Justiz Mönchengladbach

Opfer eingesperrt und 20 Mal vergewaltigt?

Mönchengladbach. Wollte Abdirazak H. seine Frau im Regionalexpress mit einem Messer töten, weil sie nach rund 20 Vergewaltigungen vor ihm flüchtete? Der Somalier bestreitet das und bezeichnet sie als „Lügnerin“, die immer nur „Schwierigkeiten“ gemacht habe. Zeugenaussagen boten am Mittwoch einen verstörenden Einblick in die Welt, in der das Opfer mitten in Deutschland leben musste.

Landgericht Mönchengladbach (Bild: NRW.direkt)

Der Prozess gegen den 23-jährigen Abdirazak H. wurde am Mittwoch vor dem Mönchengladbacher Landgericht fortgesetzt. Dem Somalier wird unter anderem vorgeworfen, seine ehemalige Lebensgefährtin am 24. Mai in einem Regionalexpress zwischen den Mönchengladbacher Bahnhöfen Rheydt und Odenkirchen mit einem Messer zu töten versucht zu haben. Zum Prozessauftakt hatte der 23-Jährige einen Messerstich eingeräumt, aber ihm ebenfalls angelastete Vergewaltigungen bestritten.

Erst am Montag hatten mehrere Mitreisende das blutige Szenario geschildert, dass sich ihnen im Zug geboten hatte: Als die Frau um Hilfe rief, hätten Fahrgäste auf deutsch auf den Mann eingeredet, damit aufzuhören, und mit der Polizei gedroht, schilderte ein Zeuge. Ein anderer berichtete, zwei Sekunden lang in eine Schockstarre gefallen zu sein, nachdem jemand „Der Mann hat ein Messer“ gerufen habe. Nachdem die Frau über eine Minute um Hilfe geschrien hatte, habe er „fünf bis sechs Blutlachen gesehen“.

„Es ist ein anderes Frauenbild“

Am Mittwoch begannen die Zeugenaussagen mit einer Polizistin, die im Rahmen ihrer Ermittlungen intensiv mit dem Opfer gesprochen hatte. Vorab betonte die Beamtin, sich dabei auch mit dem in Somalia vorherrschenden Frauenbild beschäftigt zu haben. Dann berichtete sie von einer als „Mama“ bezeichneten Frau, die den Sitten entsprechend Kontrolle über das Opfer hatte, wenn der Mann nicht da ist. „Wenn man die Gegebenheiten kennt, ist das nachvollziehbar. Es ist ein anderes Frauenbild. Es wurde massiv Druck auf die Geschädigte ausgeübt“, sagte die Polizistin.

So etwa, wenn sie eingesperrt wurde oder alleine einkaufen ging. Dies sei mit einer „Gewaltspirale“ verbunden gewesen, bei der Ohrfeigen normal waren. Bei ihren Gesprächen habe die Frau von rund 20 Vergewaltigungen gesprochen, schilderte die Polizistin. Irgendwann habe sie keinen Sex mehr mit dem Mann gewollt, auch sei er dabei immer wieder betrunken gewesen. „Aber wenn sie das nicht wollte, hat er ein Messer danebengelegt.“

„Deutsche Gefängnisse sind besser als die in Somalia“

Dann habe er damit gedroht, sie zu töten, wenn sie ihn verlasse. „Dann würde er sie abstechen“, sagte die Polizistin. Dabei habe er betont, dass die Gefängnisse in Deutschland besser seien als in Somalia. Am Tattag habe er telefoniert, um ein Messer zu bekommen. Als er das hatte, habe er es ihr gezeigt. „Ich steche dich ab, mir ist alles egal“, soll er dabei gesagt haben.

Die meiste Zeit sei die Frau bei ihren Gesprächen „in sich gekehrt“ gewesen, berichtete die Polizistin weiter. Lediglich bei der Schilderung der Vergewaltigungen habe sie geweint. „Das war Normalität für sie“, resümierte die Polizistin. „Das war das, was sie tagtäglich erlebt hat.“

Landsmann brachte Messer zum Bahnhof

Nach der Polizistin wurden zwei Ärzte sowie eine Reihe von Zeugen vernommen, die ebenfalls aus Somalia stammen und zum Umfeld des Paares gehörten. Dabei durften die weiblichen Zeugen ihre Kopfbedeckung während der Vernehmung aufbehalten.

