„Nie wieder!“

Solingen. „Freiheit ist zerbrechlich“, so der Historiker Fritz Stern. Dass immer wieder neu um Freiheit gerungen werden muss, zeigt das Kunstmuseum eindrucksvoll. Am Beispiel geächteter Künstler spürt es die verheerenden Folgen autoritärer Herrschaft im 20. Jahrhundert auf.

Kunstmuseum Solingen (Bild: NRW.direkt)

Kunstmuseum Solingen (Bild: NRW.direkt)

„Die Menschen verschließen sich und wollen betrogen sein. Aus Feigheit wird Niedertracht“, so der verfolgte Künstler Georg Netzband.

Für ganz Europa ist das „Zentrum für verfolgte Künste“ im Kunstmuseum Solingen der Ort, wo Besucher den grausamen Schicksalen einzelner Künstler und ihrer Auseinandersetzung mit der fürchterlichen Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten begegnen können. In Solingen setzt man nicht nur auf „große“ und bekannte Namen. Hier wird dokumentiert, wie eine ganze Generation von Künstlern mit verblüffenden Werken einfach weggewischt wurde. Man spricht von der „verschollenen Generation“.

„Entartete Kunst“

Hitler entnahm den Begriff „Entartete Kunst“ der Schrift „Entartung“ des Arztes Max Nordau, der die Degeneration der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts rassentheoretisch begründete. Infolge dieser Theorie wurden nach Hitlers Machtergreifung nicht nur alle Kunstwerke jüdischer Künstler konfisziert, die nicht dem Kunstverständnis und dem naturalistischen Ideal des Regimes entsprachen und aus den Museen verbannt. Alles Moderne war verdächtig, vom Expressionismus bis hin zum Fauvismus. Moderne Künstler galten als geisteskrank, durften nicht mehr malen, verloren ihre Anstellungen in Akademien und Schulen, wurden schikaniert, verhört und verfolgt, sogar ermordet. Alle Sparten der Kunst waren von der sogenannten „Säuberung“ betroffen. Was mit der Bücherverbrennung im Mai 1933 begann, setzte sich 1937 in München mit der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ fort. Diese sollte die Künstler aufs Übelste lächerlich machen.

Die Sammlung Dr. Gerhard Schneider

Es ist vor allem dem Lehrer und Antiquar Dr. Gerhard Schneider zu verdanken, die in zwei Diktaturen des 20. Jahrhunderts „gesäuberte“ Kunstlandschaft mit seiner Sammlung aufgearbeitet zu haben. Ihn interessieren dabei nicht nur die künstlerisch wertvollen Gemälde und Grafiken, sondern ebenso die Biografien der geächteten Künstler. Exemplarisch für die hohe Dichte seiner Sammlung demaskieren insbesondere Gemälde von Georg Netzband und Oscar Zügel sowie die Skulpturen der Bildhauerin Milly Steger die Untaten der Nationalsozialisten. Besonders auffallend dabei Netzbands Bild „Der Sieger“ als triumphierender Tod auf einem Leichenberg. Er vergrub seine Arbeiten in Blechdosen in seinem Garten.

Bunt und in kubistischen Formen malte Oscar Zügel neben dem „Propagandaminister“ das Bild „Ikarus“, der stilisiert als Hakenkreuz fliegend zur Erde fällt. An den Radierungen von Leo Haas kann der Betrachter nicht mehr unberührt vorbeigehen. Spätestens hier erschüttern ihn die im KZ heimlich gezeichneten Radierungen zu den unvorstellbaren Grausamkeiten in den Lagern. Die Ausstellung in Solingen ist eindringlich und macht nachdenklich. Nie wieder darf so etwas geschehen.

Kunstmuseum Solingen, Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Telefon 02 12 – 25 81 40 oder E-Mail info@kunstmuseum-solingen.de.

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Über den Autor

Brigitta Dahlmann

Redakteurin für Kultur bei NRW.direkt seit Dezember 2015.