Düsseldorf Panorama

Salafisten-Prediger noch immer als Therapeut tätig?

Düsseldorf. Arbeitet Salafisten-Prediger „Abu Jibriel“ weiterhin in der Landeshauptstadt als Familien- und Jugendtherapeut? Nach einer Veröffentlichung von NRW.direkt soll der Therapieeinrichtung mit dem Entzug städtischer Aufträge gedroht worden sein. Die aber hüllt sich bei Nachfragen dazu weiter in Schweigen. „Jetzt muss die Stadt konsequent sein und ihre Ankündigung wahr machen“, fordert die CDU-Abgeordnete Sylvia Pantel. Die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall spricht von einer „undurchsichtigen und skandalösen Reaktion“ der Einrichtung.

Das „Therapiehaus“ im Süden Düsseldorfs (Bild: NRW.direkt)

Anfang September scheiterte der in Wuppertal lebende 49-jährige arabische Israeli Mohamad G. vor dem nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgericht (OVG) mit seiner Klage auf Einbürgerung. Der deutsche Pass war ihm bereits von der Stadt Wuppertal wie auch vom Verwaltungsgericht in Düsseldorf verweigert worden, weil er nach Ansicht der Sicherheitsbehörden unter dem Namen „Abu Jibriel“ jahrelang in der Salafisten-Szene aktiv war. Mohamad G. bezeichnete die Erkenntnisse der Behörden als falsch, das OVG aber glaubte ihm nicht.

Der israelische Palästinenser kam 1989 mit einem Visum zu Ausbildungszwecken nach Deutschland. Nachdem er 2002 in Dänemark eine Deutsche geheiratet hatte, erhielt er eine entsprechende Aufenthaltserlaubnis. Als auch die Bundesanwaltschaft auf seine Aktivitäten aufmerksam wurde, wurde er 2013 in einem Medienbericht als „einer der Internet-Stars unter den salafistischen Predigern“ bezeichnet. Falsch dürfte die Bezeichnung nicht sein; bis heute finden sich im Internet mehr als hundert Videos des Wuppertalers.

Die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall (SPD) nahm das Urteil des OVG als Anlass, sich erneut mit seinen Aktivitäten zu beschäftigen. Dabei fiel ihr unter anderem auf, dass er Mitte September unter dem Namen „Abu Jibreel“ auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Refresh your Imam“ in München angekündigt war. Einige der dort ebenfalls angekündigten Personen waren der Expertin seit Jahren als Akteure aus dem Spektrum der Muslim-Bruderschaft bekannt. „Spätestens damit wird klar, dass sich G. eben nicht von der fundamentalistischen Szene entfernt hat, wie er vor Gericht behauptet hat“, erklärte Herrmann-Marschall.

Nach Hermann-Marschalls Recherchen wird Pantel aktiv

Bei ihrer Recherchen entdeckte die Expertin aber auch den Namen und das Konterfei von Mohamad G. auf der Mitarbeiter-Liste einer familientherapeutischen Einrichtung im Düsseldorfer Süden. Die Einrichtung, die im Internet mit der Bezeichnung „Flexible Hilfen Düsseldorf“ wirbt, betreibt ein „Therapiehaus“ in der Nähe der Heinrich-Heine-Universität und hat nach eigenen Angaben „die Stärkung und Unterstützung des Selbsthilfepotentials unserer Klienten und der Kinder im familiären Umfeld“ als Leitbild. Daraufhin wurde die im Düsseldorfer Süden direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel (CDU) aktiv und informierte den städtischen Dezernenten darüber, wer im „Therapiehaus“ tätig aus.

Die Einrichtung selber reagierte jedoch nicht. Von der Möglichkeit einer Stellungnahme machte das als Gesellschaft bürgerlichen Rechts geführte Unternehmen keinen Gebrauch; stattdessen bestand die Reaktion auf die Nachfrage unserer Redaktion darin, nur einen Tag später acht Mitarbeiter-Profile, darunter auch das von Mohamad G., von der Internet-Seite der Therapieeinrichtung zu löschen.

Therapieeinrichtung schweigt weiter

Nachdem NRW.direkt Mitte Oktober darüber berichtet hatte, kam erneut Bewegung in die Sache: Nur wenige Tage später bestätigte die Stadt unserer Redaktion, dass die Einrichtung städtische Aufträge für ambulante Dienste bekomme. In der letzten Woche hieß es, der Einrichtung sei verdeutlicht worden, dass sie solche Aufträge nur noch bekommen werde, wenn „Abu Jibriel“ nicht mehr dort tätig sei. Allerdings ist derzeit nicht bekannt, ob Mohamad G. noch dort arbeitet oder nicht: Eine entsprechende Nachfrage unserer Redaktion dazu wurde am Sonntag an die Einrichtung verschickt, blieb aber bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

„Das ist eine völlig undurchsichtige und skandalöse Reaktion“, findet Sigrid Herrmann-Marschall. Die Expertin hält Transparenz für unverzichtbar: „Jeder, der im öffentlichen Auftrag agiert und dafür auch Mittel erhält, muss seine Handlungen nachvollziehbar gestalten. Das primäre Interesse muss natürlich dem Schutz der Jugendlichen gelten. Aber in zweiter Linie ist auch wichtig, dass Mittel bestimmungsgemäß verwendet werden. Da haben Zuwendungsnehmer klare Pflichten.“

Pantel fordert konsequente Reaktion der Stadt

Auch Sylvia Pantel reagierte mit Verständnislosigkeit: „Die Situation ist unhaltbar und kann so nicht bleiben“, sagte sie am Mittwoch. „Wenn die Einrichtung nicht sagen will, ob der Salafisten-Prediger dort noch tätig ist, dann kann sie von der Stadt auch keine Aufträge mehr bekommen. Da muss die Stadt jetzt konsequent sein und ihre Ankündigung wahr machen. Dass Extremisten Zugriff auf Jugendliche in labilen Lebenssituationen haben, kann und darf nicht sein. Hinzu kommt, dass Einrichtungen, die von der Stadt bezuschusst werden, den Bürgern besonders vertrauenswürdig erscheinen. Diesem Vertrauensvorschuss muss die Stadt jetzt auch gerecht werden“, forderte die CDU-Politikerin. „Und mich macht auch stutzig, dass die Therapieeinrichtung sofort mehrere Mitarbeiter-Profile gelöscht hat, nachdem der Internet-Prediger enttarnt wurde. Da muss der Staatsschutz überprüfen, was über diese Leute bekannt ist.“

Damit allein ist für Sylvia Pantel das Problem aber noch nicht gelöst: „Hier ist eine Lücke im System. Ohne die Recherchen von Sigrid Herrmann-Marschall wüsste ich bis heute nicht, wer da mitten in meinem Wahlkreis als Therapeut arbeitet. Der Verfassungsschutz hat alles gewusst, aber hier vor Ort hat niemand was gewusst“, erklärte Sylvia Pantel. „Ich höre zwar schon die Grünen laut aufschreien, aber bei bestimmten Personenkreisen brauchen wir die Regelabfrage beim Verfassungsschutz. Und das nicht nur beim Sicherheitspersonal an Flughäfen, sondern auch im sozialen und im therapeutischen Bereich. Das hat uns dieser Fall gelehrt. Hier ist die Politik gefordert, diese Lücke schnellstens zu schließen.“

Print Friendly, PDF & Email