Düsseldorf Politik

Nahost-Korrespondent Ulrich Sahm zeigt sich düster

Düsseldorf. Bei seinem Vortrag zu den deutsch-israelischen Beziehungen bot der Journalist Ulrich Sahm am Donnerstag spannende historische Details, so etwa zur Verbindung des Großmuftis von Jerusalem mit den Nazis. Sein Ausblick aber gefiel nicht jedem. „Ich habe keine Prognose für die Zukunft. Ich sehe nur düster“, sagte der langjährige Nahost-Korrespondent.

Rund 150 Menschen kamen am frühen Donnerstagabend in den Leo-Baeck-Saal der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, um einen Vortrag des in Jerusalem lebenden Journalisten Ulrich Sahm zu hören. Auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie der Jüdischen Gemeinde sollte der langjährige Nahost-Korrespondent über die deutsch-israelischen Beziehungen „von Adenauer bis Merkel und Gabriel“ referieren.

Nachdem er mit viel Beifall empfangen wurde, begann Ulrich Sahm provokant: Anstatt mit Konrad Adenauer zu beginnen, holte er weiter aus und begann seinen Vortrag mit Adolf Hitler und dem Großmufti von Jerusalem, der ab 1941 als Hitlers Gast in Berlin weilte. Dort betrieb der Großmufti einen Radiosender, der in der arabischen Welt „außerordentlich populär“ gewesen sei. Sahm schwenkte kurz ab und sprach davon, dass „zusammen mit den sogenannten Migranten“ auch der „neue islamische Antisemitismus“ nach Deutschland gekommen sei. „Ich muss Ihnen nicht erzählen, welche Auswirkungen das hat.“

Was für einen kurzen Moment wirkte, wie der Beginn einer Diskussion über die deutsche Flüchtlingspolitik und die Kritik des Mode-Designers Karl Lagerfeld daran, wurde von Ulrich Sahm jedoch schnell anders eingeordnet: Er zeigte auf, wie das, was „direkt aus Berlin in die arabische Welt getragen wurde“, dort die Einstellungen der Menschen zu den Juden verändert habe. „Mit dem Antisemitismus des Mufti waren Juden nicht mehr Dhimmis, sondern eine Rasse.“ In den Zeitungen der arabischen Welt habe es daraufhin Karikaturen über Juden gegeben, „die direkt vom Stürmer übernommen wurden“. Sahm sprach davon, dass Hitlers „Mein Kampf“ bis heute in der arabischen Welt ein Bestseller sei und Deutsche dort gefragt werden, warum sie „ihr Werk nicht beendet haben“.

Von der „Wiedergutmachung“ zur 1994 beendeten Entwicklungshilfe

Danach schilderte der Journalist die deutschen Wiedergutmachungsleistungen nach der Shoah, bei denen „kein Pfennig geflossen sei“, da sie bis 1962 im Form von Infrastruktur-Lieferungen nach Israel erfolgt seien. Danach seien diese Leistungen in Form eines Entwicklungshilfe-Kredits weitergeführt worden, der aber 1994 mit der Aufnahme Israels in die OECD von deutscher Seite beendet wurde. Seine Ausführungen zur deutschen Israel-Politik blieben knapp, so erinnerte Ulrich Sahm lediglich an einige für ihn bemerkenswerte Details, etwa die Weigerung des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD), beim für Israel existenziell bedrohlichen Yom-Kippur-Krieg 1973 US-amerikanischen Flugzeugen mit Waffen und Munition die zum Auftanken erforderliche Zwischenlandung in Deutschland zu verweigern.

Zur Außenpolitik von Helmut Schmidt oder Helmut Kohl sagte er nichts, stattdessen ging es von der Kanzlerschaft Willy Brandts schnell zu den heutigen deutschen Außenpolitikern. Als er die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor dem israelischen Parlament ansprach, in der sie gesagt hatte, dass das Existenzrecht sowie die Sicherheit Israels in Deutschland „Staatsräson“ sei, zeigte er sich plötzlich spöttisch: „Dummerweise hat sie nie gesagt, was sie damit eigentlich gemeint hat. Will sie die Bundeswehr schicken, wenn es Israel so richtig dreckig geht? Um Gottes Willen, die ist doch gar nicht einsatzfähig!“

„Siggi Gabriel ist eine problematische Figur“

Den geschäftsführenden Außenminister Sigmar Gabriel (SPD), den er „Siggi Gabriel“ nannte, bezeichnete Sahm als „problematische Figur“. Im Publikum stieß das sofort auf Zustimmung. Bei dem SPD-Politiker wurde Sahm ausführlicher und ging unter anderem auf dessen Facebook-Beitrag ein, in dem Gabriel Israel nach einem Besuch in Hebron als „Apartheid-Regime“ bezeichnet hatte. Nachdem er dies kommentiert hatte, habe sich Gabriel von ihm entfreundet, erzählte Sahm.

