Panorama

Narrenfreiheit nur wenig genutzt

Düsseldorf. Rund 450.000 Jecken bejubelten den Rosenmontagszug. Die mit Spannung erwarteten Mottowagen offenbarten jedoch fast nur Sichtweisen, die auch ohne Narrenfreiheit überall zu hören und zu lesen sind. Zum ersten Mal in der Geschichte des Zugs war auch die Jüdische Gemeinde mit einem eigenen Wagen dabei.

Der Mottowagen mit US-Präsident Donald Trump (Bilder: NRW.direkt)

„Der politischste Rosenmontagszug Deutschlands: Bissige politische Satire, mutig und kontrovers“ – so loben die Düsseldorfer ihren Karnevalsumzug. Ein Selbstverständnis, das an den traditionellen Karneval anknüpfen soll, mit närrischer Kritik an den Herrschenden, bei der unter dem Schutz der Narrenfreiheit all das gesagt werden darf, was sonst nicht gesagt werden darf. Hauptgrund für das Düsseldorfer Selbstlob sind die Karnevalswagen von Jacques Tilly, die jedes Jahr mit großer Spannung erwartet werden.

Tatsächlich spiegeln Tillys Wagen aber zumeist genau dasselbe Bild wider, das von den damit porträtierten Politikern bereits in den meisten Medien zur Genüge gezeichnet wurde. Damit war es auch keine Überraschung, dass beim diesjährigen Rosenmontagszug erneut US-Präsident Donald Trump geschmäht wurde; dieses Mal wurde Trump am Boden liegend von einem russischen Bären penetriert. Erwartungsgemäß bekam auch die AfD ihr Fett weg; deren Chef Alexander Gauland wurde mit einem verkümmerten liberalen und einem seine Schwingen erhebenden rechtsextremistischen Flügel gezeigt.

Mottowagen ganz im Rahmen des Mainstreams

So sieht Jacques Tilly FDP-Chef Christian Lindner (Bilder: NRW.direkt)

FDP-Chef Christian Lindner wurde als „feiger Demokrat“ verhöhnt, der mit vollen Hosen vor der Regierungsverantwortung wegläuft. Auch die Darstellung der britischen Premierministerin Theresa May, die mit dem Brexit eine Missgeburt zur Welt bringt, war exakt im Rahmen der Sichtweisen großer deutscher Medien. Gleiches gilt auch für den ungarischen Regierungschef Viktor Orban sowie den ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski, die beide als rechte Diktatoren dargestellt wurden.

Eher milde hingegen war auch in diesem Jahr die närrische Kritik an den im eigenen Land Herrschenden: Noch-SPD-Chef Martin Schulz kurbelte sich mit hochrotem Kopf selbst durch den Fleischwolf. „Selber Schulz“, war darauf zu lesen. Auf der Brust seiner Nachfolgerin Andrea Nahles prangte der Schriftzug „Genossen, das Ende ist NAHles!“, auf ihren Fäustlingen stand „Bätschi“ und „In die Fresse“. Brisante und kontrovers diskutierte politische Themen blieben bei den Mottowagen fast völlig außen vor.

Merkel als „Schwarze Spinne“

Der Wagen der Jüdischen Gemeinde (Bilder: NRW.direkt)

Und Bundeskanzlerin Angela Merkel? Die wurde als „schwarze Spinne“ gezeigt, die ihre Gegner lustvoll verspeist. Eine Darstellung, die vor Jahren noch aktuell und damit auch tatsächlich mutig gewesen wäre. Die aber im Jahr 2018, gar so kurz nach der kläglichen Rolle, die die CDU in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD gespielt hat, schon fast schmeichelhaften Charakter erlangt.

Spaß hatten die Jecken trotzdem, wofür auch die „Toten Hosen“ gesorgt haben, die auf einem der insgesamt 126 Karnevalswagen ein Überraschungskonzert gaben. Hinzu kam noch eine Premiere: Zum ersten Mal in der Geschichte des Düsseldorfer Rosenmontagszugs war die Jüdische Gemeinde mit einem eigenen Wagen dabei. Darauf abgebildet war der Dichter Heinrich Heine als größter jüdischer Sohn der Stadt. Begrüßt wurde der Wagen mit einem kräftigen „Schalom“, zur Antwort gab’s koschere Kamelle. Ebenfalls erfreulich: Die Polizei hatte während des Rosenmontagszugs keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen.

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