Wirtschaft und Verkehr

Schwere Vorwürfe gegen Eurowings

Düsseldorf. In einem offenen Brief erheben Eurowings-Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen ihr Unternehmen. So würden etwa Piloten wegen fehlender Lohnfortzahlung auch krank zum Dienst erscheinen. Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel (CDU) will eine von der Lufthansa angekündigte Stellungnahme abwarten, erneuerte aber ihren Vorwurf, der Konzern betreibe Lohndumping und habe Air-Berlin-Mitarbeitern bislang nur inakzeptable Angebote gemacht.

Seit Air Berlin am letzten Freitag den Flugbetrieb eingestellt hat, dominiert die Lufthansa-Billigflugtochter Eurowings in Düsseldorf den Markt. Die Fluggesellschaft bündelt seit 2015 den Flugbetrieb des Lufthansa-Konzerns abseits der Drehkreuze Frankfurt und München. Kritiker werfen dem Konzern seit langem vor, Konstrukte wie Eurowings und Germanwings dienten lediglich dazu, die Tarifverträge der Lufthansa zu unterlaufen. Durch die Insolvenz von Air Berlin und der von der Bundesregierung gewünschten Bevorzugung des Lufthansa-Konzerns beim Verkauf von Anteilen des insolventen Unternehmens hat Eurowings derzeit auf vielen Strecken von Düsseldorf, etwa nach Hamburg oder Berlin, ein Monopol.

Ehemaligen Mitarbeitern von Air Berlin wurde zuletzt angeboten, bei Eurowings weiterfliegen zu können. Die Angebote kamen jedoch nicht von der deutschen Eurowings GmbH, sondern von der in Österreich ansässigen und ebenfalls zum Lufthansa-Konzern gehörenden Eurowings Europe. Diese wickelt einen immer größer werdenden Teil des Flugbetriebs von Eurowings ab. Mit Ausnahme der Registrierung sind die Flugzeuge und Uniformen von Eurowings und Eurowings Europe dabei nicht zu unterscheiden.

Viele ehemalige Mitarbeiter von Air Berlin beklagen jedoch, dass Eurowings Europe ihnen nur rund die Hälfte ihres bisherigen Gehalts bezahlen will. Das führte etwa bei den gut vernetzten Piloten dazu, dass sie sich nach eigener Darstellung bislang überwiegend geweigert haben, sich bei Eurowings Europe zu bewerben. Bei Eurowings wurde aber schon vor Wochen davon gesprochen, bislang rund 2.000 Bewerbungen von Piloten und Flugbegleitern von Air Berlin bekommen zu haben.

Kaum Bewerbungen von Air Berlinern bei Eurowings?

Jetzt sorgt ein offener Brief von Mitarbeitern von Eurowings Europe an ihre Kollegen von Air Berlin für Wirbel. Die Verfasser des Briefes haben diesen zuerst der Redaktion des österreichischen Fachmagazins Austrian Aviation überlassen und dabei darauf hingewiesen, dass es bei ihrem Unternehmen derzeit Bereederungsprobleme geben soll. „Ursache dafür wäre, dass sich angeblich nur sehr wenige Air-Berlin-Mitarbeiter bei Eurowings Europe bewerben würden und auf die schlechten Konditionen, insbesondere in Wien, Salzburg, Palma und München einlassen wollen. Die oft behaupteten tausenden Bewerber sind in der Realität nur wenige Dutzend, sodass jetzt massiv extern angechartert werden muss, um die Flüge durchzuführen“, wurde dazu mitgeteilt.

„Bisher galten Firmen wie Ryanair als weniger soziale Arbeitgeber, doch wenn man die Mitarbeiter von Eurowings Europe fragen würde, würden die meisten sofort zu Ryanair wechseln“, heißt es in dem unserer Redaktion vorliegenden Brief. „Warum gibt es Eurowings Europe überhaupt und warum ist die Firma in Österreich ansässig? Die Eurowings Deutschland ist tarifiert. Es existiert Mitbestimmung im Unternehmen. Um das zu umgehen und ‚flexibler‘ zu sein, hat man in Österreich, wo das Streikrecht deutlich schwächer ist, ein Start-Up gegründet. Bei Eurowings Europe gibt es derzeit keinen Betriebsrat, keine Tarifverträge und keinerlei Mitbestimmung durch die Mitarbeiter. Dies führt dazu, dass der Arbeitgeber machen kann, was er will, was auch maximal ausgenutzt wird.“

Keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall?

Weiter wird etwa beklagt, dass Krankheitstage mit Abzügen beim Grundgehalt verbunden seien: „Bei einer Grippe, bei der der Mitarbeiter beispielsweise zwei Wochen krank im Bett liegt, bekommt er 40 Prozent vom Monatsgehalt abgezogen. Hierbei reden wir nicht über Peanuts. Zwei Wochen krank bedeuten teilweise 2.000 Euro weniger in einem solchen Monat. Dieses Thema wurde seitens der Mitarbeiter schon sehr oft angemahnt und uns ist völlig unklar, wie eine Flight Safety Abteilung der Lufthansa so etwas mitmachen kann. Aber es wird gemacht und das seit Monaten.