Bei den Vernehmungen stellte sich heraus, dass die Frau gar keine Chance hatte, dem von seinen Landsleuten offenbar „Pomboul“ genannten Abdirazak H. zu entkommen: Ein Mann schilderte, dass er „Pomboul“ das Messer zum Bahnhof gebracht habe. Der habe gesagt, er brauche ein Messer, um eine Wassermelone aufzuschneiden und der Mann solle es ihm zum Bahnhof in Rheydt bringen. Wofür „Pomboul“ das Messer tatsächlich wollte, habe er nicht gewusst, behauptete der Zeuge. Als er später hörte, was sein Landsmann mit dem Messer gemacht habe, sei es ihm wochenlang damit schlechtgegangen. Er habe Sorge gehabt, dafür bestraft zu werden, sagte er.

Ein anderer Mann schilderte, er habe von seiner Frau erfahren, „Pombouls“ Frau habe sich hilfesuchend an sie gewandt und sei nunmehr mit ihr am Bahnhof. Daraufhin habe er ihn angerufen und ihm mitgeteilt, wo seine Frau sei. Glück im Unglück hatte die Frau nur bei der Tat selber: Lebensgefahr hätte nur bestanden, wenn keine sofortige medizinische Versorgung stattgefunden hätte, berichtete der Notarzt. Ein Stich in den Oberkörper prallte an einer Rippe ab, ein Stich in den Oberschenkel verfehlte eine Schlagader knapp.

„Ich bin eine muslimische Frau und sage die Wahrheit“

Von Gewalttätigkeiten gegen die Frau wollten die Landsleute im Umfeld aber nichts mitbekommen haben: „Sie haben sich gut verstanden und haben sich auch geliebt“, sagte eine Nachbarin, die für das Paar somalisches Essen gekocht und zu Beginn ihrer Vernehmung „1975“ als Geburtsdatum angegeben hatte. Als der Vorsitzende Richter Lothar Beckers ihr vorhielt, bei der Polizei gesagt zu haben, das Opfer „draußen nie alleine gesehen“ zu haben, sagte sie, weder von Schlägen noch davon, dass Abdirazak H. seine Frau eingesperrt habe, etwas mitbekommen oder gehört zu haben. „Ich bin eine muslimische Frau und sage die Wahrheit“, sagte sie, um ihrer Darstellung Nachdruck zu verleihen.

Die Frau jenes Mannes, der „Pomboul“ am Tag der Tat telefonisch mitgeteilt hatte, wo sich dessen Frau aufhielt, äußerte sich mehrfach ähnlich. Auf Nachfrage des Richters, woher sie denn wisse, dass beide miteinander verheiratet seien, sagte sie: „Wenn ein Mann und eine Frau zusammenleben, dann sind sie nach somalischer Sitte verheiratet.“

Auch ihr Mann äußerte sich entsprechend: „Nach meinem Stand haben sie sich gut verstanden und waren glücklich miteinander.“ Erst auf Nachbohren der Anwältin der Nebenklage räumte die junge Frau ein, dass Opfer habe ihr einmal erzählt, „dass er sie geschlagen hat. Mehr hat sie nicht gesagt.“

Opfer der Lüge bezichtigt

Überraschend meldete sich Abdirazak H. zum Ende des Verhandlungstages noch zu Wort: Über seinen Dolmetscher ließ er dem Richter mitteilen, dass die Ehefrau jenes Landmannes, der ihm das Messer zum Bahnhof gebracht hatte, früher mehrere Monate lang mit ihm verheiratet war. Der andere Somalier bestätigte die Darstellung.

Daraufhin schilderte der Dolmetscher, dass Abdirazak H. damit sagen wolle, dass er „kein Monster ist“ und sich durchaus auf normalen Wege von einer Frau trennen könne. Sein späteres Opfer sei jedoch eine „Lügnerin“ gewesen, die ihn nur heiraten wollte, um in Deutschland bleiben zu können. Außerdem habe sie immer nur „Schwierigkeiten“ gemacht. „Sie hat mein ganzes Leben durcheinandergebracht“, klagte er.

Die Beweisaufnahme konnte am Mittwoch noch nicht abgeschlossen werden. Damit ist derzeit unklar, ob der Prozess tatsächlich am 7. Dezember mit der Verkündung des Urteils enden kann.

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