus oder Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Damit sollen auch antisemitische Vorfälle erfasst werden, die unterhalb der strafrechtlichen Schwelle liegen.

Wer das Angebot in Anspruch nehmen möchte, kann unter der Telefonnummer 02 11 – 94 19 59 88 oder der E-Mail-Adresse sabra@jgdus.de mit dem Sabra-Team Kontakt aufnehmen. Dabei wird die Identität der Betroffenen entsprechend geschützt. In den nächsten Wochen soll die Webseite www.sabra-jgd.de online gehen, auf der antisemitische Vorfälle gemeldet werden können. Damit soll das Gesamtbild der in Nordrhein-Westfalen lebenden Juden besser erfasst werden.

Bild: Rabbiner Benzion Dov Kaplan beim Anbringen der Mesusa. Bildrechte: NRW.direkt

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