Unsere Geschäftsleitung hält solche Konditionen und Praktiken für ‚marktgerecht‘, wir empfinden es als dunkelsten Frühkapitalismus. Den Kunden verkauft man es als sicher, denn sie fliegen ja mit der Lufthansa-Gruppe in den Urlaub. Sie sind im Glauben, eine maximal sichere Airline gewählt zu haben. Auf dem Papier mag dies auch richtig sein, aber was der Kunde tatsächlich erhält, ist eine Crew, bei der man nicht sicher davon auszugehen kann, dass niemand krank zum Dienst erscheint. Die Flugsicherheit wird damit vorsätzlich aufs Spiel gesetzt, dass es fast schon kriminell ist.“

Wird mit NIKI Druck auf Eurowings-Personal ausgeübt?

Auch die vom Lufthansa-Konzern übernommene ehemalige Air-Berlin-Touristiktochter NIKI, die derzeit einen großen Teil des Düsseldorfer Ferienflugbetriebs durchführt, wird in dem Brief erwähnt: „Unsere Geschäftsleitung hat gerade erst intern bekannt gegeben, dass ein ’neuer‘ Mitbewerber innerhalb der Lufthansa Gruppe günstiger operiert und man hierhin aufschließen muss: ‚Der Flugbetrieb darf auf keinen Fall teurer werden als bei NIKI.'“

„Das System der Wings-Gruppe und vor allem der Eurowings Europe beruht darauf, Druck auf die Mitarbeiter auszuüben, Ängste zu schüren und die einzelnen Mitarbeitergruppen der verschiedenen Flugbetriebe gegeneinander auszuspielen“, heißt es weiter. „Die Lufthansa stand einmal für Zuverlässigkeit, Fairness, soziale Verantwortung und Gerechtigkeit. Dies hat sich spätestens mit Gründung der Eurowings Europe geändert. Wir empfehlen Euch daher, euch noch intensiver als ohnehin schon Gedanken zu machen, ob ihr für solch ein Unternehmen arbeiten möchtet oder vielleicht doch lieber euer Glück bei einer seriöseren Firma zu suchen.“

„Dramatischer Aufschrei der Eurowings-Europe-Belegschaft“

Obwohl sich die Herkunft des anonym verfassten Schreibens nicht unabhängig verifizieren lässt, sehen sich die Kritiker dadurch bestätigt: „Es ist nicht das erste Mal, dass wir von den fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Eurowings Europe hören. Unermüdlich haben wir versucht, die Spannungen im Unternehmen, nach guter österreichischer Tradition, sozialpartnerschaftlich am Verhandlungstisch zu lösen“, sagte Johannes Schwarcz, Vorsitzender des Fachbereichs Luftfahrt der österreichischen Gewerkschaft vida, am Dienstag.

Das Management von Eurowings Europe wolle jedoch „einen beinharten Lohn- und Sozialdumpingkurs fahren“, kritisierte Schwarcz. Dieser sei auch gegen andere Lufthansa-Konzernairlines in Deutschland, der Schweiz und in Österreich gerichtet. Den Brief bezeichnete er als „dramatischen Aufschrei der Eurowings-Europe-Belegschaft“.

Der Lufthansa-Konzern wies die Vorwürfe gegenüber dem Fachmagazin Austrian Wings zurück. Der offene Brief, von dem man nicht wisse, ob er tatsächlich vom Eurowings-Personal stamme, enthalte „viele Unwahrheiten“. Lufthansa versprach, eine detaillierte Stellungnahme nachzureichen, in der auf die einzelnen Vorwürfe eingegangen wird.

„Der Brief übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen“

„Auf diese Stellungnahme bin ich neugierig. Denn der offene Brief bestätigt das, was ich erst gestern zu dem Konstrukt Eurowings Europe gesagt habe, hat aber meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen“, sagte die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel unserer Redaktion. Die CDU-Politikerin hatte das Angebot von Eurowings Europe an die Mitarbeiter von Air Berlin erst am Dienstag in ihrer Kolumne bei NRW.direkt als „inakzeptabel“ und „Lohndumping“ bezeichnet.

„Wenn ich dann auch noch lesen muss, dass Piloten krank zur Arbeit erscheinen, weil sie Angst vor Lohnkürzung haben, bekomme ich auch als Fluggast ein mulmiges Gefühl. Hier erwarte ich Aufklärung darüber, ob es wahr ist, dass ein so angesehenes Unternehmen wie die Lufthansa so etwas zulässt“, ergänzte Pantel, die bei Sitzungswochen im Bundestag regelmäßig mit dem Flugzeug zwischen Düsseldorf und Berlin unterwegs ist, nach der Lektüre des Briefes.

„Unabhängig von dem Brief und der Frage, wer ihn verfasst hat, wissen wir aber längst, dass Air-Berlin-Crews, die in Düsseldorf wohnen und von hier aus eingesetzt werden, jetzt für die Hälfte arbeiten sollen, deren neuer Arbeitgeber keinen Betriebsrat hat und sich durch einen Sitz im EU-Ausland geschickt dem deutschen Recht entzogen hat. Und schon alleine das ist ein Skandal sondergleichen. Das kann die Politik so nicht hinnehmen“, sagte Sylvia Pantel weiter. „Das Land Nordrhein-Westfalen und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann sind nach der Insolvenz von Air Berlin unverändert bereit, ihren Beitrag zu leisten, um eine für alle Betroffenen tragbare Lösung zu finden. Aber der Lufthansa-Konzern muss hart erstrittene Arbeitnehmerrechte anerkennen. Das ist er den Mitarbeitern schuldig, aber auch den Fluggästen aus Düsseldorf, die nach dieser Insolvenz auf Eurowings angewiesen sind.“

Bild: In Österreich registrierter Airbus A.320 von Eurowings Europe. Bildrechte: NRW.direkt

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