Auffällig bei seinen Aussagen zu Angela Merkel und Sigmar Gabriel war jedoch, dass Ulrich Sahm zu aktuellen Kontroversen, etwa der ablehnenden deutschen Haltung auf die von US-Präsident Donald Trump angekündigte Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem – und damit der offiziellen Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch die USA – kein einziges Wort sagte.

„Mit dem Begriff Palästinenser wird Geschichtsklitterung betrieben“

Spannend und informativ war sein mehr als 100-minütiger und damit ungewöhnlich langer Vortrag jedoch stets dann, wenn es um jene historische Details ging, die für ein Grundverständnis zum israelisch-palästinensischen Konflikt eigentlich elementare Bedeutung haben, aber dem breiten Publikum dennoch kaum bewusst sind. So etwa, als er detailliert darlegte, dass die UNO noch 1950 von „arabischen Flüchtlingen aus Palästina“ gesprochen habe und den Begriff „Palästinenser“ erst 1974 in ihren Sprachgebrauch übernommen habe. Erstmals sei dieser Begriff 1968 in der zweiten PLO-Charta aufgetaucht. Mit diesem Begriff werde bis heute „Geschichtsklitterung“ betrieben, meinte der Journalist, der auch darlegte, dass der Begriff „Antizionismus“ 1968 „von den Sowjets erfunden und nach Westeuropa getragen“ wurde.

Erneut spöttisch wurde Ulrich Sahm, als er von der Zeitung „Haaretz“ sprach, die „immer nur die Wahrheit schreibt“ und „mindestens so seriös wie die New York Times“ sei. Die von Wikipedia als „Leitmedium des Landes“ bezeichnete Tageszeitung Haaretz gilt in Israel als linksliberales Blatt, ähnlich wie die New York Times in den USA. Bei deutschen Journalisten ist Haaretz als Quelle jedoch zumeist beliebter als die konservative Jerusalem Post.

Die rote Linie, die sich dabei immer wieder durch seinen Vortrag zog, war aber nicht die deutsche Israel-Politik, sondern die wirtschaftlichen Vorteile, die Arabern durch ihre Anerkennung als palästinensische Flüchtlinge gewährt wurden. Seine Anmerkungen und Formulierungen offenbarten mit zunehmender Deutlichkeit, dass Ulrich Sahm darin offenbar das Haupthindernis für Lösungen sieht.

„Für eine Zwei-Staaten-Lösung brauchen Sie zwei Staaten“

Damit enttäuschte er aber auch jene Teile des von Hiobsbotschaften geplagten Publikums, die sich von seinem Vortrag Lösungen, Perspektiven oder vielleicht auch nur ein wenig Hoffnung erwartet hatten. Als ein Besucher ihn zu seiner Lösung befragte, antwortete Ulrich Sahm: „Wer bin ich, ein deutscher Journalist, den Israelis zu sagen, was sie tun sollen?“. Ähnlich schroff antwortete er auf die Frage nach der Zwei-Staaten-Lösung: „Für eine Zwei-Staaten-Lösung brauchen Sie zwei Staaten.“ Damit würden die Palästinenser aber keine Hilfsgelder mehr bekommen, sondern nur noch Entwicklungshilfe. „Davon können Sie nicht reich werden. Und die Palästinenser sind mit all den Hilfsgeldern reich geworden.“

Nachdem Ulrich Sahm plötzlich sagte „Ich habe keine Prognose für die Zukunft. Ich sehe nur düster“, verließen mehrere Besucher den Leo-Baeck-Saal. Möglicherweise wusste der Journalist diese Publikumsreaktion nicht zu deuten, denn Sahm reagierte auf Fragen nach möglichen Auswegen und Lösungen auch weiterhin zurückweisend: „Falsch, richtig, wer weiß es?“ Kurz darauf wurde die Veranstaltung wieder beendet.

Bild: NRW.direkt

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