Mönchengladbach Panorama

Neue Tora-Rolle feierlich eingeweiht

Mönchengladbach. Wegen eines unerwarteten Wintereinbruchs musste die neue Tora-Rolle der Jüdischen Gemeinde am Sonntag bei dichtem Schneetreiben in deren Synagoge gebracht werden. Die aktuelle Bedrohungslage für Juden in Deutschland wurde bei den Feierlichkeiten mehrfach in verschlüsselter Form angesprochen. „Wir wissen nicht, wie es für uns weitergeht“, sagte die Gemeindevorsitzende Leah Floh.

Mit 304.805 hebräischen Buchstaben sind in der Tora 613 Vorschriften für Juden niedergeschrieben, 248 Gebote und 365 Verbote. Damit ist die Tora für Juden das Fundament ihrer Existenz. Geschrieben wird eine Tora-Rolle in Israel mit der Hand eines speziell dafür ausgebildeten Sofer. Zumeist dauert es rund ein Jahr, bis der Sofer seine Arbeit beendet hat. Dann wird die Tora-Rolle mit dem Niederschreiben der letzten Buchstaben vollendet sowie mit einem fröhlichen Fest in die jeweilige Synagoge gebracht und eingeweiht.

Mit einem plötzlichen Wintereinbruch und Schneetreiben hatte am Sonntag in Mönchengladbach jedoch niemand gerechnet. Also beließen es Rabbiner Yitzhak Hoenig und die Gemeindevorsitzende Leah Floh bei kurzen Reden, als sich die Gemeindemitglieder und mehrere lokale Politiker am frühen Nachmittag am Standort der 1938 niedergebrannten Synagoge trafen. Danach ging es mit Klezmer-Musik und unter Polizeischutz bei dichtem Schneetreiben in das 1963 als Provisorium eingerichtete Gemeindezentrum.

Shoah-Überlebender spendete Tora-Rolle

Dort sammelten sich rund 120 Menschen in der Synagoge, um der Einweihungszeremonie beizuwohnen. Zu den Rednern gehörte auch der Spender der neuen Tora-Rolle, Icek Ostrowicz. Der Shoah-Überlebende, dessen Eltern im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden, hatte der Gemeinde bereits 2011 eine Tora-Rolle gespendet. Die neue Tora-Rolle widmete Ostrowicz seinen drei jüngeren Geschwistern und Verwandten, die ebenfalls in der Shoah umgekommen sind. Nach dem religiösen Teil der Zeremonie sprach ihm Leah Floh ihren Dank für seine erneute Spende aus.

Die aktuelle Bedrohungslage für Juden in Deutschland wurde bei den Feierlichkeiten jedoch nur verschlüsselt oder gar nicht angesprochen. In der jüngeren Vergangenheit hatten Vertreter Jüdischer Gemeinden mehrfach darauf hingewiesen, dass sich ihre Mitglieder in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Zumeist wurde die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen aus dem arabischen Raum als Grund genannt. Erst am Freitag hatte die Jüdische Gemeinde Mönchengladbach aus Anlass der aggressiven Reaktionen auf die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem in einer Erklärung auf die Angst insbesondere älterer Gemeindemitglieder vor Übergriffen durch Muslime hingewiesen. Am Ende der Erklärung hieß es: „Wir würden uns über mehr Verständnis und Unterstützung freuen.“

„Wir wissen nicht, wie es für uns weitergeht“

Bei der Einweihung der Tora-Rolle aber vermied es Leah Floh, die Urheber der Bedrohung beim Namen zu nennen: „Es ist sehr schwierig, als Jude in Deutschland zu leben. Wir wissen nicht, wie es für uns in Deutschland und in Mönchengladbach weitergeht. Wir wissen das und Sie wissen das.“ Yitzhak Hoenig, der noch am 9. November davon gesprochen hatte, dass Juden „insbesondere seit der großen Welle von Einwanderung mehr Hass erleben“, fasste sich dazu ebenfalls kurz: „Leider sind wir auch heute Zeugen davon, dass sich antisemitische und antizionistische Gruppen zusammentun.“ Am Freitag hatten 1.200 überwiegend muslimische Menschen in Berlin gegen die Verlegung der US-Botschaft in Israel demonstriert und dabei auch Parolen wie „Allahu akbar“ und „Tod Israel“ gerufen sowie israelische Flaggen verbrannt.

Entsprechend groß war die Neugier in der Synagoge, ob und was die als Gäste geladenen Politiker zur Situation der Juden in Deutschland sagen. Aber nur Staatssekretär Nathanael Liminski (CDU), der ein Grußwort von Ministerpräsident Armin Laschet überbrachte, ging kurz darauf ein: „Leider häufen sich die Berichte darüber, dass jüdische Schüler angepöbelt werden. Das muss mit voller Härte bestraft werden, egal, ob es sich um Deutsche oder um Zuwanderer aus dem arabischen Raum handelt.“ Der Mönchengladbacher Oberbürgermeister Hans-Wilhelm Reiners (ebenfalls CDU) hingegen beschränkte sich auf die Feststellung, dass Juden „zu diesem Land und zu Mönchengladbach gehören“. Zur Bedrohung der in Deutschland lebenden Juden sagte er erneut nichts. Beendet wurde die Zeremonie mit der Hatikva, der Nationalhymne Israels.

Bild: Leah Floh (vorne), Yitzhak Hoenig (mit Trommel) und andere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde mit der neuen Tora-Rolle auf dem Weg zur Synagoge. Bildrechte: NRW.direkt

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